Erfahrungsberichte

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Wer

raphaelrueck89[at]me.com

Typus/Richtung

Erasmus - OUT

Jahr

12/13 SS

Universität

DE-BERLIN01
Berlin - Freie Universität Berlin

Studienfach

Kunstgeschichte (7640)

Gesamteindruck

Mein Semester in Berlin entspricht wahrscheinlich nicht dem üblichen Erasmussemester, denn kaum war ich angekommen, musste ich meine BA-Arbeit über Filme von sozialen Bewegungen schreiben. D.h. dass ich den ganzen Februar und März damit verbrachte Bücher in den verschiedenen Bibliotheken der deutschen Hauptstadt zusammenzusuchen, Filme zu meinem Thema zu gucken und oft bis zur Schliessung in der Amerikanischen Gedenkbibliothek beim Halleschen Tor (meine Lieblingsbib!) Texte zu lesen. Das klingt vielleicht doch zu fleissig, denn natürlich hab ich auch vom reichen Kulturangebot profitiert. Die zwei ersten Februarwochen war ich mit Zürcher Kommilitonen an der Berlinale und hatte danach fast eine Film-Überdosis. Aber das Festival lohnt sich auf jeden Fall! 

Gewohnt habe ich im multikulturellen Neukölln zusammen mit 5 sehr netten Deutschen. Wir hatten auf dem Tempelhofer Feld einen kleinen Schrebergarten und haben am Sonntag immer Kaffee und Kuchen zelebriert. Ich bin sehr froh über die grosse WG, denn über sie habe ich auch meine ersten Berliner Freunde gefunden.

Vorbereitung

Die Vorbereitung bestand in Zimmersuche und Aussuchen von Vorlesungen mit dem FiWi Erasmus-Koordinator, Wolfgang Fuhrmann. Leider wurde kein richtiges Äquivalent zur Zürcher Filmgeschichtsvorlesung gefunden. Nach Absprache mit Prof. Schweinitz einigten wir uns auf einen besonderen Leistungsnachweis, der dann doch ganz gut zum hiesigen Pflichtmodul Filmgeschichte II passt. Wie alle anderen Erasmusstudenten musste ich natürlich auch ein paar andere bürokratische Hürden (Learning Agreement und andere Formulare) überwinden. Der Papierkram ist nicht zu unterschätzen!

Ankunft

In der Woche vor Vorlesungsbeginn wurden an der FU sehr professionell organisierte Einführungstage durchgeführt. Die Informationen über Sprachkurse, deutsche Geschichte etc. richteten sich jedoch stärker an fremdsprachige Erasmus- und andere Austauschstudenten. 

Da ich schon seit zwei Monaten in Berlin wohnhaft war (d.h. ich war bereits beim Meldeamt vorbeigegangen und hatte bei einer deutschen Bank ein Konto eröffnet) musste ich zu Semesterbeginn bloss noch das Semesterticket (240 Euro, wenn ich mich nicht täusche) zahlen. Das Semesterticket ist ein sehr interessantes Angebot für Berliner Studenten. Es entspricht etwa einem GA in der Schweiz und fungiert gleichzeitig als Studentenausweis.

Zimmersuche
Wohnen

Ich habe mein Zimmer über www.wg-gesucht.de gefunden. Dem Rat einer deutschen Freundin folgend, habe ich mir da ein Profil erstellt und Benachrichtigungen bei jedem neuen Inserat für meine Lieblingsviertel (Friedrichshain, Kreuzberg, Neukölln) abonniert. Im Dezember habe ich während ca. einer Woche mehrmals mein Interesse an verschiedene WGs bekundet bis mir dann die Neuköllner WG ein Skypegespräch anbot. Wir konnten uns so gegenseitig beschnuppern. Am nächsten Tag habe ich die Zusage gekriegt.

Von anderen Erasmusstudenten habe ich gehört, dass ihnen die Zimmersuche nicht so leicht gefallen ist. Viele WGs bevorzugen eine life Begegnung bevor sie sich für wen entscheiden. Ich hatte da wohl Glück mit meinen Mitbewohnern.

Universität

Die FU ist sehr gross und zunächst ein wenig unübersichtlich. Es gibt verschiedene Standorte und die Institute sind weit verstreut. Die romanische Bibliothek, genannt the brain im Hauptgebäude (Rost- und Silberlaube), ist ein sehr guter Ort zum Arbeiten. Auch die Unimensen fand ich sehr überzeugend - günstig und für jeden Geschmack was dabei. Bezahlt wird dort mit der MensaCard, die man zuvor mit einem Guthaben aufladen muss. In gewissen Bibliotheken (Grimmbibliothek) kann sie sogar als Schliessfachschlüssel aktiviert werden. Vorbildliches System!

Die Atmosphäre am Institut für Theater- und Filmwissenschaft, an dem ich meine Lehrveranstaltungen besuchte, erschien mir sehr familiär aber zugleich ein wenig elitär (die FU platzt fast vor Selbstbewusstsein seit sie den wenigen deutschen Exzellenzunis angehört). Gleichzeitig scheinen die Studierenden jedoch einiges engagierter und diskussionsfreudiger als in Zürich zu sein...

Leben/Freizeit

Ich habe reichlich vom grossen Kino-, Theater- und sonstigen Freizeitangebot der deutschen Hauptstadt profitieren können. 

Meine Lieblingskinos sind das International, das Babylon Mitte und das Neue Off. Aufführungen und grosse Schauspielkunst sah ich am Deutschen Theater sowie an der Volks- und Schaubühne. Auch einer Tanzperformance konnte ich im HAU (Hebbel am Ufer, Kreuzberg) beiwohnen. 

Als Ausgleich zum Unialltag war ich auch öfters das Tanzbein schwingen, und zwar am liebsten im Fuchs & Elster beim Hermannplatz. Da gibts super Swing, Jazz und Balkan Sounds mit Konzerten im ersten Teil des Abends. Sonntags bin ich ab und zu mit einem Haufen anderen Touristen zum Mauerpark gepilgert, wo verschiedene Strassenkünstler und Flohmarktstände die Euros aus dem Portemonnaie locken. Im Winter habe ich zudem ein paar Berliner Hallenbäder besucht, um nicht ganz zu verrosten. Das Velodrom mit seinem 50-Meter Schwimmbecken ist herrlich. Für Sauna und interessante neorömische Architektur würde ich eher das Stadtbad Neukölln empfehlen.

Gerne bin ich auch nur in meinem Viertel spazieren gegangen, um mir ein detaillierteres Bild vom vielseitigen Neukölln zu machen. Mit einer Mitbewohnerin haben wir an einem Wochenende auch einen Roadtrip gestartet, der uns über die Lutherstadt Wittenberg nach Dresden führte. Auch ein ganz heisser Tip!