Erfahrungsberichte

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Wer

bimabelle[at]gmx.ch

Typus/Richtung

Erasmus - OUT

Jahr

12/13 WS + SS

Universität

BE-LIEGE01
Liège - Université de Liège

Studienfach

Rechtswissenschaft (2000)

Gesamteindruck

Liège ist arm die Arbeitslosenquote liegt bei 25 Prozent, dies wird einem allerdings nicht sogleich bewusst, da man im neuen und modernen vom spanischen Stararchitekten Santiago Calatrava gestalteten Hauptbahnhof ankommt. Allerdings zeigt sich die Armut, wenn man die ersten SDF(sans domicile fixe) in den Nischen des architektonischen Meisterwerkes schlafen sieht. Die Stadt bemüht sich, was sich beispielsweise im neuen Abfallentsorgungssystem oder an der erhöhten Polizeipräsenz zeigt doch man merkt schnell, dass es an allen Ecken und Enden mangelt. Die Strassen sind schmutzig und die Strassenbeleuchtung insbesondere im Winter mehr als unzureichend. Viele der einst stattlichen Häuser befinden sich in einem stark vernachlässigten Zustand. Der öffentliche Verkehr ist unzuverlässig, Streiks sind an der Tagesordnung und im Winter bei Schneefall oder Eis auf der Fahrbahn kann es vorkommen, dass keine Busse fahren, da es kein Schnee- bzw. Eisräumungssystem gibt. Liège ist zudem eine eher gefährliche Stadt, so wurde sie in einer europäischen Studie als gefährlichste Stadt der EU eingestuft. Die Universität und die Polizei raten speziell Frauen sich abends bzw. nachts nicht alleine zu bewegen oder ein Taxi zu nehmen. Dieser Ratschlag sollte auf jeden Fall berücksichtigt werden, insbesondere da die Kosten für ein Taxi moderat ausfallen. Doch auch für Männer kann es gefährlich werden, weil Schlägereien mit Flaschen, Hockeystöcken oder Fäusten nicht nur nachts im Ausgangsviertel sondern auch tagsüber durchaus häufig sind. Man sollte auch davon Abstand nehmen allzu stark mit Buschauffeuren zu diskutieren, da sie sich nicht scheuen den Bus zu stoppen, auszusteigen und Fahrgäste zu verprügeln. Allgemein kann man wohl sagen, dass die Grundstimmung in Liège tendenziell aggressiv ist. Hinsichtlich des Wetters lässt sich sagen, dass es generell kalt, nass und grau ausfällt. Die Winter sind sehr lang und die Kälte ist eine sehr trockene. Minustemperaturen sind normal und sie fühlen sich kälter an als in Zürich. Zudem wird es im Winter ca. um vier Uhr nachmittags dunkel, was noch von der bereits erwähnten unzureichenden Strassenbeleuchtung verstärkt wird. Von all dem sollte man sich jedoch nicht abschrecken lassen sein Erasmus in Liège zu verbringen. Man sollte sich dessen einfach bewusst sein. Liège hat viel zu bieten nicht zuletzt seine zentrale Lage, welche günstige Reisen nach Frankreich, Deutschland oder den Niederlanden ermöglicht. Auch ist das Erasmusprogramm der Universität Liège exzellent. Nicht nur dass alles unglaublich perfekt organisiert ist sondern dass den Erasmusstudenten viel geboten wird. Das Angebot reicht von BBQ über Kurztrips zu Party teilweise kostenfrei oder zu sehr günstigen Konditionen.

Vorbereitung

Die wichtigsten Informationen auf Seiten der Universität Liège (ULG) konnte ich auf der äusserst übersichtlich gestalteten Internetseite (auf Französisch, Deutsch oder Englisch) abrufen. Danach musste ich einen kurzen auf Französisch abgefassten Motivationsbrief zu schreiben. Danach galt es das separate Learning Agreement der ULG auszufüllen, dabei habe ich Kurse aus einer Liste speziell für Erasmusstudenten ausgewählt. Dieses Agreement ist nicht fix und kann später noch abgeändert werden. Auch kann es vorkommen, dass die angebotenen Kurse doch nicht abgehalten werden. Danach habe ich die definitive Bestätigung des Aufenthalts erhalten. Die Koordinatorin der Universität Frau Kucharska sollte man besser per Telefon kontaktieren (sie spricht auch Englisch), da sie per Mail eher selten zurückschreibt. Sie ist allerdings sehr gut organisiert und sehr freundlich, so dass es kein Problem ist sie um Auskunft jeglicher Art zu bitten. Gleiches galt für meine Koordinatorin der juristischen Fakultät Frau Vrancken. Sie kannte uns Erasmusstudenten schnell namentlich. Sie ist sehr hilfsbereit und geduldig und man ist bei ihr sehr gut aufgehoben.

Für den Aufenthalt in Belgien musste ich als Schweizer Bürgerin keine besonderen Vorschriften beachten. Sollten sich dennoch Fragen stellen so hilft der belgische Botschafter gerne persönlich via Telefon.

Ankunft

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Flüge von Zürich nach Brüssel teuer sind. Es bietet sich daher an von Basel oder Genf mit Easyjet oder Air Brussels anzureisen, was bedeutend günstiger ist. Von Brüssel international Airport nimmt man den Zug nach Liège Guillemins, was ca. 1 ½ h dauert, eine direkte Verbindung gibt es nicht man muss also einmal umsteigen. Für die Reise von und zum Flughafen muss zum normalen Ticket der Diabolo-Zuschlag bezahlt werden. 

Zimmersuche
Wohnen

Für die Zimmersuche sollte man etwas Zeit investieren. Neben einem Zimmern in einer WG in sogenannten Kots kann man auch in einem Studio, dem Studentenwohnheim der Universität oder dem Student Hotel unterkommen. Die Internetseite der ULG ist bei der Suche eine grosse Hilfe. Zudem bietet die Erasmusgruppe der ULG in den Tagen vor Semesterbeginn an der Universität (Place du 20 Août) in Eingangsfoyer einen Service an bei dem freie Zimmer ausgeschrieben sind und sogleich bei den Vermietern ein Besichtigungstermin organisiert wird. Mein Zimmer in einem modernen Kot mit zwei Mitbewohnern für 370 € habe ich über diesen Service gefunden. Zimmer in Kots können häufig nur für ein Jahr gemietet werden (ausser man kümmert sich selbst um die Untervermietung). Auch wenn die juristische Fakultät mit dem Bus ca. 30 Minuten vom Stadtzentrum entfernt ist, kann ich aus Erfahrung sagen, dass es besser ist im Zentrum von Liège zu wohnen. Am besten um den Place de la Cathédrale, Pont d’Avroy oder um den Place St. Lambert. Von da ist es weder weit zu den Bussen welche an die Universität Sart Tilman fahren, noch an die Universität im Zentrum (Place du 20 Août) oder ins Carré das Ausgangsviertel von Liège. Eher meiden sollte man die Rue St.-Gilles, da diese Strasse obwohl tagsüber sehr belebt in der Nacht sehr ungemütlich ist. Ich selbst habe da in der Nähe gewohnt, habe abends immer den Bus und Nachts immer ein Taxi genommen und hatte nie Probleme. Zu den Kots lässt sich sagen, dass der Standard der angebotenen Zimmer stark schwankt. Wenn man jedoch früh genug mit der Suche beginnt, ist die Auswahl grösser und man kann etwas wählerischer sein. Es ist üblich, dass es bei Kots und in den Wohnhäusern keine Waschmaschinen gibt. Man wäscht seine Wäsche in öffentlichen Waschsalons (Lavoirs). Diese sind besonders im Winter, wenn es draussen kalt ist ein beliebter Treffpunkt für SDF welche sich da häuslich einrichten. Zudem wird mit Drogen gehandelt und konsumiert. Am besten bleibt man ruhig und versucht allem aus dem Weg zu gehen, da besonders die Drogendealer aggressiv sind und auch handgreiflich werden können.

 Das Studentenwohnheim der ULG ist auf dem Hügel gelegen, auf dem sich auch die Universität Sart Tilman befindet. Nähere Informationen findet man auf der Homepage der ULG. Das Gebäude und die Einrichtung sind sehr stark veraltet. Das Zimmer besteht aus einem Eingangsbereich mit Einbauschrank und Dusche die man sich mit einer weiteren Person teilt (die Dusche kann nicht mit einer Tür geschlossen werden und der kleine Raum wird durch ein Trennwändchen unterteilt) sowie dem Zimmer, welches man mit einer Tür schliessen kann. Die Toilette teilt man sich mit sieben anderen Mitbewohnern, wobei es direkt bei den Toiletten keine Möglichkeit gibt sich die Hände zu waschen. Was das Waschen der Kleider anbelangt kann man die Waschmaschinen des Wohnheims benutzen.

Auch wenn die Näher zur Universität sicherlich ein Pluspunkt ist, würde ich eher davon abraten da zu wohnen, da der Standard tief ist und sich das Leben insbesondere das Ausgangsleben im Zentrum abspielt und es keine Nachtbusse gibt.

 Das Student Hotel befindet sich im Zentrum in der Nähe des Busse und des Ausgangsviertels. Nähere Informationen finden sich auf der Homepage der ULG. Hier sollte man versuchen ein Zimmer oberhalb des 2 Stockwerkes zu erhalten, da es in der Lobby und im Garten sehr laut werden kann. Im Student Hotel ist immer etwas los und man lernt bereits von Beginn viele Erasmusstudenten kennen. So ist man sicherlich nie allein. Zudem wird oft vor dem Ausgang in der Lobby auch mit ausserhalb wohnenden Studenten vorgefeiert. Minuspunkte sind zum einen das etwas laxe Management, welches bei Problemen sehr langsam agiert, dass man sich eine Küche mit dem gesamten Stockwerk teilt sowie der erhöhte Lärmpegel. Pluspunkte sind die zentrale Lage, die vielen Mitbewohner sowie die Sicherheit die diese Form der Unterkunft bietet.

Universität

Wie bereits erwähnt, ist die Universität sehr gut organisiert. Zum Semesterbeginn im September gab es allgemeine sowie auch fakultätsinterne Informationsveranstaltungen für Erasmusstudenten, bei denen das studentische Leben an der ULG vorgestellt und näher gebracht werden. Dazu gehören auch die Erkundung des Unigeländes und der Stadt zu Fuss oder per Fahrrad sowie ein Mittagessen an dem es kostenlos Gerichte aus verschiedenen Ländern zu kosten gibt und verschiedene BBQs an denen viel Wein und Bier zur Verfügung gestellt werden.

 Die Erasmusgruppe organisiert verschiedene Partys und viele weitere Aktivitäten. Für 5€ kann eine ESN-Card erstanden werden mit der man von vielen Vergünstigungen profitieren kann. Der Gruppe kann bereits im Vorfeld auf Facebook beigetreten werden. Dies ist praktisch, da auf diesem Weg Erasmusstudenten oft ihre Zimmer in Kots, Fahrräder usw. ausschreiben.

 Die Erasmusstudenten der juristischen Fakultät werden ausgezeichnet betreut durch Frau Vrancken. Sie hilft einem auf unbürokratische Weise alle Hürden des Erasmusaufenthalts zu überwinden. Sobald sie weiss für welche Kurse man sich eingeschrieben hat, schaltet sie einem auf der Webpage der ULG, My ULG frei auf der sämtliche Professoren ihre Unterlagen zur Verfügung stellen (aufgepasst manche der Files haben ein Ablaufdatum am besten man speichert die Unterlagen gleich nachdem man sie geöffnet hat). Auf My ULG erhält man auch sämtliche unispezifischen E-Mails oder sonstigen Informationen.

 Die Auswahl der Kurse ist im Herbstsemester grösser als diejenige im Frühlingssemester aber es gibt viele internationale Kurse sowie Kurse auf Englisch oder solche speziell für Erasmusstudenten. Ich habe auf ein Gleichgewicht zwischen Englischen und Französischen Kursen geachtet, da meine Englischkenntnisse zu Beginn klar besser waren, was sich als angenehm herausgestellt hat. Wenn man ein Jahr bleibt, muss man zwei obligatorische Fächer belegen. Zum einen eine Einführung in das belgische Privatrecht und zum anderen eine Einführung in das belgische Staatsrecht. Beide Kurse sind sehr informativ aber auch anspruchsvoll. Allgemein empfand ich die Professoren als sehr motiviert und bestrebt den Studenten etwas zu vermitteln. Wenn man sich als Erasmusstudent zu erkennen gibt, sind die meisten der Professoren sehr hilfsbereit und verständnisvoll. Die viele der Kurse werden mit Power Point Folien begleitet und oder es gibt ein Buch, welches gelesen werden kann. In manchen der Kurse gibt es jedoch keine Unterlagen und man ist auf seine Notizen angewiesen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die belgischen Studenten anfänglich eher zurückhaltend sind, sobald man sie jedoch anspricht sind sie äusserst hilfsbereit und freuen sich einem die belgische Kultur näher zu bringen. So ist es kein Problem sie um Notizen zu bitten, welche sie einem ohne weiteres zur Verfügung stellen. Das Niveau der Kurse entspricht ungefähr demjenigen an der Universität Zürich. Auch wenn keine Anwesenheitspflicht besteht, sind die Klassen eher klein, so dass sich die Professoren die Gesichter einprägen und auch mal nachfragen wo man war, wenn man mal nicht in der Vorlesung war. Die Prüfungen werden mündlich oder schriftlich abgehalten, meistens wird die Prüfungsart bereits in der Kurzinformation zum Kurs angekündigt, welche auf der ULG Internetseite abgerufen werden können. In den mündlichen Prüfungen sind die Professoren zumeist verständnisvoll, wenn man sich mit der Sprache etwas schwer tut und helfen einem oft aus, wenn einem mal ein Wort oder ein spezifischer Ausdruck entfällt. Dennoch die Anforderungen sind hoch und der Stoffumfang ist gross, wenn man die Prüfungen bestehen will kommt man um ein seriöses Studieren nicht herum.

 Um seine Französischkenntnisse aufzubessern kann man einen Französisch Abendkurs besuchen. Diese Kurse sind gratis und man kann sich 5 ECTS-Credits anrechnen lassen. Der Kurs findet zweimal in der Woche zwei Stunden statt und ist sehr lehrreich. Zudem bietet einem der Kurs eine weitere Möglichkeit mit Erasmusstudenten in Kontakt zu kommen. Man kann auch vor Semesterbeginn einen zwei wöchigen Einführungskurs besuchen, welcher einem vorab einen Einblick in die Französische Sprache sowie die Kultur Belgiens vermittelt. Alle Informationen findet man auf der Internetseite des Spracheninstituts ISLV.

Leben/Freizeit

Belgien ist das Land des Biers. In vielen Bars gibt es eine grosse Auswahl und das Bier ist wirklich ausgezeichnet. Als Nicht-Bier-Trinkerin in der Schweiz habe mich schnell zur Bier-Spezialistin in Belgien gewandelt. Aber Achtung der Alkoholgehalt ist höher als in der Schweiz, so kann ein Bier gut und gerne 11 Volumenprozent haben, daran muss man sich erst gewöhnen. Wer sich für den Herstellungsprozess des Biers interessiert, kann in einer der vielen Brauereien Belgiens an einer der lehrreichen Führungen mit anschliessender Verkostung teilnehmen. Grosse Bierliebhaber können sogar das beste Bier der Welt Westvleteren 12 kosten. Dies ist jedoch auschliesslich in der Abtei in Westvleteren möglich die sich ca. eine Autostunde von Brugge entfernt befindet.

Das Nachtleben in Liège ist äusserst intensiv. Im Carré dem Ausgangsviertel wird viel getrunken, getanzt und gefeiert oft bis in die Morgenstunden. Leider ist es manchmal sehr schmutzig und viele sind zu betrunken. Für Frauen ist es teilweise sehr unangenehm, da die betrunkenen Männer keine Grenzen mehr kennen und einem ohne Hemmungen betatschen. Angenehmer ist es in den Bars rund ums Viertel in denen auch ausgelassen gefeiert wird.

Von Liège aus kann man viele Ausflüge in und ausserhalb Belgiens unternehmen. Besonders herauszuheben sind Maastricht eine sehr schöne niederländische Stadt, die sich eine halbe Zugstunde von Liège entfernt befindet und ein Einkaufsparadies ist, Brugge die pittoreske mittelalterliche Stadt, welche sich ca. 2 Stunden mit dem Zug von Liège befindet, Antwerpen mit dem zweitgrössten Hafen Europas oder die belgische Hauptstadt Brüssel eine Zugstunde von Liège entfernt mit ihrem atemberaubenden Hauptplatz. Auch wenn die Züge oft verspätet sind oder gänzlich ausfallen, ist das Reisen mit dem Zug angenehm und es gibt viele Verbindungen in sämtliche Städte Belgiens. Wenn man den Go Pass, 10 Fahrten in sämtliche belgische Städte für 50€ für alle unter 26 oder den Rail Pass 10 Fahrten für 76€ für alle über 26 kauft reist man zudem extrem günstig. Weitere Informationen gibt es auf der Homepage der belgischen Bahn SNCB.