Erfahrungsberichte

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Typus/Richtung

Austausch - OUT

Jahr

10/11 SS

Universität

CN-
Beijing - Tsinghua University

Studienfach

Betriebswirtschaftslehre (3010)

Gesamteindruck

Das Austauschsemester an der Tsinghua Universität war für mein Studium eine grosse Bereicherung und hat hat meinen Horizont in verschiedener Hinsicht erweitert. Neben dem eigentlichen Studium war es vor allem auch das kulturelle Umfeld, das mich um viele Erfahrungen reicher gemacht hat. Durch den Kontakt mit chinesischen Studenten und Dozenten wurde mir das Land näher gebracht, das aber auch nach dem fünfmonatigen Aufenthalt noch immer nicht ganz fassbar ist.

Da die School of Economics and Management (SEM) mit vielen ausländischen Universitäten bilaterale Abkommen abschliessen konnte, hat es an der Fakultät Austauschstudenten aus aller Welt. Dies führt dazu, dass man sich in einem äussert internationalen Umfeld bewegt.

Insgesamt bleibt ein positiver Eindruck, sodass ich ein Aufenthalt an der Tsinghua Universität ohne jegliche Zweifel weiterempfehlen kann.

Vorbereitung

Die Vorbereitung für den Aufenthalt war sehr unkompliziert. Was man natürlich braucht, ist ein Visum, das auf dem chinesischen Konsulat in Zürich ausgestellt werden kann. Ausserdem muss man sich offiziell via Onlinetool an der Tsinghua Universität einschreiben. Nähere Informationen dazu gibt es auch in den Broschüren, mit denen mich die Verantwortlichen der SEM-Fakultät in den Wochen und Monaten vor meiner Abreise eingedeckt haben. Diese Informationen waren sehr hilfreich, besonders auch für die ersten paar Tage nach der Ankunft in Peking. 

Vor der Abreise musste ich mich zudem bereits für die Kurse anmelden, die ich während des Semesters besuchen wollte. Die Registrierung für die Kurse erfolgte Online mit einem Punktesystem, wie es auch an anderen Universitäten praktiziert wird. Auch dies wurde vorgängig per Email genau erklärt. Sollte man die erste Registrierungsperiode verpassen, gibt es anfangs Semester eine zweite bidding round, wo man die Punkte für die entsprechenden Kurse nochmals neu vergeben kann.

Man sollte sich auch vorgängig erkundigen, wie man sich für das Studentenheim ein Zimmer sichern kann. Im Frühjahrsssemester 2011 war es nicht möglich, sich ein Zimmer vor der Ankunft zu reservieren. Dies könnte sich aber bereits für das Herbstsemester 2011 ändern. Sollte eine Reservation per Internet immer noch nicht möglich sein, empfiehlt es sich, nicht später als etwa eine Woche vor Semesterbeginn abzureisen. Ansonsten kann es sein, dass - wenn überhaupt - nur noch Doppelzimmer verfügbar sind.

Nicht zuletzt würde es sich zudem lohnen, vor dem Aufenthalt einen Sprachkurs zu absolvieren. Dies kann einem das Leben erleichtern (vor allem während der ersten Tage nach der Ankunft), da die Englisch-Kenntnisse der Chinesen im besten Fall sehr rudimentär sind. Aber auch ohne Sprachkenntnisse kann man sich durchschlagen. Es ist empfehlenswert, sich einige Standardsätze in Schriftzeichen aufschreiben zu lassen (zum Beispiel die Adresse der Universität bzw. des Studentenheims). Für gewisse Smartphones gibt es zudem sehr nützliche Apps (zum Beispiel Pleco), die in diesem Zusammenhang sehr hilfreich sein können.

Ankunft

Nach der Ankunft nimmt man am besten ein Taxi und fährt zum Gebäude 19 des Studentenheims. Im ersten Stock befindet sich die Reception für ausländische Studenten, wo man die Miete für die ersten zwei Monate begleichen muss. Deshalb sollte man genügend Bargeld oder eine Kreditkarte mit ensprechend hoher Limite dabei haben. Dort kann man sich auch gleich den Internetzugang kaufen. Nachdem man das Zimmer beziehen konnte, würde ich als Nächstes dann den Kauf eines Velos (auf dem Campus gibt einige Händler) empfehlen, um sich auf dem Campus fortbewegen zu können. Zudem muss man sich einige Tage vor Semesterbeginn beim Foreign Student Affairs Office registrieren. Dieses Büro ist auch die erste Anlaufstelle für Visa-Verlängerungen und andere administrative Probleme.

Zu Beginn meines Aufenthaltes haben einige MBA-Studenten einen Informationstag für Austauschstudenten organisiert. Diese Veranstaltung hat mir sehr geholfen, mich im in meinem neuen Umfeld zurechtzufinden. Zudem ist es eine gute Gelegenheit, die Mitstudenten kennenzulernen.

Zimmersuche
Wohnen

Ich hatte mich vor allem deshalb für das Studentenheim entschieden, weil es den Kontakt mit anderen Studenten erleichtert. Von Vorteil sind auch die kurzen Distanzen zu den Lehrgebäuden und anderen Einrichtungen. Grundsätzlich ist auf dem Campus nämlich alles vorhanden, was man für den Alltag braucht. Es bringt aber auch gewisse Nachteile mit sich. So sind die Zimmer weder schön eingerichtet noch besonders gross. Aber wenn die Ansprüche nicht zu hoch sind, kann man damit gut leben. Was mich schon eher störte, war der Umstand, dass das Warmwasser nicht den ganzen Tag zur Verfügung stand.

Alles in allem war ich aber mit meinem Einzelzimmer zufrieden. Im Doppelzimmer kann man jedoch - je nach Mitbewohner - auch weniger angenehme Erfahrungen machen. Es empfiehlt sich daher, sich frühzeitig um ein Einzelzimmer zu kümmern.

Universität

 Die Kurse, die ich besuchen konnte, fanden alle im Rahmen des MBA-Programms statt. Die Unterrichtssprache ist dabei ausschliesslich Englisch, wobei die Englisch-Kenntnisse der Dozenten stark variieren. Durch die Einbettung in das MBA-Programm ist es auch nicht schwierig, chinesische Studenten kennenzulernen. Weniger erfreulich war hingegen die Anzahl der zur Verfügung stehenden Kurse. Da für die regulär eingeschriebenen Studenten (also nicht Austausch-Studenten) im Frühjahrssemester hauptsächlich Praktika vorgesehen waren, war die Auswahl an Kursen dementsprechend klein. Zudem waren fast keine Kurse in Volkswirtschaft im Angebot, weshalb ich mir im VWL-Masterprogramm in Zürich nicht alle Kreditpunkte anrechnen konnte. Es wurde mir zwar nachträglich gesagt, dass es weitere VWL-Kurse auf Englisch gäbe; dies ist aber aus den zur Verfügung stehenden Informationsbroschüren nicht ersichtlich. Es lohnt sich deshalb, bezüglich dem Kursangebot bei der Fakultät nachzufragen.

Betreffend der Dauer der Kurse ist Folgendes zu beachten: Die meisten Veranstaltungen enden bereits nach der achten (je nach Semester auch nach der neunten) oder zwölften Semesterwoche; gleichzeitig kann aber eine einzelne Lektion über drei Stunden dauern. Dies hat den Vorteil, dass man nach den Schlussprüfungen noch genügend Zeit hat, um eine Reise zu unternehmen. Es führt aber auch dazu, dass der Arbeitsaufwand während der Semesterwochen sehr gross sein kann.

Denn im Unterschied zu den Veranstaltungen in Zürich gibt es zu jedem Kurs mehrere Leistungskontrollen. Neben der Schlussprüfung werden meist mehrere Hausarbeiten, Vorträge, Papers und nicht zuletzt die Beteiligung am Unterricht benotet. Es besteht ausserdem Anwesenheitspflicht, was die chinesischen Studenten aber oft zu umgehen wissen.

Es gilt zu beachten, dass die Qualität und der Schwierigkeitsgrad des Unterrichts je nach Vorlesung stark variieren können. Grundsätzlich kann man aber sagen, dass das Niveau tiefer ist als in den Master-Programmen der Universität Zürich. Dies ist wohl auch deshalb so, weil oft MBA-Studenten zugelassen werden, die einen nicht wirtschaftswissenschaftlichen Background haben.

Im Folgenden möchte ich auf einige der von mir besuchten Kurse eingehen:

- Investment Theory: Wer bereits einige Kurse in Finance belegt hat und sich mit CAPM und Portfoliotheorie auskennt,  wird in dieser Veranstaltung nicht viel dazu lernen. Für alle anderen ist eine gute Einführung in die Thematik. 

- Doing Business in China: Dieser Kurs ist bei den Studenten sehr beliebt, da es für ausländische Studenten sehr lehrreich sein kann, von chinesischen Eigenheiten im Geschäftsleben zu erfahren. Der Professor hat aber leider die Tendenz, eher von seinen Erfolgen zu sprechen, als auf das eigentlich informative Kursmaterial einzugehen. 

- Doing Business in America: Professor Chovanec, der diesen Kurs leitet, wird in der englischsprachigen Presse oft zum Verhältnis zwischen China und den USA befragt. Da er die politischen und wirtschaftlichen Systeme beider Länder gut kennt, bietet die Vorlesung interessante Aspekte zu dieser Thematik, wobei das Hauptaugenmerk aber auf das amerikanische Umfeld gelegt wird. Der Kurs ist zudem sehr gut strukturiert, was bei anderen Veranstaltungen nicht immer der Fall ist.

- China in the World Economy: Dies war der mit Abstand interessanteste Kurs des ganzen Semesters. Professor David Li erläutert dabei die wichtigsten volkswirtschaftlichen Theorien und vergleicht sie mit empirischen Studien zur wirtschaftlichen Entwicklung von China. Leider konnte ich mich als Austausch-Student nicht für den Kurs registrieren und wurde nur als Zuhörer zugelassen.

Leben/Freizeit

Peking bietet viele Sehenswürdigkeiten, von denen man einige nach einem längeren Aufenthalt in der Stadt gesehen haben muss. Dazu gehören sicherlich die Grosse Mauer, die Verbotene Stadt, der Sommerpalast und der Himmelstempel.

Da viele Kurse bereits nach acht oder zwölf Wochen zu Ende sind, bietet es sich an, noch weitere Teile Chinas zu bereisen. Sehr beliebte Destinationen sind dabei Südchina (zum Beispiel Guilin), Sichuan oder Tibet. Als (verlängerte) Wochenendausflüge sind auch Städtetrips nach Shanghai oder Xian zu empfehlen. Die Distanzen sind für europäische Verhältnisse zwar beträchtlich, was einem in China aber weniger bewusst ist. Wegen der klimatischen Verhältnisse ist es bedeutend angenehmer, im Sommer zu reisen. Sollte man eine längere Reise geplant haben, ist es daher empfehlenswert, den Austausch im Frühjahrssemester durchzuführen.