Erfahrungsberichte

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Wer

andrin.spescha[at]gmx.ch

Typus/Richtung

Austausch - OUT

Jahr

10/11 SS

Universität

CN-
Shanghai - Fudan University - School of Economics

Studienfach

Volkswirtschaftslehre (3020)

Gesamteindruck

Mein Austauschsemester nach Shanghai an die Fudan University hat mir extrem gut gefallen und meine bereits positiven Erwartungen noch klar übertroffen. Es war eine super Entscheidung dieses Erlebnis zu wagen. Der Einblick in die Lehren einer anderen Universität in diesem doch sehr fremden Land stellte für mich eine sehr wertvolle und höchst willkommene Abwechslung zu meinem bisherigen Studium an der Universität Zürich dar. Noch viel mehr als das Studium hat mir das eigentliche Leben in Shanghai gefallen. Shanghai ist eine extrem lebendige und kosmopolitische Stadt wo man neben der einheimischen Bevölkerung Leute aus allen Ecken der Welt trifft. Der Kontakt mit der chinesischen Kultur ermöglichte es mir zudem viele für uns selbstverständliche Dinge einmal aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Die Unterschiede zu den bei uns üblichen Verhaltens- und Denkweisen sind oft sehr gross, was es für mich extrem spannend machte die chinesische Sichtweise zu erkunden.

Vorbereitung

Im Reisemedizinischen Zentrum der Universität Zürich kann man sich ein paar Monate vor der Abreise über allfällig notwendige Impfungen informieren. Man sollte sich aber bewusst sein, dass die dortigen Ärzte ziemlich impffreudig sind.

Der Besuch eines Chinesischkurses im ETH Sprachzentrum ist sicher auch keine schlechte Idee. Ich selber habe im Semester vor dem Austausch den A1 Einführungskurs belegt. In den ersten Wochen versteht man dann leider trotzdem kein einziges Wort. Der Kurs bietet jedoch eine gute Basis, auf welcher man dann, sofern der Wille vorhanden ist, vor Ort in Shanghai aufbauen kann.

Als Art des Visums würde ich F beantragen, mit 180 Tagen Aufenthalt und zwei Einreisen ins Land. Man kann auf diese Weise China zwar nur einmal verlassen, das Land bietet meiner Meinung nach aber bereits mehr als genug äussert sehenswerte Reisedestinationen. Man kann so den bürokratischen Mehraufwand eines multiple-entry Visas umgehen. Zudem hat man mit 180 Tagen eine längere Aufenthaltsdauer als mit dem multiple-entry Visa, das üblicherweise in dem Monat in welchem das Studium endet, ausläuft.

Man sollte zudem unbedingt genügend warme Kleider mitnehmen. Auch im Frühlingssemester kann es sehr kalt werden. Die Temperaturen fallen im März zwar nicht mehr unter den Gefrierpunkt, die meisten Gebäude sind aber dermassen schlecht isoliert, dass es in den Wohnungen, trotz den auf warme Luft umschaltbaren Klimaanlagen, immer sehr kalt ist.

Ankunft

Falls man nicht im Campus wohnt, ist es das Beste wenn man die ersten Tage nach der Ankunft in einer Jugendherberge verbringt. Es ist meiner Meinung nach auch nicht weiter schlimm wenn man zwei bis drei Wochen dort wohnen muss. Die ersten Wochen an der Universität sind nicht sonderlich stressig und so hat man sicher genügend Zeit nach einer geeigneten Wohnung Ausschau zu halten. Man lernt an der Uni auch sehr schnell Leute kennen, die einem mit Tipps zur Wohnungssuche behilflich sein können.

Zimmersuche
Wohnen

Ein Leben im Fudan dormitory hat meiner Meinung nach Vor- und Nachteile. Die Nachteile sind, dass man nicht wirklich in der Stadt Shanghai, sondern auf dem etwas abseits gelegenen Universitätscampus lebt und dass das Preis-Leistungsverhältnis nicht wirklich stimmt. Dafür hat man einerseits die angenehme Nähe zur Uni und andererseits ständig weitere Studenten um sich, mit denen man gemeinsam etwas unternehmen kann. Gerade zu Beginn kann dies sehr wertvoll sein. Ich selbst habe zusammen mit zwei Studentinnen der Fudan in einer WG im Stadtzentrum gewohnt. Der grosse Vorteil einer Wohnung im Stadtzentrum ist, dass man dort wirklich Teil des Shanghaier Stadtlebens sein kann. Man lernt mit der Zeit auch viele andere Fudan Studenten kennen, die ebenfalls im Zentrum wohnen. Ein Zimmer in einer grossen Wohnung in einem der vielen neuerrichteten Wohnkomplexe ist für ca. 400 Franken im Monat zu haben, was verglichen mit Zürich völlig in Ordnung ist. Man sollte jedoch Acht geben, dass man nicht zu weit weg von der Linie 10 Richtung Fudan wohnt. Pendeln mit Umsteigen am People’s Square kann zu Stosszeiten sehr anstrengend sein.

Universität

Die für uns Austauschstudenten zugänglichen Kurse an der Fudan University sind am ehesten mit den Seminaren der WWF vergleichbar. Man hat nur wenige Prüfungen, muss dafür aber Präsentationen halten und teilweise umfangreiche Arbeiten schreiben. Die von den Professoren gehaltenen Vorlesungen sind vom Schwierigkeitsgrad eher einfach. Der Fokus wird weniger auf mathematisch-theoretische Modelle sondern eher auf konkrete Beispiele aus der chinesischen Wirtschaft gelegt. Ich empfehle deshalb auch nicht Grundlagenkurse wie Macroeconomics oder Microeconomics zu belegen. Man sollte besser die explizit auf die chinesische Wirtschaft zugeschnittenen Kurse besuchen. Ausserdem sind die HSBC und Overseas Lectures sehr zu empfehlen, dort hat man auch gemeinsam mit den chinesischen Studenten Unterricht. Durch die Kurse der Fudan erhält man teilweise sehr gute Einsichten in das Funktionieren der chinesischen Wirtschaft. Ich konnte mich beispielsweise übergreifend in mehreren Kursen immer wieder vertieft mit dem fixen Wechselkurs des RMB und dem chinesischem Handelsbilanzüberschuss beschäftigen. Leider ist das Englisch der meisten chinesischen Professoren nicht sonderlich gut, man gewöhnt sich aber schnell daran. Interessant habe ich vor allem die vielen Diskussionen während der Lektionen gefunden, wobei die Professoren auch nicht davor zurückschreckten ihre persönlichen Meinungen zu äussern.

Ich empfehle zudem sehr während des Aufenthaltes etwas Chinesisch zu lernen. Es vereinfacht das Leben auf der Strasse und man fühlt sich sehr viel integrierter in der uns fremden Kultur. Ein Privatlehrer ist dabei meiner Meinung nach die beste Lösung. Die Chinesischklasse der EMA ist nicht besonders gut und in anderen Kursen muss man ebenfalls bezahlen. Ein guter Privatlehrer ist für ca. 10 Franken pro Stunde zu haben und man kann so gemäss seinen eigenen Wünschen und seinem persönlichen Tempo vorwärts gehen. Sehr offene Persönlichkeiten können sich ihr Chinesisch auch einfach durch Gespräche mit Leuten in Restaurants und auf der Strasse aneignen.

Als teilweise sehr mühsam hat sich der Zugang zu ausländischen Internetseiten erwiesen, insbesondere von der Universität aus. Dies ist klar der chinesischen Firewall zu verdanken, die im Zuge der Jasmin Revolutionen noch einmal etwas intensiviert wurde. Neben dem simplen Blockieren von Internetseiten ist das Prinzip meist das Erschweren des Zugangs. Manchmal funktionieren ausländische Webseiten einwandfrei, manchmal nur sehr langsam und manchmal gar nicht. An der Internetverbindung selber liegt es definitiv nicht, auf chinesischen Seiten wie „Baidu“ kann man zu jeder Tageszeit mit über 1Mb pro Sekunde Daten herunterladen. Man benötigt unbedingt den VPN client der UZH oder andere Proxies wie beispielsweise Freegate. Diese sind durch das „tunneln“ zwar etwas langsam, ausländische Webseiten funktionieren dafür aber immer einwandfrei. Beliebte Proxis werden aber von Zeit zu Zeit leider ebenfalls blockiert.

Leben/Freizeit

Wenn man etwas die Augen offen hält bietet die Stadt sehr viele Unterhaltungsmöglichkeiten. Gemeinsam mit dem Angebot der Universität hat man die Möglichkeit praktisch jede gewünschte Sportart auszuüben. Ich selbst habe mich jeweils ein- bis zweimal pro Woche gemeinsam mit anderen Studenten auf deiner Wiese der Fudan zum Fussball spielen getroffen.

Die riesigen Shopping malls, welche man überall in der Stadt findet, bieten auch gute Unterhaltung. Beispielsweise das New World Emporium am People’s Square beinhaltet ein Wachsmuseum, eine Spielhalle, ein Kino, unzählige Restaurants, eine Eisbahn sowie eine riesige Karaokebar. Der Besuch einer solch grossen Karaokebar (kurz KTV) ist ein muss, an Samstagabenden sind dort wesentlich mehr Leute anzutreffen als in vielen Shanghaier Discos.

Das generell sehr tiefe Preisniveau in Shanghai hat mich zu Beginn ziemlich überrascht. In den unzähligen kleinen chinesischen Restaurants erhält man für 1 bis 2 Franken eine ausgezeichnete Mahlzeit. Es ist dabei allerdings auch hier von Vorteil wenn man ein wenig Chinesisch spricht, andernfalls werden heiklere Personen schnell versucht sein diese billigen Essgelegenheiten zu meiden. Das chinesische Essen ist häufig leider etwas gewöhnungsbedürftig. In etwas besseren Restaurants enthalten die Speisekarten meist Bilder der angebotenen Menüs oder es gibt sogar eine englische Übersetzung. Auch in solchen Restaurants bezahlt man selten mehr als 7-8 Franken. Einzig in den vielen westlichen Restaurants wird es dann schnell sehr teuer mit Preisen wie in Zürich und darüber. Die meisten Restaurants bieten zudem take away oder home delivery services an.

Für Shopping Gelegenheiten empfehle ich den tailor market an der 399 Liujiabang Lu. Man kann sich dort massgeschneiterte Hemden für umgerechnet 10 Franken machen lassen. Komplette massgeschneiderte Anzüge erhält man für ungefähr 70 Franken. Eine unter Frauen beliebte Taktik ist es teure Designerkleider in den Einkaufsstrassen zu fotografieren und sich dann im tailor market eine Kopie davon anfertigen zu lassen.

Shanghai ist eine extrem sichere Stadt. Es gibt praktisch keine Gewalt und keine sichtbare Kriminalität. Es ist auch für Frauen kein Problem mitten in der Nacht alleine durch die Stadt zu gehen.

Eine besondere Erwähnung ist natürlich das Nachtleben in Shanghai wert. Es gibt zwar nur wenige normale Bars wie man sie beispielsweise in Zürich im Niederdörfli findet. Dies ist jedoch nicht weiter schlimm, die eigentliche Attraktion sind die diversen chinesischen Nachtclubs. Das Angebot ist riesig, man könnte praktisch jeden Abend in der Woche ausgehen. Die chinesischen Clubs sind etwas anders aufgebaut als bei uns in Europa. Wie so oft in China steht auch hier das Vorzeigen des eigenen Reichtums im Vordergrund. Die jungen Chinesen buchen sich in der Regel ihre persönlichen Tische und dann wird gewetteifert wer die teuersten Champagnerflaschen bezahlen kann, wobei man oft auch eingeladen wird. Man sollte jedoch unbedingt Ohropax mitnehmen, von der Lautstärke der Musik her gleichen viele dieser Clubs eher der Start- und Landebahn in Zürich Kloten. Man sollte sich zudem in allen Clubs immer erkundigen ob es ein Open Bar Angebot gibt, andernfalls bezahlt man für Getränke Preise wie in Zürich, was angesichts des übrigen Preisniveaus in Shanghai völlig überrissen ist.