Erfahrungsberichte

zur Übersicht

Wer

eako[at]access.uzh.ch

Typus/Richtung

Erasmus - OUT

Jahr

11/12 WS + SS

Universität

DE-BERLIN01
Berlin - Freie Universität Berlin

Studienfach

Deutsche Sprach- und Literaturwissenschaft (7360)

Gesamteindruck

Ich bin sehr froh dass mir das ERASMUS Programm die Möglichkeit eines einjährigen Aufenthaltes in Berlin gab, ein sehr spannendes und ereignisreiches Jahr, das mir persönlich mit Sicherheit viel gebracht hat. Auch für mein Studium und für meine Sicht auf meine Fächer, auch auf die Universität als Institution  war die Auslanderfahrung von grossem Wert. 

Allerdings glaube ich persönlich dass kürzere Aufenthalte relativ sinnlos sind, da nur schon 5  Monate draufgehen um sich an einem neuen Ort und im neuen akademischen Umfeld zurechtzufinden bzw. anzuklimatisieren.  

Als absolut ernüchternd empfand ich die chaotische ERASMUS Organisation, den bürokratischen Aufwand der absolut erdrückend ist, für Studenten als auch verantwortliche Beauftragte. Schlussendlich zittert man nach dem endlosen Büromarathon am Ende des Aufenthaltes immernoch um die Anrechnung der Leistungen (Haben alle Scheine alle Stellen erreicht, werden alle Scheine akzeptiert, wann wird das Transcript ausgestellt, läuft alles glatt, wird Zürich alle Leistungen wie besprochen anerkennen, etc , etc...  ). Von einem Programmaustausch hatte ich mir in erster Linie nicht finanzielle Unterstützung sondern eine Vereinfachung und Begleitung in der Planung und Prozedur versprochen (aha, jaaa  nur noch Bologna an dieser Stelle) . Zugegeben spielt wohl auch Glück eine gewisse Rolle , so geriet ich an Beauftragte die gerne alles unterschreiben um einen möglichst schnell wieder loszuwerden, andere die sich damit zufrieden gaben einen nochmals die Studienordnung zu erklären, aber auch einige Wenige, die sich wirklich stundenlang Zeit nahmen um den individuellen Studienverlauf und die Studienplanung unter Miteinbezug der ausländischen Leistungen zu besprechen und Hilfestellung bei Fragen zu geben. 

Vorbereitung

Ein wenig misslich fällt die Verschiebung der Semester auf wenn man zwischenzeitlich in Berlin Studieren will. Die veränderten Semesterdaten sind bei der vorhergehenden Planung umbedingt zu berücksichtigen. Für alles Übrige  ist man mit Distribueted Campus , dem Online-Tool der FU Berlin für Austauschstudierende bestens bedient, es erinnert einen an alles. 

Ankunft

Die Ankunft in Berlin war für mich riesig aufregend. Das mag jemandem, der vertrauter ist mit dem Stadtleben anders ergehen oder weniger anhaben. In die Stadt ziehen kann heissen vom heimischen Froschteich plötzlich ins Meer springen und einfach drauflos schwimmen. Vielleicht sitzt ihr zu Beginn in einer leeren Wohnung, einem sterilen möbilierten Zimmer, in einem Dorm der Jugenherberge und habt noch keinen Plan. Das ist nicht weiter schlimm, zum Schwimmen ist man ja hergekommen. Man braucht auch gar nicht viel mitzunehmen, ihr werdet euch nur hinterher ärgern wenn ihr euer Zeug kistenweise wieder in die Schweiz schleppen müsst. Ihr findet in Berlin alles was ihr braucht und mit ein bisschen Ausdauer auch sehr preiswert.

Berlin ist Babylon, es wird dir alles geben was du brauchst und nicht brauchst.

Die Organisation und der Papier- und Stempelkrieg können schon im Vorfeld entnervend sein. Wer nun bei Antritt des Aufenthalts mit einem Ende dessen gerechnet hat, hat sich zu früh gefreut, jedenfalls in Berlin. Eine schöne Sache in Deutschland ist nämlich: Es gibt für alles irgendein Büro. Das ist insofern toll dass es für jedes Problem ein oder mehrere Anlaufstellen gibt, so z.B. Kursbuchung, Anrechnung von ETC's oder irgendwelchem ERASMUS Papierkram (nicht ganz unwahrscheinlich) oder mit der offiziellen Meldung oder Freizügigkeitsbescheinigung. Jedoch ist alles fürchterlich bürokratisiert, man wird von einer zur nächsten Stelle gescheucht, muss sich Termine besorgen, trotzdem ewig warten, hunderte von Mails schreiben usw. Aber Glück dem der Ausdauer und Nerven hat.  - lernt schon mal diesen Mani Matter Song (Är isch uufbote xi..). 

Zimmersuche
Wohnen

Wenn man ins Ausland zieht stellt man sich ja immer erst diese Frage: Und wo werde ich unterkommen? Berlin ist die wahrscheinlich billigste Hauptstadt Europas und so auch sehr attraktiv für Studenten, heisst : Gutes WG Angebot, richtig niedrige Miete. Wer vom heimischen Bildschirm aus sucht kann aber auch ganz schön aufs Gesicht fallen.  Und gerade beim Wohnen scheiden sich  die Geister am liebsten - der eine träumt davon mit einer ganzen Fussballmannschaft zusammen zu wohnen, wo man sich gegenseitig Nutellabrote schmiert und den Schweinehund aus der Seele trainiert, der andere will grad über den pumpenden Beats der Russkidisko mit der halben Vodkaconnection hausen - andere wollen einfach nur eine kleine Oase der Ruhe, fernab von Uni und dem rauschenden Berlin. Und streiten kann man sich über alles und mit allen: Haushalt, Rauchen , Tiere, Lärm, Lernzeiten, Essen, Klopapier, Schminke, Fahrräder und Nachbarn. 

Ich fand in Berlin mein Glück als ich bei den niedrigen Mietpreisen die Chance witterte mir zum ersten Mal in meinem Leben ein eigenes Heim, ganz für mich allein finanzieren zu können. Über drei Ecken fand ich zur lieben A., die ihr 1A Studio, mitten in Alt-Kreuzberg für eine Weile wegen einem Auslandpraktikum untervermieten wollte: Jackpot. 

Es lohnt sich also sich einfach mal umzuhören, Leute zu fragen, Hinweisen nachzugehen. An der Uni gibts Aushänge, im Internet viele Plattformen, wo ausgeschrieben wird. Berlin ist riesig und enorm vielseitig, es scheint irgendwie für jeden irgendein Plätzchen geben zu müssen. Es lebt sich nahezu überall, von Pankow bis Zehlendorf, Spandau bis Lichtenberg, ganz ok, dank der schönen Kiezkultur. Je nach dem wo man studiert (FU/TU/HU) kann es aber durchaus zu längeren Pendelstrecken kommen. Ansonsten hat der Wohnkreis in Berlin in erster Linie ne ganze Menge mit Lifestyle zu tun (Ich meine sowas wie  Biesdorf klingt doch einfach schon trist).

Universität

Meine Gastuniversität - die FU Berlin - lernte ich sehr zu schätzen. Entgegen meines Eindruckes soll die FU gar nicht so viel grösser sein als die UZH, für beide finden sich Angaben von etwa 30'000 Studierende (Wobei bei der Anzahl der FU Studierenden die Medizin Studenten nicht mitgezählt wurden, die noch einen beträchtlichen Teil ausmachen dürften). Die Campus Uni liegt im ruhigen Südwesten von Berlin zwischen grünen Erholungsflächen, unweit der Krummen Lanke, des drittsüdlichsten keinen Sees der Grünewaldseekette, was der erschöpften Studentenseele gerade im Sommer zugute kommt. Die Studentenschaft ist, wie Berlin generell, sehr offen und international bunt durchmischt, was ich als grossen Vorteil sehe, jedoch nichts für Leute die sich mit englischen Texten oder Unterrichtssprache schwertun (Aber die werden's wohl zunehmend an keiner Uni leicht haben) oder mit Berührungsängsten. Auch die regional und kulturwissenschaftlich ausgerichteten Zentren der FU finde ich grossartig, wie das Lateinamerikanische Institut, das Frankreich Zentrum oder das JFK- Institute, die mir als Geschichtsstudentin ganz andere Möglichkeiten und Vertiefungen - auch in der jeweiligen Sprache, was sich gerade bei der Quellenarbeit als sehr produktiv erwies - ermöglichte. Auch ihre sonstiges Angebot fand ich bahnbrechend, vom Unisport, über all die möglichen Sprachkurse bis zur vegetarischen Mensa. Man ist jedoch oftmals auf sich allein gestellt wenn es darum geht, an Informationen zu kommen - aber dafür gibt's ein paar Infocounters und eine Menge Sekretariate mit unmöglichen Öffnungszeiten. Unter den Professoren finden sich einige Koliphären (vielleicht auch mal nicht schlecht wenn man merkt, dass der man die bahnbrechenden Theorien des Verfassers von Standartwerkes SOUNDSO auch bei seinen live Ausführungen unverständlich findet) aber auch viele jüngere Profs und Dozenten, auch eine Menge Gastprofessoren, von der Auswahl und den Themenbereichen und Arbeitsfeldern war ich immer wieder begeistert. Es gibt auch viele interessante Ringvorlesungen und Vorlesungsreihen. Ich hatte jedenfalls das Glück immer wieder an Leute zu geraten, die mir auch zuvor ungeliebte Bereiche des Studiums attraktiv machten, wie die Geschichte des Altertums oder Mediävistik und ihre literarischen Werke. Beklagenswert fand ich - wie bereits angesprochen - die Betreuung der Studierenden. Beispielsweise wurde zu keiner einziger Veranstaltung die ich besuchte Tutorate oder zusätzliche Übungsstunden angeboten (was sich auch bei geisteswissenschaftlichen Fächern wie Logik oder Satzsemantik, oder Computerlinguistik geradezu aufdrängt), oftmals muss man sich selbst zu helfen wissen, oder aktiv Unterstützung  (auch unter der Studentenschaft, die ich jedoch meist als sehr solidarisch erlebt habe) suchen. Dafür war Kontakt mit den Professoren im Vergleich zur UZH ein ganzes Stück ungezwungener und näher gemäss meiner Erfahrung. Profs geben oft selbst Seminare, nicht nur auf fortgeschrittener Stufe des Studium, nehmen sich Zeit in den Sprechstunden und zeigten sich stets sehr kooperativ. 

Leben/Freizeit

Nur schon für das Leben in Berlin und die breiten Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung würde sich ein längerer Berlinaufenthalt lohnen. Das überquellende Angebot ist geradezu erschlagend. In Berlin bräuchte man sich wohl keine Sekunde zu langweilen. Am Anfang waren meine Wochen schon zu Beginn der vorhergehenden bereits völlig ausbucht. Die Stadt bietet kulturelle Veranstaltungen und Aktivitäten aller Art (viele auch sehr preiswert, gratis oder zumindest mit Studentenrabatten): Museen, Ausstellungen, Theater, Oper, Konzerte, Jam's , Offene Bühnen, Festivals, Diskussionsabende, Lesungen.. Man kommt auf seine Kosten. - Auch was sportliche Aktivitäten angeht. Der Unisport bietet ein sehr vielseitiges Programm, und in den einzelnen Kurse und Mannschaften herrscht ein enger Zusammenhalt und Kontakt - schwitzen verbindet. Dazu gibt es Berlin unzählige Vereine und Clubs. Ich selbst begann in Berlin beim BSV mit den Ladies von der Rugbysektion zu trainieren - eine Erfahrung die ich in vollen Zügen genoss, der Sport und die Mädels sind mir auch unglaublich ans Herz gewachsen. Ihr habt auch viele Möglichkeiten gemeinnützige Arbeit zu leisten, oder in und für euren Kiez oder an der Uni für eure Fachschaftsinitiative tätig zu sein.

So faszinierend Berlin auch ist, empfinde ich die Stadt auch immer wieder als befremdend und schockierend durch ihre Kontraste. Je nachdem wo ihr wohnt könnt ihr euch auch auf nächtliche Gassenprügeleien, Auseinandersetzungen mit der Polizei und fliegende Feuerwerkskörper gefasst machen. Auch ist Rechtsradikalismus leider längst nicht von der Bildfläche verschwunden. Berlin war für mich wie auf brodelndem, aufgeladenen Pflaster zu gehen, auf lebendiger Geschichte. Der Ort hat für mich wahnsinniges Potential, da er der Schweiz in vielerlei Hinsicht so nahe, und doch hinsichtlich der meisten Aspekte so anders ist. Man wird nicht nur einer anderen Kulturen begegnen, sondern vielen, einer anderen Art des Politisierens, Lehren&Lernens, des Austausches generell. Für mich eine unschätzbare Erfahrung, die ich nur weiter empfehlen kann.