Erfahrungsberichte

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Wer

maere_man[at]hotmail.com

Typus/Richtung

Erasmus - OUT

Jahr

11/12 WS

Universität

DE-BERLIN13
Berlin - Humboldt-Universität zu Berlin

Studienfach

Deutsche Sprach- und Literaturwissenschaft (7360)

Gesamteindruck

Berlin mag ästhetisch nicht so ansprechend sein wie ein Paris oder London, er-lebenswert ist die Stadt allemal. Spricht man in der Schweiz von Geschichte, so hat man oft genug nur ein vages Bild von Rütli und Sempach vor sich, nirgends aber habe ich je eine derartige Präsenz von Historie erlebt wie in Berlin. Überall sieht und spürt man noch die Wunden vergangener Kriege und alter Herrschaft.

Im Winter ist die Stadt leider recht trist – die Sonne geht fast 45 Minuten früher als in Zürich unter, das Wetter ist häufig nasskalt, permanenter Nieselregen trübt ganze Wochen.  Dafür gibt es nicht ganz so viele Touristen. Im Sommer ist es bestimmt lohnenswerter.

Ich habe aber alles in allem sehr schöne vier Monate hier verbringen dürfen.

Die ERASMUS-Bürokratie ist grauenvoll, das kann wohl jeder bestätigen, der es einmal gemacht hat. Hilfreich ist der Kontakt zu anderen Austauschstudierenden, denen es meist nicht besser ergeht und mit denen man seinen Groll dann teilen kann.

Vorbereitung

An Germanistik-Studenten: Das Fach „Deutsch“ berechtigt nicht zum Belegen von Modulen der „Deutschen Literatur“ bzw. „Deutschen Sprache“, wenn diese nicht auch in AGNES (dem Vorlesungsverzeichnis der HU) unter „Deutsch“ aufgelistet sind! Ich und ein Zürcher Kommilitone hatten einiges auszustehen, als wir dessen gewahr worden sind. „Deutsch“ ist nur bedingt zu vergleichen mit der hiessigen „Deutschen Sprach- und Literaturwissenschaft“, da es gesonderte Module führt. Ich empfehle, sich von vornherein für Linguistik oder Literaturwissenschaft zu entscheiden und auch nur für das eine einzuschreiben, da einem so die bessere/grössere Auswahl im betreffenden Bereich geboten wird. Ansonsten lieber einmal zu viel in Berlin nachfragen (man schreibt dann häufig nicht oder erst sehr spät zurück, was einen aber ja nicht einschüchtern sollte: einfach immer wieder versuchen)!

Übrigens gibt es spezielle ERASMUS-Module, ich weiss aber nicht genau, wie gut sie sich für Zürich eignen. Es können auch nur ganze Module gebucht werden, zumindest in der Geschichte ist man da aber kulanter, wie ich erfahren habe (so kann man z. B. ein Hauptseminar einzeln buchen).

Ausserdem muss man in der Philosophischen Fakultät rechtzeitig ein zusätzliches Learning Agreement der HU anfertigen, was auch ja nicht versäumt werden darf (ich zumindest habe das nicht gewusst).

Der Termin, der für die persönliche Immatrikulation bekannt gegeben wird, ist meines Wissens so unabänderlich nicht, wie auf der Einladung impliziert wird. Auch hier lohnt es sich nachzufragen, wenn er unpassend sein sollte.

Ankunft

„Der Kluge reist im Zuge“ – dieses altväterliche Sprichwort empfiehlt sich auf jeden Fall – nicht nur ökologisch-ideell macht es schliesslich Sinn, den Zug zu benutzen, auch für das viele Gepäck hat man mehr Platz und braucht keinen Aufpreis am Flughafen zu bezahlen oder sich den Wust per Post nachschicken zu lassen. Insbesondere die Deutsche Bahn bietet viele Sonderangebote an, es lohnt sich, genug früh nachzufragen: so konnte ich zum Beispiel für nur 99 Euro in der Ersten Klasse in die Heimat zurückreisen (für die Hinreise gab es ein ähnliches Angebot von der SBB).

Bei der Ankunft muss man sich als erstes einmal behördlich anmelden lassen. Die Bürgerämter sind meist hoffnungslos überfüllt und man muss mit Wartezeiten von mehreren Stunden rechnen. Es empfiehlt sich, 1. einen Internettermin zu vereinbaren (im Voraus schon darum kümmern!) oder 2. auf ein Bürgeramt in der Peripherie mit weniger Andrang auszuweichen – es spielt keine Rolle, in welchem Bezirk man sich anmeldet.

Die HU verteilt im Orbis Humboldtianus an der Infothek gratis SIM-Cards der Telekom an Studenten (mit 10 Euro Guthaben).

Ein deutsches Bankkonto (was sich v.a. lohnt, wenn man die Miete o.ä. per Dauerauftrag bezahlen will, aber auch sonst das Leben in Deutschland entschieden vereinfacht) eröffnet man wohl am besten bei der Berliner Sparkasse, weil diese mit Abstand am meisten Bankomaten besitzt. Ich hatte ein Konto bei der Postbank und war auch ganz zufrieden damit. Als Student muss man oft keine Gebühren bezahlen.

De jure ist man als Schweizer verpflichtet, innerhalb der ersten 3 Monate eine Aufenthaltserlaubnis zu beantragen, was wie alles Organisatorische mit einem ziemlichen Aufwand verbunden ist, auch wenn der Visaservice der HU das meiste erledigt. Ich habe das zwar gemacht, de facto tut es aber anscheinend nicht not, zumindest wenn man nicht in Deutschland arbeiten will. Den Wisch, der einem dann zugesendet wird, musste ich jedenfalls niemals vorweisen.

Zimmersuche
Wohnen

Die meisten Austauschstudenten lassen sich bereits bei der HU-Immatrikulation die künftige Logis durch die Universität vermitteln (man muss hierfür nur das betreffende Feld im Internetformular ankreuzen). Wer solches tut, muss sich einfach im Klaren darüber sein, dass die Alma Mater einen dann – ohne die Präferenzen des Studenten bzgl. seines Obdachs näher zu erfragen – in den allerfinstersten Osten (nämlich den Bezirk Lichtenberg) abschiebt, wo das Studentenwerk über mehrere DDR-Plattenbauten verfügt. Die Osttristesse einmal am eigenen Leib zu erfahren, mag gerade für den Historiker reizvoll sein, ist aber keineswegs jedermanns Sache. Ausserdem nahm allein der Hinweg zur Universität für mich (ich wohnte an der Sewanstrasse beim Tierpark) ca. ¾ Stunden in Anspruch. Vorteilhaft ist aber die Sicherheit der Wohnsituation (viele, die sich auf eigene Faust ein Zimmer suchen, treffen dann nur halblegale Abmachungen mit meist mittellosen Berlinern, die gezwungen sind, Untermieter zu suchen, was nicht selten zum Problem werden kann!), ausserdem hat man so bereits die wichtigsten Möbel (Pult, Schrank, Bett, Büchergestell). Ebenfalls hervorzuheben ist die überaus günstige Miete (um die 200 Euro, eher niedriger) und das burschikose Umfeld.

Universität

Die Humboldt-Universität liegt sehr zentral am Prachtboulevard „Unter den Linden“ (von der friderizianischen Pracht ist gerade im Winter aber nur wenig zu sehen). Die zentrale Lage ist denn auch ihr Hauptvorteil. Der Campus erstreckt sich über die ganze (Ost)Innenstadt und man ist so stets direkt am Puls Berlins. Sowohl die HU als auch die FU verfügen über exzellente Dozenten. Bei der Wahl der Universität, die ja nicht gerade einfach ist, kommt es ganz auf die individuellen Wünsche an: die FU liegt wirklich am anus Berolinensis, ist also furchtbar weit weg von der Innenstadt (meine Fahrt zur dortigen Bibliothek kam einem Tagesausflug gleich), besitzt dafür aber beinahe schon ruralen Charme (viele alte Villen etc.) und verfügt über die viel besserer Bibliothek. Das Grimmzentrum (die Universitätsbibliothek der HU) ist zwar ein architektonisches Meisterwerk, jedoch für den Germanisten reichlich ungeeignet, wie ich fand und wie einem die Dozenten auch gerne mitteilen. Falls man eine Seminararbeit noch in Berlin schreiben will, kann es doch sehr unangenehm werden, wenn nur jedes zehnte Buch, das man braucht, in der Bibliothek liegt.

Leben/Freizeit

Dass Berlin gerade auch kulturell viel zu bieten hat, muss ja eigentlich nicht gesagt werden.

V.a. zu Beginn ist ein handlicher Reiseführer mit Kartenanhang von Vorteil, man geht ansonsten leicht verloren.

Der Orbis Humboldtianus hat ein sehr breites Angebot für Studenten. Auch wenn die Anlässe bisweilen eher langweilig klingen mögen, lohnt es sich auf jeden Fall, am einen oder anderen zu partizipieren, man lernt so schnell Leute kennen.

Auch für den Heimwehschweizer hat Berlin einiges aufzuweisen. Nicht nur, dass es neuerdings in Deutschland Rivella (zumindest im EDEKA) zu kaufen gibt, in Prenzlauer Berg hat eigens ein Schweizer Lebensmittelgeschäft unter dem Namen „s’Chäsli“ eröffnet. Zudem gibt es mehrere Schweizer Restaurants in der Stadt, d.h. Gaststätten, die sich auf unsere Kost berufen, aber nicht unbedingt auch Schweizerdeutsch verstehen. Das sicher günstigste, dafür nicht ganz so edle ist die „Helvetia Röschti Bar“ in Kreuzberg, wo es auch preiswertes Fondue gibt (mein Favorit). Die andern, die ich ausprobiert habe: „Züri“ (Wilmersdorf, sehr teuer, dafür von einem Zürcher geleitet), „Nola’s am Weinberg“ (Mitte, ebenfalls sehr teuer) und  „Schweizer Krone“ (Friedrichshain, kitschig).

Wer Ausflüge in nahe Städte (Hamburg, Dresden, Leipzig etc.) unternehmen will, sei auf folgende zwei Optionen verwiesen: 1. den „Berlin Linienbus“ (berlinlinienbus.de), ein Carunternehmen, das preiswerte Fahrten von Berlin aus bis Paris und London anbietet. Hier ist es besonders günstig, wenn man genug früh bucht. 2. das „Schönes-Wochenende-Ticket“ der Deutschen Bahn. Für 40 Euro können so bis zu 5 Personen einen Tag lang in ganz Deutschland mit Nahverkehrszügen fahren.