Erfahrungsberichte

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Wer

thomas.mueller[at]access.uzh.ch

Typus/Richtung

Erasmus - OUT

Jahr

11/12 SS

Universität

DE-BERLIN01
Berlin - Freie Universität Berlin

Studienfach

Deutsche Sprach- und Literaturwissenschaft (7360)

Gesamteindruck

Mein Gesamteindruck im Rückblick auf mein Austausch-Semester ist auf allen Ebenen durchwegs positiv und ich würde mich jederzeit wieder für Berlin und die FU entscheiden.

Ich habe mir anfangs überlegt, ob ich nicht lieber in ein fremdsprachiges Land gehen soll, um auch davon nebenbei zu profitieren. Allerdings habe ich mich dann für diejenige Stadt und Universität entschieden, die mir akademisch und kulturell am meisten zu bieten hat - das war für mich ganz klar Berlin.

Das vielfältige kulturelle Angebot, der sehr tolle Mix aus Grossstadt-Feeling und Kiez-Charme, die immense historische Aufladung vieler Orte und Strassen sowie die im Vergleich zu Zürich enorm günstigen Preise für alles - letztendlich wie Berlin tickt ist einfach unwiderstehlich.

Berlin ist für mich die tollste Stadt in Europa, ich wollte schon immer für eine gewisse Zeit hier leben und ich werde noch oft hierher zurückkehren.

Vorbereitung

Vor der Anreise ist neben der üblichen Bürokratie eigentlich nur die Wohnungssuche wichtig. Wenn das geklärt ist und man vom Flughafen aus weiss, wohin es geht, lässt sich alles andere dann nach und nach klären.

Die Erasmus-Koordinatoren stehen einem nach meiner Erfahrung sehr zuvorkommend zur Seite, sowohl an der Heim- wie auch an der Gast-Universität, insofern ist man organisatorisch gut versorgt.

Ankunft

Nach der Ankunft sollte man sich direkt immatrikulieren, da der Studi-Ausweis als Fahrschein für den ganzen AB-Bereich der BVG gültig ist. Somit ist man schon mal mobil. Bei der Immatrikulation wird einem dann auch genau erklärt, was man als weiteres machen muss für seinen PC-Account, Bürgeramt, Bankkonto, etc.

Da U- und S-Bahn oft überfüllt und im Sommer unangenehm heiss sind, sollte man sich bald mal ein Fahrrad kaufen. Man ist einfach flexibler und es macht viel mehr Spass, so die Stadt zu erkunden, als wenn man mit dem ÖV von Hotspot zu Hotspot fährt. Das Rad lässt sich am Ende des Aufenthaltes auch wieder gut verkaufen.

Zwecks Kommunikation ist ein deutsches prepaid-Handy ratsam. Oder eine zweite SIM-Karte für das eigene Handy.

Die Begrüssungs-Veranstaltungen sind informativ gesehen einigermassen nützlich. Das meiste hat man schon online irgendwo gelesen oder erfährt man auch später noch. Sozial gesehen sollte man aber unbedingt hingehen, man lernt sehr viele Leute kennen, woraus sich bei mir auch so manche Freundschaften ergeben haben.

Ansonsten sollte man sich organisatorisch keine grossen Sorgen machen. Man wird von der FU sehr gut betreut, auf alle organisatorischen Dinge wird man mehrmals hingewiesen oder erfährt das Nötige auch von den anderen Erasmus-Studenten, da alle etwa die gleichen Problemchen haben.

Somit kann man sich auch schon am ersten Tag gleich mal ins Berliner Leben stürzen.

Zimmersuche
Wohnen

Wie oben bereits erwähnt, sollte man die Wohnsituation vorab klären, das ist einfach das wichtigste.

Ich empfehle unbedingt etwas im Stadtinneren zu suchen, also nicht in die Wohnheime der FU zu ziehen, da diese sehr weit ausserhalb, fast schon in Potsdam angesiedelt sind. Man hat so einfach mehr das Gefühl, in Berlin zu leben und nicht nur hier zu studieren. Je nach Lust und Laune findet man im Stadtteil und Kiez seiner Wahl nach einigem Suchen bestimmt eine nette WG oder eine kleine Wohnung für sich alleine.

Meine Wohnung lag im Crelle-Kiez in Schöneberg. Nach den mittlerweile vier Monaten hier kann ich behaupten, dass man in Schöneberg als FU-Student die beste nur denkbare Lage hat. Man ist in gut 20 Minuten an der FU und ebenso schnell in der Innenstadt (mit U-Bahn). Mit dem Fahrrad oder mit der U7 ist man in wenigen Minuten in Kreuzberg oder Neukölln. Schöneberg ist allerdings sehr gepflegt und eher ruhig. Wer also Party und das fesche Berlin direkt vor der Haustüre sucht, sollte sich eher nach Kreuzberg oder Friedrichshain orientieren. Dort findet man auch sehr leicht günstige Wohnmöglichkeiten. Auch hier gibts es jedoch einige nette Strassen und Ecken mit Cafés, Restaurants und skurrilen Läden.

Und noch zum Thema Prenzlauer Berg: Ich persönlich fand diesen Stadteil gar nicht so spiessig und langweilig, wie die meisten Berliner ständig behaupten. Allerdings braucht man über ne Stunde (!) zur FU. Das kann auf Dauer schon sehr mühsam sein. Wenn einen das nicht stört, spricht allerdings nichts dagegen.

Universität

Berlin hat drei Universitäten: FU, HU und TU. Man kann in allen drei Universitäten Veranstaltungen besuchen, wenn die Dozenten nichts dagegen haben. Allerdings wird man wohl schon an der FU so viele Sachen finden, die einen interessieren, dass man da kaum dazu kommen wird. 

Die Profs hier sind meiner Meinung nach sehr gut. Ich kann euch insbesondere Prof. Zittel (Kulturtheorie) und Prof. Alt (Weimarer Klassik; klassische Moderne) empfehlen.

Hier ist das auch seitens der Dozierenden akzeptiert und Programm, dass man als Student die ersten beiden Wochen einfach mal alles anschaut und sich dann erst definitiv entscheidet. Also gar nicht lange über Stundenplan nachdenken, sondern einfach mal alles ansehen.

Letztendlich sind dann 4-5 Veranstaltungen (und nicht mehr als 1 Seminararbeit) ein realistisches Pensum - man will ja auch was von der Stadt sehen und nicht nur in den Bibliotheken sitzen.

Insgesamt bin ich mit dem Niveau und den strukturellen Bedingungen der FU sehr zufrieden. Ich habe hier sehr viel gelernt und neue Ideen für mein künftiges Studium und auch bereits für meine Master-Arbeit gewinnen können.

Leben/Freizeit

Hier könnte man natürlich endlos berichten. Berlin ist von seinen Freizeitmöglichkeiten her einfach grandios.

Das kulturelle Angebot ist riesig und zugleich günstig. Ins Theater kommt man als Studi für 7-9 Euro, und das oft auf den besten Plätzen. Ich empfehle vor allem das Berliner Ensemble und das Deutsche Theater. Auch das Angebot der drei Opernhäuser sowie die Berliner Philharmoniker sollte man sich nicht entgehen lassen. Für die Museumsinsel gibts ein günstiges Kombiticket. Für Cinéasten empfehle ich das CineStar am Potsdamer Platz und für filmgeschichtlich ambitionierte das Arsenal ebenda. Auch das Open Air Kino in Kreuzberg hat einen ganz besonderen Charme. 

Die Uni bietet viele Exkursionen und Ausflüge zu extrem günstigen Preisen an, daran teilzunehmen lohnt sich auf jeden Fall. Auch das Angebot an Hochschulsport ist gross, relativ günstig und man lernt so einfach mehr Leute kennen.

Das Nachtleben ist ja berühmt-berüchtigt. Sollte man im Berghain, Watergate und Co. zu lange Schlange stehen müssen oder erst gar nicht reinkommen, bietet Friedrichshain auch viele weitere nette Alternativen. Das Kater Holzig ist ein ganz netter Club, ebenso die Wilde Renate oder das ganze Areal um den RAW-Tempel; allerdings stehen diese Locations auch schon in den meisten Reiseführern und ziehen auch viele Touristen an. Die Türpolitik in Berlin ist bekanntlich asozial. Mein Tipp: Nicht in grossen Gruppen gehen! Das ist schon mal die halbe Miete. Dann möglichst nicht touristisch rüberkommen, das hilft auch.

Ansonsten sollte man unbedingt auf die vielen Wochenmärkte gehen (z.B. Türkischer Markt in Kreuzberg), mal an den Wannsee zum Baden fahren, bei Interesse auch mal die unschönen Stätten der Geschichte aufsuchen (z.B. KZ Sachsenhausen, Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen, Mauerstück an der East Side Gallery) und einfach viel viel unterwegs sein und dabei all die netten Cafés, Bars, Eisdielen und Restaurants entdecken, die es an jeder Ecke zu finden gibt.