Erfahrungsberichte

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Typus/Richtung

Erasmus - OUT

Jahr

11/12 WS + SS

Universität

DE-BERLIN01
Berlin - Freie Universität Berlin

Studienfach

Ethnologie (7721)

Gesamteindruck

Es fällt mir schwer, die Zeit, die ich innerhalb des ERASMUS Programms in Berlin verbringen durfte, in ein paar wenige Worte zu fassen. Diese zwei Semester waren mir eine persönliche und akademische Bereicherung und ich möchte keine Sekunde davon missen. Berlin war und ist eine überwältigende Inspiration. Wenn mir auch manchmal die sprachliche Herausforderung fehlte, nehme ich so wunderbar viel neues Wissen und Einsicht mit nach Zürich. Und, selbstverständlich, handelt es sich dabei nicht allein um akademisches Wissen, denn Berlin ist, historisch, kulturell sowie persönlich gesprochen, eine unglaublich lehrreiche Stadt. 

Vorbereitung

Die Vorbereitungen habe ich, so darf ich mich loben, mit viel Pflichtbewusstsein und Hingabe erledigt. Vor allem Hingabe, vermutlich, denn die Vorfreude funktioniert als enorme Motivation und Antrieb, die administrativen Hürden zu nehmen. Zumal es sich als relativ einfach erwies, die nötigen Formulare an den jeweiligen Stellen einzureichen und die FU Berlin über eine praktische Internetseite für Austauschstudierende namens Distributed Campus verfügt. So habe ich die anfallenden Tasks übersichtlich und Schritt für Schritt angehen können.

Ankunft

Ich hatte im Hinblick auf die Ankunft das Glück, bereits mit anderen ERASMUS Studenten in Verbindung zu stehen. Obwohl ich weiss und es am eigenen Leibe erfahren habe, dass man auch sonst im Nu viele Menschen kennenlernt (solange man auch nur ein bisschen mutig ist und einfach auf die Leute zugeht), haben mir diese Personen eine weiche Landung in Berlin ermöglicht. 

 Die FU Berlin bot uns Austauschstudierenden in den Wochen vor dem Vorlesungsbeginn mehrere Informationsveranstaltungen, wo die Universität gezeigt und Dinge wie die Website erklärt wurden. Während diesen Infotagen hatte man die Möglichkeit mit einer Vielzahl von anderen ERASMUS Studenten in Kontakt zu kommen und es wurden fleissig Telefonnummern ausgetauscht. Es empfiehlt sich deshalb, schon früh eine deutsche Telefonnummer (z.B. in Prepaid-Form) zuzulegen (in meinem Fall musste ich sogar ein neues Handy kaufen, da mein Schweizer Handy die neue SIM Karte nicht akzeptierte). Beides kann man ziemlich günstig z.B. bei Saturn am Alexanderplatz finden. 

Ich bin zwei Wochen vor Vorlesungsbeginn angereist und hatte zu diesem Zeitpunkt schon eine Wohnung gefunden. Sollte dies noch nicht der Fall sein, würde ich empfehlen bereits früher anzureisen, um das beginnende Semester an der neuen, zunächst fremden Universität nicht mit dem WG-Suche-Trubel zu belasten. 

Zimmersuche
Wohnen

Wer in Berlin ein WG-Zimmer oder eine Wohnung sucht (möbliert oder unmöbliert) schaut auf http://www.wg-gesucht.de/ . Bringt dafür ein bisschen Zeit mit, da es nicht so einfach ist. Berlin ist in vielerlei Hinsicht günstiger als viele andere Grossstädte wie Paris oder London. Die Mietpreise sind darum (wobei steigend) oft relativ moderat, was es möglich macht, ein wirklich schönes Zuhause zu finden, wo man sich wohl fühlt und genug Raum hat. In Berlin herrscht ein ständiges Kommen und Gehen. Viele Zimmer stehen zur Untermiete, z.B. für ein Semester, zu Verfügung. Es ist möglich etwas Tolles zu finden, aber man sollte intensiv suchen und stets die neuesten Inserate und zwar mit Charme und kreativem Witz (und ehrlich!) anschreiben. Natürlich gibt es auch die Möglichkeit, in einem Studentenwohnheim unterzukommen, wobei diese oft etwas ausserhalb liegen. Ich persönlich fand es schön, zentral und mit Locals (auch dies ein sehr relativer Begriff in Berlin) zu wohnen, selbst wenn der Weg zur Uni dann etwas weiter ist. 

Universität

Die FU Berlin ist wohl chaotischer als die Uni Zürich. Es ist alles leicht kompliziert zu organisieren und manche Dinge funktionieren noch auf etwas altmodische Weise, wie beispielsweise die persönliche Meldung beim ERASMUS Büro, wo man in den ersten Wochen oft stundenlang ansteht (und dabei angenehm viele Leute kennenlernt). 

Auch der Unterrichtsstil ist anders. Die Seminare sind oft (zumindest in den Politik- und Sozialwissenschaften) viel interaktiver, die Studenten generell sehr kritisch und meldefreudig. Frontalunterricht gibt es nur in grossen Vorlesungen. Es wird grossen Wert gelegt auf Diskussion, Kritik, Referate und Hausarbeiten. Ich mochte das. Was mir jedoch schwer fiel war, dass man auch selbstdisziplinierter sein und den Dozenten oft nachrennen musste, um genau zu erfahren, wie man einen Teilnahme- oder eine Leistungsschein erhält. Oft hatte ich einen allzu vagen Eindruck davon, was von mir verlangt werden würde in einem Kurs. 

Man sollte sich also darauf gefasst machen, dass man an der FU viel debattieren wird und sich seine eigene Meinung zu den Inhalten machen soll, aber auch viel Selbstdisziplin und Effort an den Tag legen muss, sich die Themen auf sich selbst gestellt zu erarbeiten und zu vertiefen. Es besteht ausserdem ein grosser Leistungsdruck unter den Studenten, aber dem unterliegt man als Austauschstudent glücklicherweise nicht oder nicht im gleichen Ausmass. 

Die Freie Universität bietet viel Auswahl. Gerade in Politikwissenschaften, meinem Nebenfach, hat man unheimlich viele Möglichkeiten und dabei sehr aktuelle Themen, die angeboten werden. Ausserdem finden neben den regulären Lehrveranstaltungen viele spannende Vorträge oder Vorlesungsreihen statt. Das sollte man beachten, bevor man sich Unmengen an regulären Seminaren aufhalst. Es wird immer zu viel zu tun, zu sehen und zu lesen geben. Langeweile ist ausgeschlossen.  

Leben/Freizeit

Berlin bietet so viel. Für Jeden ist etwas dabei. Es ist in der Tat ein Meer der Möglichkeiten und es gibt Platz für Jeden - so, wie er ist. Es ist eine mutige, bewusste und freigeistige Stadt, eine Ode an den Individualismus, wo auch täglich im grossen und kleinen Rahmen das Miteinander zelebriert wird. Viele finden hier ihren (oder zumindest einen) Weg. Die Inspiration ist gross und täglich werden Projekte angegangen und die Verwirklichung von Träumen in die Hand genommen. Man wird zur Tatkraft und zum Pläneschmieden angeregt, darf sich aber auch treiben lassen im urbanen Puls. Gewiss, man muss sich davor hüten, die Stadt zu idealisieren, denn auch soziale Probleme, Gentrifizierung, Ungleichheit und Arbeitslosigkeit sind mit Gewicht vertreten. Aber Berlin lebt, es pulsiert - man kann es förmlich spüren, es setzt seine Prioritäten anders und verführt mit dieser eigensinnigen Ästhetik. 

 Freizeittechnisch ist es ein wunderbarer Ort all die Dinge zu tun, die man schon immer einmal ausprobieren wollte. Man kann atemberaubend gut und günstig Essen gehen, kann stundenlang die Stadt durchwandern und eintauchen in ihren Facettenreichtum. Wie man weiss, besteht Berlin sozusagen aus vielen verschiedenen Städten und jeder sieht darin etwas anderes. Prenzlauerberg fühlt sich anders an als Neukölln, wo wiederum ein ganz anderes Gefühl ausgelöst wird, als in Schöneberg oder in Friedrichshain. Jeder darf und soll sich seinen eigenen Mikrokosmos kreieren, sich seine eigenen versteckten, eigenartigen oder hippen Lieblingsplätze auswählen und sich so ein ganz persönliches Berlin erfinden.