Erfahrungsberichte

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Wer

raphael.labhart[at]gmx.ch

Typus/Richtung

Erasmus - OUT

Jahr

11/12 WS

Universität

AT-WIEN01
Wien - Universität Wien

Studienfach

Deutsche Sprach- und Literaturwissenschaft (7360)

Gesamteindruck

Wenngleich es in der Masse von Erasmus-Erfahrungen zur Plattitüde zu verkommen droht, kann ich mein knappes halbes Jahr in Wien nicht anders auf den Punkt bringen, als: Eine unvergessliche Erfahrung und sicherlich eine der besten Zeiten meines Lebens. Ich gebe zu: Dies hat weniger mit der Universität Wien zu tun, als vielmehr mit der Stadt, den Leuten und den Erlebnissen in und ausserhalb der österreichischen Metropole. Die anfängliche Angst in der Anonymität und der Morbidität Wiens unterzugehen sind peu à peu der Freude an der Entdeckung und dem Kennenlernen gewichen - welche nun, kurz nach dem Aufenthalt einem Gefühl weichen müssen, welches ironischerweise nur als Heimweh beschrieben werden kann. Der Fairness halber muss ich sagen, dass ich nicht wenige Erasmus-Studis kennengelernt habe, die diese Einschätzung und dieses Empfinden nicht im mindesten mit mir teilen würden - es waren jedoch oft Leute, welche Mühe mit der Sprache, dem ambivalent zu interpretierendem Schmäh im Allgemeinen oder auch dem wirklich miesen Winterwetter bekundeten.

Vorbereitung

Meiner prokrastinatorischen Natur entsprechend habe ich nicht allzu viel Zeit und Mühe in die Vorbereitung investiert - was ich im Nachhinein betrachtet nicht einmal als Fehler bezeichnen würde, da sich gerade aus dieser vermeintlichen Nachlässigkeit heraus eine Fülle von Erfahrungen ergab. Ich habe lediglich in meinem persönlichen Bekanntenkreis den Kontakt mit Österreichern oder Wien-Kennern gesucht und mich nach allfälligen Not-to-miss's erkundigt. Politisch und gesellschaftlich Interessierten sind sicherlich gewisse Vor-Recherchen auf standard.at, falter.at oder orf.at ans Herz zu legen. Sich ein wenig mit dem Oeuvre Falcos oder Georg Kreislers auszukennen, zwei, drei Eckpunkte der jüngeren österreichischen Geschichte (also ab 1900) zu kennen oder auch mit dem Namen Córdoba mehr als andalusischen Fischeintopf verbinden zu können, hat sicherlich auch nicht geschadet: Der Einstieg in den Small-Talk funktioniert mit diesen Vorkenntnissen oft ein wenig einfacher - und dieser kann zach genug sein. 

Ankunft

Die Ankunft im spätsommerlichen Wien liess bereits einen Hauch der romantischen Schwermut erahnen, welche ein paar Wochen, beim Einbruch der Kälte, tatsächlich die Stadt erfassen sollte. Nach dem einwöchigen Übernachten in der Küche bei einem befreundeten Ehepaar und dem schnell als Fehl- und Schnellschluss zu interpretierendem Einzug in eine etwas zu alternativ geratene WG fand ich just zu Semesterbeginn eine wunderbare Bleibe im definitiv zu Unrecht verrufenen 2. Bezirk: Leopoldstadt. Steff und Jule aus Oberösterreich und Anna aus Südtirol (alle drei Studenten verschiedener Richtungen, alle zwischen 20 und 30 Jahre alt) integrierten mich grosszügig und offenherzig in ihr (WG-)Leben und liessen mich sofort spüren, dass ich hier ein Zuhause haben würde. Die Administration und Anmeldung an der Uni verlief ohne nennenswerte Komplikationen: Die Erasmus-KoordinatorInnen waren sehr hilfsbereit und auch die zuständigen ExponenentInnen des Germanistischen Instituts waren offen für meine Fragen und Unsicherheiten. Zu Bedenken gilt studiumstechnisch vor allem eines: Wer Bücher bei der Bibliothek ausleihen will, braucht einen Meldezettel. Und den gibt's nur auf dem Bezirksamt.

Zimmersuche
Wohnen

Insgesamt - ja ich gebe es zu und finde die Zahl im Nachhinein doch auch beträchtlich - habe ich innerhalb zweier Wochen 30 WG's besichtigt. Sämtliche Angebote habe ich auf jobwohnen.at gefunden. Auf dieser Plattform kann nach Bezirken geordnet gesucht werden und es sind vor allem Studenten-WG's, welche darauf zu finden sind. Ich hätte nach 15 Besichtigungen zwar eine Bleibe gehabt, musste aber aus diversen Gründen, welche mir ein behagliches Wohnen und Leben während längerer Zeit verunmöglicht hätten, noch einmal die gleiche Zahl an Buden abklappern. Dies kann gerade in emotionaler Hinsicht wider Erwarten ziemlich an die Substanz gehen - hatte wohl aber primär mit dem Druck zu tun, welchen ich mir selbst auferlegt hatte. Es gibt der Grösse der Stadt entsprechend viele Stossrichtungen: Von der Veganer-WG über die Nudisten-WG bis zur Hauptsache-antirassistisch-und-antisexistisch-WG findet sich schlicht alles - dementsprechend lohnt es sich auch nicht, alle Möglichkeiten und einzelnen Besichtigungserfahrunen darzulegen. Dass man kurz vor Semesterbeginn im Normalfall nicht der einzige Interessent ist, versteht sich von selbst... Einige Erasmus-Bekanntschaften kamen in einem Studentenheim unter und waren oft nicht unglücklich mit der Lösung. Dies bedingt jedoch ein grösseres Mass an Vorbereitung.

Universität

Die Universität Wien ist nicht nur die grösste, sondern auch die älteste Uni Europas. Natürlich steht das Hauptgebäude nicht seit der Gründung, gerade gemütlich ist es darin (ich beziehe mich aufs Wintersemester) aber wahrlich nicht. Die Orientierung mit den vielen Stiegen und der stets gespiegelt wirkenden Architektur kann anfänglich zu einiger Konfusion führen. Gemütlicher ist es in den prächtigen Lesesälen der Hauptbibliothek oder des Germanistischen Instituts. Als Student der Uni Zürich hat die Uni Wien in sozialer Hinsicht einen massiven Schwachpunkt: Weder während der Vorlesungen, noch der Seminare gibt es Pausen. Die Kontaktaufnahme inter pares bedarf daher je nachdem einiges Hinterher-Rennens. Die Lehre könnte ich nicht als gewichtig verschieden vom Deutschen Seminar der Uni Zürich beschreiben - das Studium als Ganzes wird aber wesentlich politischer interpretiert und gelebt. Das Schlagwort der Stunde im geisteswissenschaftlichen Bereich der Uni Wien scheint antiheteronormativ zu sein. So können sich KommilitonInnen auch gerne darüber beklagen, dass der schon etwas ältere Mediävistik-Dozent eine eindeutig zu wenig feministische Lesart des Nibelungenlieds praktiziert. DozentInnen scheuen sich ebenfalls nicht davor politisch Stellung zu beziehen. Dies wirkt auf den Schweizer bisweilen mutig, bald befremdend, bald mühsam - schlimm ist es natürlich nicht, sondern vielmehr interessant und birgt Gesprächsstoff für manch spannende Diskussion.    

Leben/Freizeit

Natürlich: Wien ist Kultur. Wien ist Theater. Wien ist Museum, innen und aussen. Wien ist Grösse - und gross. Wien ist aber auch Würstelstand. Und Wien ist Beisl. Wien ist kosmopolitische Multikulturalität, nicht selten gepaart mit selbstzerfleischendem Kleingeist. Wien ist erst einmal auszuhalten. Wien ist Prater. Wien ist Tanz. Wien ist Disco, Ball, WG-Festl und Electroparty. Wien ist die schlimmste Bedienung und der lustigste Ober. Wien ist Spielwiese und field study für die eigene Toleranz - im etymologischen Sinne. Wien ist sehr viel Leben. Und Wien ist sehr viel Sterben. Diese Stadt ist zuckerhefesüss und himmelnebeltraurig - bis man nur noch lachen kann. Wien ist Zentralfriedhof und Kleinkino, Szene und Relikt vergangener Tage. Wien ist die wahrscheinlich schlecheste Gratiszeitung aller Tage und der Roman über das Sein an sich. Wien ist FM4 und umgekehrt und das ist eine Lüge. Glaube ich. Wien ist Standard, Presse, Kurier, Kronenzeitung, Wiener Zeitung - aber vor allem Standard. Wien ist sicherlich nicht Standard. Wien ist Rapid, Austria, U-Bahn und so unglaublich frühspät am Naschmarkt. Wien ist weit. Und ein Skandal. Jeden Tag. Des is so. Ottakring. Simmering. Ottos Kneipp Stüberl und Uno City. Copa Kagrana. Messe. Steffl. Schönbrunn. 16er-Blech. Servus. Bist du deppat? Samma uns ehrlich. Zurückbleiben bitte. Ma, geh!