Erfahrungsberichte

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Wer

philipp_ramer[at]hotmail.com

Typus/Richtung

Erasmus - OUT

Jahr

10/11 WS + SS

Universität

DE-BERLIN13
Berlin - Humboldt-Universität zu Berlin

Studienfach

Deutsche Sprach- und Literaturwissenschaft (7360)

Gesamteindruck

Die Berliner sind unfreundlich und rücksichtslos, ruppig und rechthaberisch, Berlin ist abstoßend, laut, dreckig und grau, Baustellen und verstopfte Straßen wo man geht und steht – aber mir tun alle Menschen leid, die hier nicht leben können!
Dieses markige Zitat von Anneliese Bödecker entdeckte ich an einem meiner ersten Tage in Berlin auf einer Postkarte. Immer wieder während meines rund zehnmonatigen Aufenthalts musste ich an den Satz denken, eingequetscht im U-Bahn-Gedränge zur Rushhour zum Beispiel, oder wenn im Winter die Lautsprecher am S-Bahnsteig einmal mehr verkündeten, der Zug habe etwa zwanzig Minuten Verspätung. Wie nichtig doch nahmen sich all diese kleinen Unannehmlichkeiten aus, wägte man sie gegen die Vorteile Berlins ab, wie wohl und privilegiert fühlte ich mich stets, hier zu sein.
Berlin ist keine perfekte Stadt, es läuft nicht alles reibungslos, es glänzt nicht an allen Ecken und Enden. Aber Berlin ist eine im besten Sinne bunte, pulsierende, lebendige Metropole; multikulturell, vielseitig, inspirierend.
Ich wollte meinen Erasmus-Austausch hier verbringen, da sich die Humboldt-Universität für mein Masterhauptfach Germanistik anbot (und ich darf rückblickend sagen: bewährte). Mich reizte aber auch die vielfältige Kulturlandschaft; es lockten die Museen, die Theater, die Konzerte – und ja, nicht zuallerletzt hatten mich auch die Berichte über das vitale Berliner Nachtleben neugierig gemacht.
Ich kann nur sagen: Ich bin vollumfänglich und in jeder Hinsicht auf meine Rechnung gekommen, Berlin hat meine Erwartungen erfüllt und übertroffen. Ich kann die Stadt und die Humboldt-Universität mit dem bestem Gewissen und wärmstens als Erasmus-Ziel empfehlen. (Ich habe denn auch versucht, meinen Bericht mit einigen konkreten Tipps und nützlichen Links für Berlin-Interessierte zu spicken.)  

Vorbereitung

Abgesehen von den Erasmus-spezifischen Vorbereitungen, über die einem der/die fakultätseigene ErasmuskoordinatorIn informiert, kann ich insbesondere empfehlen, sich rechtzeitig um die Wohnungssuche und um die Wahl der zu besuchenden Kurse an der Universität zu kümmern.
Etliche Wochen vor der eigentlichen WG-Suche (zu der sich weiter unten detailliertere Tipps finden), habe ich mir während einer Stippvisite in Berlin vorgenommen, die einzelnen Stadtteile etwas näher kennenzulernen. Schnell merkte ich, dass jeder Bezirk einem eigenen Mikrokosmos gleicht, einen eigenen, unverwechselbaren Charakter und ein spezifisches Flair besitzt. Indem ich Kiez für Kiez abklapperte, erfuhr ich nicht nur die Buntheit und Heterogenität der Stadt, sondern lernte bald auch einzuschätzen, wo ich am liebsten wohnen würde. (Keinen Ersatz für die eigene Entdeckungstour, aber eine unterhaltsame Ergänzung für die Suche nach dem passenden Kiez bietet auch diese Facebook-App.) Dass meine WG schliesslich allen gewünschten Anforderungen - Nähe zur Uni, zu Einkaufsmöglichkeiten und Parks, zu Kino und Kneipen, zudem gute Verkehrsanbindungen - entsprach, war letztlich aber natürlich Glückssache.

Ankunft

Meine Ankunft in Berlin erfolgte Mitte September, wenige Tage vor dem verbindlichen Immatrikulationstermin und gut einen Monat vor Semesterbeginn. Wenn möglich empfiehlt es sich, frühzeitig anzureisen, um die nötigen Formalitäten – Anmeldung auf dem Bürgeramt, Eröffnung eines Bankkontos usw. – vor dem eigentlichen Semesterstart zu erledigen. Zudem bleibt dann Zeit, sich im neuen Zuhause einzuleben und die Umgebung kennenzulernen. Wer sein Zimmer noch zu möblieren braucht oder ausschmücken möchte, dem seien nebst IKEA (vier Filialen über Berlin verteilt), OBI (zehn Märkte in Berlin) und Konsorten insbesondere die vielen Berliner Floh- und Trödelmärkte ans Herz gelegt, die ganzjährig oder von Frühjahr bis Herbst immer sonntags geöffnet sind. Mein Lieblingsmarkt war der Trödelmarkt am Arkonaplatz im Prenzlauer Berg. Er befindet sich unweit des Mauerparks, wo auch jeden Sonntag ein – zweifellos hipperer – Flohmarkt stattfindet, ist aber überschaubarer und weniger überlaufen. (Den Mauerpark besuchte ich sonntags eher aufgrund der zur Institution gewordenen Karaoke-Nachmittage, oder aber nutzte ihn unter der Woche als Treffpunkt für ein Bier mit Freunden.)
Eine Übersicht über alle Flohmärkte inklusive Öffnungszeiten und Verkehrsverbindungen findet sich hier.

Zimmersuche
Wohnen

Die meisten StudentInnen suchen ihr WG-Zimmer in Berlin über einschlägige Webseiten wie www.wg-gesucht.de oder www.studenten-wg.de. Diese Portale versammeln Abertausende von Mietangeboten, von der 10m²-Klause in Nord-Marzahn bis zum Fünf-Zimmer-Haus mit Terrasse und Garten in Charlottenburg. Verschiedene Filter zur Angabe des Stadtteils, der Mietdauer, des Maximalpreises oder der Mindestzimmergrösse erleichtern die Suche. Ein paar interessante Angebote lassen sich so fast immer finden; die Schwierigkeiten beginnen erst, wenn es darum geht, mit den Vermietern in Kontakt zu treten. Da die Zahl der Wohnungssuchenden stets gross ist und die Vermieter oft mit E-Mails überhäuft werden, sind späte oder ausbleibende Antworten keine Seltenheit. Ist eine Telefonnummer (oder ein skype-Name) angegeben, empfiehlt es sich deshalb immer anzurufen, um einen Besichtigungstermin auszumachen.
Unter Umständen kann es sich auch lohnen, auf den genannten Webseiten selbst ein Mietgesuch aufzugeben: Manche Vermieter ziehen es vor, gezielt Interessenten einzuladen, anstatt sich auf zeitraubende E-Mail-Flut und grosses Casting einzulassen.
Alternativ zu den grossen Wohnungsportalen bietet etwa auch die Humboldt-Universität unter www2.hu-berlin.de/hu_accomodation/ eine Accomodation Database an, die Angebote für Austausch-StudentInnen verzeichnet und wo Mietgesuche aufgegeben werden können.
Am einfachsten ist es freilich, über persönliche Kontakte zu gehen. Freunde, die in Berlin leben oder eben erst zurückgekommen sind, wissen vielleicht von freien Zimmern, können unter den deutschen Freunden eine (Facebook-)Umfrage starten – oder können einem im Bestfall, dieses Glück hatte ich, gleich die eigene ehemalige WG weitervermitteln.

Universität

Mit meinem Jahr an der Humboldt-Universität bin ich sehr zufrieden. Das breite Lehrangebot, die kompetenten DozentInnen und die rege Teilnahme der Studierenden in den Seminaren sorgten für zwei interessante, lehrreiche Semester. Besonders gefallen haben mir die Veranstaltungen mit Praxisbezug: Im Fach deutsche Literaturwissenschaft etwa das Kolloquium „Erzählen heute“, wo wir nicht nur Texte aktueller deutscher SchriftstellerInnen von Jan Böttcher über Annett Gröschner bis Uljana Wolf lasen, sondern die Gelegenheit hatten, mit den AutorInnen über ihre Texte zu sprechen. In der Kunstgeschichte die „Übung vor Ort“ zur „Aktuellen Kunst in Berlin“, wo wir jede Woche eine Galerie oder ein Museum besuchten und über die (meist zeitgenössischen) Werke diskutierten, oder der (jedes Semester stattfindende, allen HU-StudentInnen zugängliche) Aktzeichenkurs mit wechselnden Modellen.
Ebenfalls positiv aufgefallen ist mir das Engagement der ProfessorInnen für die Belange der Studenten – dazu zählt auch und gerade die Bereitschaft, vom deutschen Studienreglement abweichende, Erasmus-bedingte Leistungsnachweise zu akzeptieren.
Last but not least verdanke ich der Uni auch die Bekanntschaft mit dem Grossteil meiner Berliner Freunde.

Leben/Freizeit

Nicht minder als das universitäre, habe ich in Berlin vor allem das reiche kulturelle Angebot geschätzt. Die im deutschsprachigen, ja europäischen Raum einzigartige Theater- und Museenlandschaft, die zahllosen Galerien, Literaturforen und Off-Bühnen, die vielen Konzerthäuser und (Programm-)Kinos lassen das ganze Jahr über kaum Wünsche offen. Jeden Tag herrscht eine solche Flut an Möglichkeiten, jeder Abend bietet eine so unüberschaubare Reihe kultureller Anlässe, dass ich besonders in den ersten Wochen andauernd das Gefühl hatte, irgendetwas zu verpassen.
Die kalten Winter- und Frühlingsabende habe ich oft im Deutschen Theater oder in der Schaubühne verbracht; zu Abstechern ins Pergamon-, ins Neue Museum oder in den Gropius-Bau habe ich mich gerne auch an Sommertagen verleiten lassen.
Was die körperliche Betätigung angeht, kann ich allen Studierenden das Angebot des Hochschulsports der Humboldt-Universität empfehlen: es gibt wöchentliche Kurse zu allen erdenklichen Sportarten, von Yoga über Irish Dance bis Pantomime; die Kosten beschränken sich auf ein Minimum. (Entsprechend gross ist die Nachfrage, frühes Buchen lohnt sich!)
Gefreut habe ich mich auch über die zahlreichen Tischtennis-Möglichkeiten in der Stadt; besonders in meinem Wohngebiet Prenzlauer Berg sind in jedem Park, auf jedem Spielplatz und vor jeder Schule Ping-Pong-Tische zu finden. (Ein Verzeichnis aller Platten findet sich hier)
Ist es einmal richtig heiss, lohnt es sich auch, einen der vielen Badeseen in oder um Berlin aufzusuchen. In der Stadt gelegen und mit der Tram gut erreichbar ist z.B. der Weisse See. Schöner und sauberer sind die etwas weiter entfernten – doch mit S-Bahn und anschliessendem/r Fussmarsch/Fahrradfahrt gut erreichbaren – Gewässer, etwa der Teufelssee, der Schlachtensee oder der Wannsee. Mein absoluter Favorit ist aber der azurblaue Kleine Müggelsee mit seinem feinsandigen Strand: Ferienfeeling pur, eine knappe Stunde vom Alexanderplatz entfernt.
(Eine Liste aller Badestellen in Berlin gibt es unter diesem Link)