Erfahrungsberichte

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Typus/Richtung

Austausch - OUT

Jahr

09/10 WS

Universität

CN-
Beijing - Tsinghua University

Studienfach

Betriebswirtschaftslehre (3010)

Gesamteindruck

Man sagt ja, ein Austauschsemester biete Studierenden neue Erfahrungen. Ein Austauschsemester an der Tsinghua University in Beijing - oder wohl generell in China - bietet jedoch nicht nur unzählige neue Erfahrungen, sondern eine komplett neue Perspektive. 

Es bietet die Möglichkeit, in die chinesische Welt einzutauchen, chinesische Studierende und Professoren kennenzulernen, das Land zu bereisen, verschiedene Provinzen zu sehen und so - langsam aber stetig - China zu verstehen. Auch nach vier Monaten bleibt vieles ein Rästel, aber vieles sieht jetzt anders aus - aus einer anderen Perspektive eben.

Neben dieser chinesischen Erfahrung wirst du als Student des international MBA-Programms der School of Economics  viele neue Menschen aus allen Teilen der Welt kennenlernen. Es sind nicht nur Gruppenarbeiten, sondern auch gemeinsame dinners, Fussballspielen für das SEM-team mit chinesischen Mitstudierenden oder Nächte in einem Beijing Club, die das Semester prägen und zu einem unersetzlichen Erlebnis machen. 

Vorbereitung

Die Vorbereitungen liefen insgesamt sehr problemlos. Die zuständigen Stellen der Tsinghua University und der School of Economics and Management (SEM) liefern die nötigen Informationen zum gegebenen Zeitpunkt. Grundsätzlich einfach die mails genau durchlesen und die erfoderlichen Dinge erledigen, dann kann wirklich nichts schief gehen. Die wichtigsten Punkte:

1) Visa: sobald die Original-Dokumente von der Tsinghua per Post eintreffen bei der Botschaft beantragen. Dauert im Normalfall weniger als eine Woche. Wichtig: Unbedingt ein F-Visum und kein X-Visum beantragen. Das X-Visum ist zwar multi-entry, benötigt aber in China selbst noch einige Arzt- und Polizeibesuche, was sehr mühsam ist. Dem F-Visum kann man hier an der Tsinghua problemlos zwei weiter entries hinzufügen. Somit kann man auch mit F-Visum China 2 mal verlassen und wieder einreisen. Dazu einfach in der ersten Semesterhälfte beim foreign exchange office vorbei, kostet ca. CHF 50.

2) Sprache: wenn man Chinesisch lernen möchte, sollte man damit so früh wie möglich beginnen, also bereits in der Schweiz. In Beijing selbst bleibt nicht genug Zeit, um ein vernünftiges Level zu erreichen.  

3) course registration: die entsprechenden Informationen und das Vorlesungsverzeichnis wird im Juli verschickt. Achtung, die Frist war bei uns ziemlich kurz. Meiner Meinung nach lohnt es sich, die Kurse schon im Juli sorgfältig auszuwählen und entsprechend zu wetten/buchen. Anfangs Semester gibt es in der add and drop period die Möglichkeit, Änderungen vorzunehmen. Es ist jedoch viel angenehmer, wenn man zu diesem Zeitpunkt bereits die Kurse gebucht hat, die man nehmen möchte.  

Ankunft

Der guide, bzw. die vielen guides, die von der Universität im Vorfeld verschickt werden, beinhalten detailierte Beschreibungen, wie man vom Flughafen zur Universität kommt. Mit dem ganzen Gepäck lohnt sich ein Taxi bestimmt, kostet um die 100 RMB (16 CHF). Wichtig schon an dieser Stelle: Taxifahrer in Beijing sprechen kein Englisch, die Adresse sollte also in chinesischer Schrift vorbereitet sein (oder die Adresse auf einer Karte zeigen, das funktioniert auch). 

 In den ersten Tagen sollte man sich um folgendes kümmern:

1) Registrierung an der Universität: alle Informationen dazu werden von der Uni auf Englisch verschickt. Man braucht ein  bisschen Geduld, aber sonst problemlos. Es empfiehlt sich, eher am Morgen früh zum foreign student office zu gehen

2) Internet: um auf dem campus ins Internet zu kommen, muss ein auccount errichtet werden. Das office ist in building 19, aber auch das steht alles im arrival guide und sollte kein Problem sein.

3) Fahrrad kaufen: auf dem campus ist ein Fahrrad ein must. Für ein neues sollte man etwa 180 RMB einrechnen, ein second-hand vielleicht so 100 RMB. Generell ist die Qualität von neuen und gebrauchten Fahrrädern ziemlich miserabel, man muss mit einigen Reparaturen rechnen. 

4) Wudaokou erkunden und Mitstudenten kennenlernen. Dieser Teil wird nicht im arrival guide beschrieben, ergibt sich aber wie von selbst. :-) 

Zimmersuche
Wohnen

Es gibt grundsätzlich zwei Varianten, die von den Austauschstudierenden hier gewählt werden:

1) wohnen auf dem Campus

Ich habe mich für diese Variante entschieden. Auf dem Campus gibt es drei Möglichkeiten: single-room, AB-room und double-room. Das Zimmer im double-room wird mit einer anderen Person geteilt und es gibt WC/Dusche auf dem Stockwerk. Dies ist bestimmt die budget-Variante. In AB-rooms leben zwei Personen in Einzelzimmern, teilen sich jedoch das Bad und einen Vorraum. Ich würde die AB-rooms empfehlen, da man genügen Privatsphäre hat, und trotzdem noch einen Mitbewohner. Single-rooms bieten eigenes Zimmer mit eigenem Bad.

Alle drei Zimmer-arten sind in den selben Gebäuden. Hier lebt man am Rand des Campus mit hunderten von anderen Studierenden zusammen, was vor allem zu Beginn das Einleben sehr erleichtert. Die Mieten sind tief (ca. 70 RMB pro Tag), Einkaufsmöglichkeiten, verschiedene Cafeterias, Tennis-, Basketball- und Fussballplätze sind gerade um die Ecke. Die U-Bahn-Station ist in ca. 10 Minuten mit dem Fahrrad oder für 10 RMB mit dem Taxi problemlos erreichbar. Bei all diesen Vorteilen ist das Leben in den dorms bestimmt keine Luxusvariante: Die Zimmer bieten alles notwendige, aber keinen Luxus (harte Betten, warm Wasser nur zu bestimmten Tageszeiten, kein Besuch nach 11pm, keine Küche) 

2) wohnen in einer Mietwohnung in Wudaokou (in unmittelbarer Nähe der Uni)

Wer mehr Angenehmlichkeiten möchte, sollte sich in Wodaokou eine Wohnung suchen, bzw. zuerst einige Mitbewohner und dann eine Wohnung. Es empfiehlt sich in dem Fall, einige Tage im voraus anzureisen und vorübergehend in einem Hotel in der Nähe zu schlafen. Wohnungen können problemlos in einigen Tagen gefunden werden. Ohne chinesisch-sprachige Person dürfte es jedoch schwierig sein, und Verhandlungsgeschick ist auch gefragt.

Alternativ kann man auch zuerst in die dorms einziehen, einige Leute kennenlernen und dann später eine gemeinsame Wohnung suchen. Wichtig in dem Zusammenhang: In den dorms muss zu Beginn für das ganze Semester Miete bezahlt werden. Die ersten zwei Monate der Miete in den dorms muss auf jeden fall bezahlt werden, auch wenn man früher auszieht . Falls man nach den ersten 60 Tagen aus den dorms auszieht, werden die verbleibenden  Tage 100% rückerstattet.  

Universität

Die Kurse an der School of Economics werden im Rahmen eines MBA-Programms angeboten. Dementsprechend unterscheidet sich die Lehrmethoden stark von den Vorlesungen in Zürich. Kurse haben meisten 20 bis 40 Teilnehmende und sind dementsprechend interaktiv gestaltet. Es sind daher viel mehr Kurse als Vorlesungen. Es werden viele Gruppenarbeiten und Präsentationen durchgeführt; dementsprechend müssen auch weniger Prüfungen abgelegt werden. Das Vorlesungsverzeichnis enthält genaue Angaben, wie viele Präsentationen oder Prüfungen die einzelnen Kurse verlangen.

Das Programm ist sehr international, und chinesische Studenten werden oft nur 20-30% der Studierenden ausmachen. Dementsprechend hat es viele Studierende aus dem restlichen asiatischen Raum und aus der ganzen Welt, was ebenfalls sehr interessant sein kann (auch wenn ich mir mehr chinesische Mitstudierende gewünscht hätte).

Auch wenn die Chinesen nicht müde werden zu betonen, dass Tsinghua the number one University of China sei, ist das Level im MBA-Programm ehre mässig. Studierende der Universität Zürich sollten hier keine Mühe haben, gute Noten zu schrieben. Das akademisch eher tiefe Niveau wird jedoch oft kompensiert, in dem die Kurse eine chinesische oder sehr internationale Perspektive bieten. 

Zu den Kursen: viele Kurse dauern nur acht Wochen. Es ist durchaus möglich, das Semester nach acht bis neun Wochen abzuschliessen, was je nach Studien- oder Reisepläne Sinn machen kann. Ich würde jedoch empfehlen, bewusst einige Kurse zu wählen, die 12 oder 14 Wochen dauern. Andernfalls werden die ersten acht Wochen sehr intensiv bzw. stressig.

- Business Analysis Using Financial Statement: ein guter Kurs, eher im Vorlesungs-Stil. Es werden viele Themen des Accountings angesprochen und gegen Ende des Kurses geht es vermehrt um Valuation. Der Kurs gibt mehr einen Überblick und geht nicht sehr in die Tiefe, für Accounting-Cracks bietet der Kurst wohl nicht viel neues. Ich persönlich fand ihn lehrreich.

- International Economics: ein sehr interessanter Kurs mit einer engagierten Professorin. Der Kurs behandelt verschiedene Makro-Ökonomische Konzepte und Theorien anhand von cases aus der Weltgeschichte. Zudem wird zu jedem Thema auch die aktuelle Situation in China besprochen. Ich fand dieser Kurs eine ausgezeichnete Ergänzung zu all den theoretischen Ansätzen die in Zürich vermittelt werden. Sehr kurzweilig und lehrreich und darum empfehlenswert. ACHTUNG: dieser Kurs wird in Zürich unerklärlicherweise nicht im Wahlpflichtbereich VWL angerechnet.  

- International Business: fand ich eher enttäuschend. Es werden fast ausschliesslich Präsentationen zu cases gehalten, deren Inhalt nicht viel neues bietet. Sehr case-orientiert, es wird eigentlich keine Theorie vermittelt. Wer Interesse an leicht verdienten Punkten hat und einige Business-cases aus China kennenlernen möchte, sollte dieser Kurs wählen. Wer lieber etwas neues lernt, wohl eher nicht.

- Doing Business in China: ein Klassiker. Professor Cheung ist nach seinen eigenen Angaben ein äusserst erfolgreicher Unternehmer. Er kommt nicht aus dem Prahlen heraus, was oftmals irritierend wirkt. Dennoch sind die Vorlesungen sehr unterhaltsam und interessant, da er oft Kleinigkeiten vermittelt, welche im Business in China eine sehr grosse Rolle spielen könne. Der Kurs ist overall zwiespältig, sehr interessant, aber auch unstrukturiert und wie erwähnt lebt der Kurs auch von den Geschichten des Professors, die manchmal etwas übertrieben wirken. Nichtsdestotrotz, ich würde den Kurs wieder besuchen.

- American Business History: interassnt. Der Kurs bietet Einblick in verschiedene Unternehmen und deren Entwicklung seit dem 18. Jahrhundert. Der Kurs wird von einem amerikanischen Professor gehalten und bietet meiner Meinung nach geschichtliche Ökonomie und somit etwas, was an der Uni Zürich leider nicht ausreichend angeboten wird. Zur Abwechslung ist dieser Kurz eine reine Vorlesung mit Abschlussprüfung. 

Leben/Freizeit

 Das Leben in Beijing bietet unzählige Möglichkeiten; unmöglich hier alles aufzuzählen. Grundsätzlich ist es ein sehr angenehmes Leben hier (angenehmer als ich zu Beginn dachte). Der Wudaokou-Bezirk ist eine kleine Stadt in der Stadt und bietet alles, was man für das tägliche (Studenten-)Leben so braucht. Nebst hunderten von Geschäften und Restaurants gibt es auch einige gute Bars und einen Club.

Wenn es die Zeit und die Uni zulässt, kann man immer wieder in verschiedene Ecken von Beijing fahren und die Stadt entdecken. Wudaukou ist ca. 30 bis 40 Minuten (per U-Bahn) von anderen Stadtzentren von Beijing entfernt, man kann also nicht einfach mal schnell-schnell irgendwo hin fahren. Grundsätzlich ist Beijing so gross, dass es bestimmt für jeden und jede das richtige bietet, man muss es nur finden.

 Reisen bietet sich natürlich auch an. Ich persönlich habe die Anreise per Bahn von Moskau durch Russland (transsibirische Eisenbahn) und die Mongolei nach Beijing absolviert. Die Reise war - schon vor Beginn des eigentlichen Austauschsemesters - ein absolutes Highlight und bestimmt ein Gedanke wert, falls man im Sommer anreist.

In China selbst gibt es unzählige reisenwerte Destinationen, es ist schwierig eine Auswahl zu treffen. Elong.net ist hilfreich, um billige Flüge zu finden. Aber auch eine Reise mit dem Zug sollte in Betracht gezogen werden, die Nachtzüge sind bequem und sehr zuverlässig. 

Das Klima variiert erheblich zwischen Sommer und Winter. Von äusserst heiss zu enorm kalt und windig. Die Luftqualität ist ein Thema für sich. Der Herbst ist relativ angenehm, da Peking generell sehr niederschlagsarm ist. Die Sonne scheint relativ oft im Herbst, wobei der Smog die Sicht leider stark beeinträchtigen kann. Gegen Ende November wird es dann kalt, allerdings nicht kälter als in der Schweiz. Die Temperaturen im Winter sind generell vergleichbar mit jenen in der Schweiz, ausser im Januar, Februar liegt Peking unter der Schweiz, so 0 bis -10. Allerdings ist nicht per se die tiefe Temperatur erwähnenswert, sondern der überaus starke Wind, welcher die „gefühlte“ Temperatur nach unten drückt.