Erfahrungsberichte

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Typus/Richtung

Erasmus - OUT

Jahr

09/10 SS

Universität

DE-BERLIN13
Berlin - Humboldt-Universität zu Berlin

Studienfach

Deutsche Sprach- und Literaturwissenschaft (7360)

Gesamteindruck

Eine andere Stadt, eine andere Universität zu erleben erfuhr ich als wunderlich, spannend, schwierig, kurzweilig und sicherlich als eine wertvolle Erfahrung.

Das gast- und studentenfreundliche Berlin macht einem nichts unnötig schwer, sodass die doch kurze Zeit gut ausgekostet werden kann.

Vorbereitung

In der Schweiz hatte ich mich nicht gross auf den Auslandaufenthalt vorbereitet, da ich bereits einen Monat vor Semesterbeginn nach Berlin reiste und vor Ort alles erledigte. Übliche schwierige Hürden bei längeren Auslandaufenthalten wie Visum, Fremdsprache oder Flugreisen (begrenztes Gepäck) entfallen zudem für Deutschland, was die Vorbereitung vereinfacht. Ich kümmerte mich lediglich um die Dokumente für die Immatrikulation und die Anmeldung auf dem Bürgeramt, sowie um die Auslandsgültigkeit von Krankenkasse und Versicherungen.

Ankunft

Da ich schon öfters in Berlin war und einige Freunde hier leben, hatte die Ankunft auch etwas von nach Hause kommen. Die anfängliche Freude erfuhr aber rasch einen Dämpfer. Zum einen, da sich die Behördengänge als sehr zeitaufwändig und die Wohnungssuche als schwierig erwiesen, zum anderen, da sich herausstellte, dass die Humboldt-Universität nichts von mir wusste. Irgendwo musste der Informationsfluss zwischen Zürich und Berlin Lücken aufweisen. Die Angst, dass das Berliner-Semester ins Wasser fällt, war aber glücklicherweise unbegründet: schnell wurde gehandelt und man nahm sich, ich zitiere den Koordinator, der verlorenen Tochter an. Die Immatrikulation verlief darauf fast reibungslos. Einzig dass ich mich auf Masterniveau einschreiben wollte, ohne ein Bachelor-Zeugnis vorweisen zu können (Lizentiatsstudiengang!), stiess zuerst auf Unverständnis. Ein paar Mal zu oft wurde ich darauf hingewiesen, dass dieses Zeugnis in den Unterlagen noch fehle; folglich musste ich auch ein paar Mal zu oft die Umstände erklären.

Zimmersuche
Wohnen

Zu Beginn hatte ich eine provisorische Unterkunft bei Freunden, um von da aus auf Zimmersuche zu gehen. Leider hatte ich dem Märchen, dass in Berlin Wohnraum im Überfluss vorhanden sei und man binnen kürzester Zeit fündig werden könne, zu leicht Glauben geschenkt. Wohnraum gibt es zwar viel, aber eben auch eine grosse Menge an Zimmer-Suchenden, unter denen ich mich dann desillusioniert wiederfand. Schliesslich musste ich in zwei Monaten viermal umziehen, von Zwischenmiete zu Zwischenmiete, bis ich ein passendes, unbefristetes und vor allem günstiges Zimmer fand.

Ein unangenehmer Nebeneffekt davon war, dass die Wohnungslosigkeit sich wiederum negativ auf die Behördengänge auswirkte, denn eine fixe Adresse ist der Anfang der Kette: Nur mit Wohnung/Zimmer kann man sich auf dem Bürgeramt melden, diese Meldebestätigung wiederum ist Grundlage für die Immatrikulation. Schliesslich musste ich mich als (nicht ganz wahrheitsgetreue) Untermieterin bei Freunden anmelden.

Universität

Organisatorisch und strukturell unterscheidet sich die Humboldt-Universität zu Berlin nicht gross von der Universität Zürich. Ich fand mich also ziemlich schnell zurecht. Die Kursanmeldungen und Absprachen zur Art der Leistungsnachweise werden gerade für ERASMUS-Studenten sehr unkompliziert gehandhabt, was die Semesterplanung erleichtert.

Leider ist das Angebot im Fach Germanistik nicht gerade berauschend. Ein wenig irritierend fand ich den Umstand, dass in Master-Seminaren beinahe nur Studenten der Europäischen Literatur anzutreffen waren. Gerade in Mediävistik-Seminaren kann dies unbefriedigend sein, da Kenntnisse des Mittelhochdeutschen nicht vorausgesetzt werden können.

Auch wenn fachlich kein Mehrwert gegenüber Zürich zu finden ist, empfand ich die Diskussionskultur in den Seminarsitzungen als sehr lehrreich, spannend und vor allem anspornend für uns doch eher zurückhaltende Schweizer. An solch anregende und respektvolle Streitgespräche werde ich mich in Zürich wohl wehmütig erinnern.

Und nicht zu vergessen: die studentenfreundliche Stadt Berlin hatte noch ein Zückerchen zu bieten, das Semesterticket - freie Fahrt mit allen öffentlichen Verkehrsmitteln. Purer Luxus, wenn man an die teuren ZVV-Tickets denkt.

Leben/Freizeit

Berlin - ein Knotenpunkt der deutschsprachigen Theaterlandschaft. Deutsches Theater, Volklbühne, Maxim Gorki, HAU, Berliner Ensemble, Schaubühne, Theatertreffen und die freie Szene: dies waren für mich genügend Gründe, um mich für Berlin zu entscheiden. Als Student darf man sich hier für wenig Geld in die vordersten Reihen setzen. Auch liess ich es mir nicht nehmen, zusätzlich das nahe Hamburg und seine Theater zu besuchen.

Hunderte hübscher Cafés laden zum verweilen ein, auch wird man als stundenlang lesender und arbeitender Student vom Personal nicht schief angeguckt. Die sehr weitläufige Stadt mit ihren vielen verschiedenen Gesichtern lässt sich mit dem Rad - unverzichtbar! - bestens entdecken und wortwörtlich abstrampeln. Und immer wieder musste ich kurz innehalten, weil einem überall die Geschichte in den Weg tritt. Im Angesicht der Weltgeschichte, das mag pathetisch klingen, gehört aber für mein (schweizerisches?) Empfinden zur Eigenart Berlins, welche einen zugleich erschrecken und staunen lässt.