Erfahrungsberichte

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Typus/Richtung

Erasmus - OUT

Jahr

08/09 WS

Universität

BE-BRUXEL04
Bruxelles - Université Libre de Bruxelles

Studienfach

Politikwissenschaft (7615)

Gesamteindruck

Brüssel war super. Trotz leiser Enttäuschung über die Uni hab ich in Belgien vier schöne, interessante, abwechslungs- und lehrreiche Monate verbringen dürfen. Einerseits genoss und schätzte ich den intensiven und aussergewöhnlichen Kontakt und Austausch mit gewonnenen Freunden aus verschiedenen Gegenden der Welt, andererseits gewann ich bald schon Gefallen an der Stadt, an den vielen versteckten Attraktionen, ihrer authentischen und gemütlichen Atmosphäre und an den zahlreichen Möglichkeiten, gemeinsam zu verweilen. Ich hab zudem meine Französischkenntnisse ein gutes Stück verbessern können und trotz vieler unbefriedigender universitärer Aspekte auch fachlich teilweise profitiert.

Jedenfalls scheint mir Brüssel als Austauschdestination eine durchwegs erfreuliche Sache zu sein, die ich gerne weiterempfehlen mag.

Vorbereitung

Als Vorbereitung hab ich im Welschland ein zweimonatiges Praktikum absolviert, um meine verloren geglaubten Französischkenntnisse etwas aufzufrischen. Dies war tatsächlich sehr hilfreich, hat es mir doch den Einstieg an der Uni sprachlich wesentlich erleichtert. Ansonsten beschränkte sich meine Vorbereitung auf die vorfreudige Lektüre der informativen Büchlein, die einem von der ULB im Voraus zugeschickt werden, und auf die Zimmersuche, die durch meine Annahme bei der Uni-Unterkunft jedoch bald erledigt war.

Ankunft

Eine Woche vor Semesterbeginn fand eine obligatorische Infoveranstaltung für alle Austauschstudenten statt. Erst an dieser wird das definitive Vorlesungsverzeichnis übergeben. Die gesamte Woche vor Unistart finden verschiedene Veranstaltungen der Erasmus-Organisation Express statt, die sich hervorragend eignen, andere Austauschstudenten aus aller Welt (in Brüssel gibt’s tatsächlich auch viele nicht-europäische Austauschsstudenten aus Nordamerika oder Asien) kennenzulernen und erste Kontakte zu knüpfen. Nach Vorlesungsbeginn hat man sich schliesslich relativ rasch auf dem Campus zurechtgefunden, auch wenn alles etwas chaotischer und weniger durchdacht scheint als in Zürich.

Zimmersuche
Wohnen

Ich hatte mich für ein Zimmer in einer universitären Unterkunft beworben und erhielt schliesslich ein Zimmer auf dem Campus de la Plaine, dem zweiten Standort der ULB, zugewiesen. Zwar wurde ich bei meiner Ankunft von der Tatsache überrascht, dass ich mir mein Zimmer (das an sich ein Studio mit Küchenecke und Bad war) mit einem spanischen Erasmusstudenten teilen würde (was im Voraus nicht kommuniziert wurde), letztlich erwies sich dieses Zuhause jedoch als ideale Bleibe für meine Zeit in Brüssel. Einerseits hatte ich mich nicht, wie viele Erasmusstudenten, während der ersten Woche meiner Ankunft um eine Unterkunft zu kümmern (man findet jedoch immer was – rund um die Uni scheints hunderte von Studentenbleiben zu geben…), andererseits war ich mit meinen 212 Euro Monatsmiete durchaus gut bedient – andere Studenten bezahlten auf dem freien Markt bis hin zum Doppelten. Trotz eingeschränkter Privatsphäre war schliesslich auch das Zusammenleben mit meinem Mitbewohner ein Gewinn. Zudem ermöglichte die Studentensiedlung auch persönlichere Kontakte zu verschiedenen Belgiern, was wichtig war, um der Erasmus-Enklave ab und an zu entrinnen.

Universität

Die ULB hat auf mich einen etwas zwiespältigen Eindruck hinterlassen. Einerseits mag dies damit zusammenhängen, dass ich als Bachelor-Student auch strikte nur zu Ba-Veranstaltungen zugelassen wurde, andererseits hab ich mich nie mit der doch sehr verbreiteten Lehrmethodik des Frontalunterrichts anfreunden können. Aufgrund der Beschränkung auf Ba-Kurse wars für mich schwierig oder unmöglich, in Zürich anrechenbare Vertiefungs- oder Spezialisierungskurse zu belegen, da der Studienaufbau in Brüssel demjenigen aus Zürich grundverschieden ist und erst im Master-Bereich mit vertiefenden, aufeinander aufbauenden Kursen begonnen wird. So belegte ich letztlich 8 Kurse, die mit einer Ausnahme allesamt in Vorlesungsform stattfanden. Das Ganze stellte sich dann Woche für Woche dergestalt dar, dass der/die Dozierende während zweier Stunden sprach (meist ohne Power-Point), während die Studenten sich bemühten, möglichst rasch und genau alles mitzuschreiben und festzuhalten. Zwar gabs teilweise Reader, doch letztlich basierten die Prüfungen oft auf dem Gesagten, so dass tatsächlich alles niedergeschrieben werden musste. Die schreibfreudigen Belgier waren aber immer ganz nett und haben den zumindest anfangs etwas überforderten Erasmus-Studenten gerne ihre Notizen überlassen.

Das Niveau der Kurse (und entsprechend der Dozentinnen und Dozenten) hingegen ist mit jenem an der UZH vergleichbar, auch, wenn offensichtlich zumindest auf Ba-Stufe noch weniger Wert auf Eigenreflexion und Teilhabe am Unterricht gelegt wird. Persönliche Highlights waren für mich denn auch die etwas interaktiveren Stunden, beispielsweise eine sehr aktive und emotionale Diskussion der belgischen Politologie-Studentenschaft über die politische Zukunft ihres Landes, oder auch der Besuch dreier ehemaliger Kolonialbeamter des Belgisch-Kongo, die mir einen unerwartet direkten Bezug zum Kolonialismus schufen.

Anzumerken bleibt, dass sich das Ganze in Brüssel für Masterstudenten doch etwas anders darstellen dürfte. Ich hab von einigen Seiten lobende Worte bezüglich der Master-Kurse gehört und hätte nur allzu gerne am spannenden Studienprogramm des angegliederten Europa-Instituts teilgenommen.

Leben/Freizeit

Das Vorurteil, nach dem die Erasmusstudenten mehr Touristen denn Studenten wären, schien mir zumindest unter den Geisteswissenschaftlern und während der ersten zwei, drei Monate hier nicht ganz verkehrt. Und Brüssel scheint denn auch tatsächlich wie gemacht für unternehmungslustige Austauschstudenten, hat es doch tagsüber wie nachts kulturell einiges zu bieten und liegt zudem im Herzen Europas, in kurzer bis vernünftiger Reisedistanz zu Paris, London, Amsterdam, Brügge oder Köln (und zum Meer…). Und Belgiens Hauptstadt ist trotz (oder gerade wegen?) des tatsächlich oft sauschlechten Wetters eine pulsierende, lebendige und farbige Stadt, deren Bewohner eine interessante, multikulturelle und sehr freundliche Mischung aus Ost, West und Süd darstellen. Nebst den vielen Museen, Kinos und Ausstellungen finden in Brüssel in regelmäßigen Abständen Spezialveranstaltungen statt (nuit blanche, Uni-Jubiläum, Freiheitsfestival etc…), deren Besuch sich lohnt. Zudem verfügt die Stadt (und ganz Belgien) über eine unheimlich vielseitige und ausgeprägte Beizen-, Bar- und Bierkultur, die uns zahlreichen Erasmus-Studenten während vieler Abende und Nächte zum Verweilen einlud.

Im Rahmen der Uni besteht des weitern die Erasmus-Organisation Express, die eine Menge Veranstaltungen (Bar, Disco, Sport, Ausflüge in belgische Städte, Museenbesuche) organisiert und über die ein Kennenlernen der vielen anderen Erasmus-Studenten nicht schwer fällt. Zwar hat mir als Schweizer ab und zu ein Berg, Hügel, See oder Fluss als Wochenend-Ausflugsziel gefehlt, ansonsten aber hat mich Brüssel positiv überrascht und mir mit seiner gelassenen, multikulturellen und gemeinschaftlichen Atmosphäre eine schöne Zeit ermöglicht.