Erfahrungsberichte

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Typus/Richtung

Erasmus - OUT

Jahr

08/09 SS

Universität

DE-BERLIN13
Berlin - Humboldt-Universität zu Berlin

Studienfach

Deutsche Sprach- und Literaturwissenschaft (7360)

Gesamteindruck

Dies im Voraus: ein Semester in Berlin zu verbringen ist in vielen Hinsichten äusserst lohnenswert. Dies insbesoners auf kultureller Ebene. Die deutsche Kultur liegt zwar nicht Meilen entfernt von unserer, doch kann aus den kleinen Unterschieden viel gewonnen werden. Auch ist Berlin natürlich eine Traumstadt für Studenten mit kulturellen Angeboten ohnegleichen. Ein Sommer in Berlin bleibt unvergesslich.

 Auf der Universitätsebene kann ich die obigen Aussagen leider nicht bestätigen. D.h. wer sich erhofft, von der Humboldt-Uni fachlich gross zu profitieren, könnte etwas enttäuscht wieder nach Hause gehen. In meinen Studienfächern, Germanistik und Anglistik, war das Niveau der Berliner Veranstaltungen überraschend tief, insbesondere im Vergleich zu meiner Heimatuni Zürich. Interessant ist auch hier dennoch, die Unterschiede im Verhalten von Studenten und Professoren zu beobachten.

 Fazit: Die Humboldt-Uni ist fachlich für die Studienkarriere kein Muss, aber die Stadt selber bereichert in vielen Aspekten.

Vorbereitung

Ich zähle mich selbst zu den sehr gut vorbereiteten Studenten. Erstens war ich vor meiner Ankunft in Berlin zuvor schon etwa sechs mal in der Stadt. Diese vorhandenen Kenntnisse der Stadt erleichtern auch die Vorbereitung von der Schweiz aus enorm, sind aber bestimmt nicht notwendig.

Die Berliner Uni-Homepage (Internationales) spricht alles an, was man überhaupt vorbereiten muss: etwa die Unterlagen für die Immatrikulation, das Aussuchen der Vorlesungen etc. Wer sich also diese Homepage gründlich anschaut, vermeidet bereits so grosse Überraschungen vor Ort. Aber auch die gänzlich Unvorbereiteten sind in Berlin gut aufgehoben: die Erasmus-Zuständigen sowie der Internationale Klub Orbis nehmen die ausländischen Studenten herzlich auf und sind offen für alle Fragen.

Hier noch ein kleiner Tip zur Vorbereitung bez. Krankenkasse: wir haben als Studenten die Möglichkeit unsere Schweizer Grund(!)versicherung zu behalten (die Zusatzversicherung fällt weg beim Auslandaufenthalt, man kann sie aber saturieren und nur 1/4 der Prämie während dieser Zeit sparen). Auch haben wir aber eine alternative Möglichkeit eine deutsche Kasse während dieser Zeit zu wählen und somit nicht in der Schweiz sondern in Deutschland pflichtversichert zu sein. Ich habe mich für die Schweizer Variante entschieden und mich an der Uni in Berlin selbst von der deutschen Versicherungspflicht unwiderruflich befreien lassen. Ich würde dies aber nicht wieder machen. Mit einer deutschen Kasse hat man bei Ärzten in Berlin viel weniger Trouble. Auch, ganz ganz wichtig: wer was mit den Zähnen hat: die deutschen Kassen übernehmen einen Grossteil der Zahnbehandlungen, während in der Schweiz nix übernommen wird. D.h. das wäre auch eine gute Gelegenheit, sich die Zähne aufpolieren zu lassen. Dies so nur als ein kleiner Tip. :)

Fazit: gute Vorbereitung ist nicht ein Muss, beruhigt aber das schlechte Gewissen und die Nevosität vor dem Auslandaufenthalt. Aber im Falle Berlin muss man eigentlich nicht sehr viel Eingeninitiative zeigen, um nicht vor Ort völlig verloren zu sein.

Ankunft

Da ich schon von Zürich aus mein WG-Zimmer gefunden habe, war in dieser Hinsicht meine Ankunft nicht problematisch. Die ersten Tage in einer neuen Stadt sind dennoch schwierig, trotz guter Vorbereitung und schon vorhandener Unterkunft. Das Hauptproblem stellt der Mangel an Bekannten und Freunden dar. Man ist auf einmal gezwungen, sich alleine in einer Grossstadt zurecht zu finden. Das Einzige, was hierbei hilft, ist meiner Meinung nach Eigeninitiative. Ich empfehle sehr, offen zu sein, auf Leute zuzugehen, kulturelle Veranstaltungen (Lesungen, Konzerte, Theater etc.) auch alleine zu besuchen und auch dort offen zu sein für neue Begegnungen.

Da ich möglichst viel Zeit in Berlin verbringen wollte, bin ich schon drei wochen vor Vorlesungsbeginn angereist. Einen grossen Nachteil bringt dies mit sich: die meisten Programmstudenten lernen ihre Ausladskontakte an der Uni kennen und lenken sich über anfängliche Schwierigkeiten in einem neuen Land mit den von der Uni geforderten Leistungen ab. Dies war bei mir, zumindest während drei Wochen nicht der Fall. Ich habe somit zu Beginn niemanden an der Uni kennengelernt und auch zu Hause keine Seminarhausaufgaben erledigen müssen. Ich hatte also viel Zeit und sehr sehr wenig zu tun. Diese Situation führt zu einem Gefühl des Verloren Seins in einer grossen Stadt. Doch im Nachhinein betrachtet, muss ich zugeben, dass ich in diesen ersten Tagen die interessanteste Zeit in Berlin erlebt habe. Ich musste mich zwingen, offen zu sein, auch ausserhalb der Uni Menschen kennenzulernen. Dies ist eine grosse persönliche Herausforderung, welche sich aber bestimmt lohnt.

Zimmersuche
Wohnen

Meine Zimmersuche habe ich von Zürich aus gestartet, etwa zwei Monate vor meiner Abreise. Ich habe mich dabei auf das Internet-Suchportal www.wg-gesucht.de beschränkt. Diese Seite ist höchst empfehlenswert für die Zimmersuche für Berlin, sehr übersichtlich und mit einem äusserst grossen Angebot. Nach etwa zehn Anfragen, hatte ich nun mehrere Zimmer zugesagt bekommen, von denen ich mich für eins entschieden habe. Bei der Zimmersuche übers Internet beschränkt sich der Kontakt mit den Anbietern auf E-Mails und Skype (insbesondere mit Webcam sehr hilfreich, um sich ein Bild von den zukünftigen Mitbewohnern zu machen).

Einen grossen Vorteil bringt die Zimmersuche vor der Abreise mit sich: wenn man ein Zimmer gefunden hat, so bleibt die Suche in der Stadt erspart und man kann sich schon von Beginn an auf die Uni und die Stadt selbst konzentrieren.

Doch auch viele Nachteile sind mit der Suche von Zuhause aus verbunden: einerseits kann man sich kein klares Bild von den Mitbewohnern machen. Auch - je nach Stadtkenntnissen - weiss man nicht genau, wie hübsch die Wohnung gelegen ist. Zudem wird man bei der Suche oft schon von Vornherein abgelehnt aus dem Grund, nicht persönlich vorbeikommen zu können.

Rückblickend würde ich bestimmt wieder online suchen. Wenn möglich würde ich diesmal aber versuchen, einen Monat vor Abreise ein Wochenende in die Stadt zu sehen und ein paar WGs persönlich anzuschauen. Ich habe zwar ein sehr hübsches ZImmer in einer exzellenten Lage bekommen, doch die Mitbewohner hätte ich mir anders gewünscht. Dies wäre bestimmt ein Problem, welches man vermeiden könnte durch persönliches Vorstellten. Eine Möglichkeit, welche viele wählen, ist auch ein Monat im Studentenwohnheim zu verbringen und von dort aus ein Zimmer zu suchen. Dies halte ich für ein sehr geschicktes Verfahren, welches sich aber meiner Ansicht nach bloss bei einem Aufenthalt von zwei Semestern lohnt. Für ein Semester ist es zeitverschwendend.

Ich möchte an dieser Stelle auch vermerken, dass ich grundsätzlich Wohnen in WGs bevorzugen würde. Alleine Wohnen hat sich bei vielen in Berlin kennengelernten Auslandstudierenden als negativ erwiesen. Dadurch, dass man in der Stadt sowieso wenige oder keine Leute kennt, kann alleine Wohnen sehr frustrierend sein. In vielen Fällen klappt aber das Wohnen mit anderen Menschen nicht. Auch hier möchte ich entwarnen: spontane Wechsel von einer WG in eine andere sind in Berlin zumindest üblich. Somit muss man ein Zimmer, mit welchem man unzufrieden ist, nicht als Muss betrachten. Sich erneut umsehen und umziehen ist durchaus erlaubt.

Was ich als sehr wichtig betrachte, ist zudem die Verbindung von Wohnort und Besuch. Üblicherweise empfangen Erasmus-Studenten eher viele Besucher. Darauf sollten die Mitbewohner vorbereitet sein. Wenn man also bereits weiss, dass Freunde, Familie etc. im Verlaufe des Semesters kommen, sollte man das der WG mitteilen. Das als Thema zu ignorieren kann sich dann vor Ort als mühsam erweisen. Ich persönlich habe schon per Skype bei der Zimmersuche erwähnt, dass ich häufigen Besuch erwarte und habe so auch anhand der Reaktionen einschätzen können, wo das erwünscht ist und wo nicht. Es gibt sogar WGs, wie etwa in meinem Fall, wo Besuch sogar mehr als willkommen war, da bei allen Mitbewohnern Bekannte ein- und ausgingen und sich daher niemand als rücksichtslos anderen gegenüber fühlen musste.

Last but not least: Zimmerverträge. In jedem Fall finde ich Zimmerverträge auch für kurze Zeit sinnvoll, insbesondere dann, wenn vom Mieter auch eine Kaution verlangt wird (der Normalfall in Berlin). Falls der Vermieter selber keinen Vertrag anbietet, kann man ruhig als Untermieter einen selber verfassen. Dies schützt natürlich auch vor grundlosen Kündigungen. Auf der Homepage von Immoscout finden sich Musterverträge auch für WGs, welche als solche übernommen oder aber abgeändert werden können.

Schliesslich möchte ich festhalten, dass auf persönlicher Ebene ein Zusammenleben mit fremden Leuten, insbesondere aus fremden Kulturen, sehr aufschlussreich, negativ wie positiv, ist. Ich zumindest fühle mich in diesem Aspekt bereits von meinem Auslandaufenthalt sehr bereichert.

Universität

Im Grunde funktionert die Uni in Berlin wie diejenige in Zürich. Hauptunterschiede sind auf der Inhaltsseite erkennbar. Da ich im Hauptfach Germanistik studiere, habe ich mir viel von der Uni der deutschen Hauptstadt erhofft und wurde inhaltlich vom Angebot eher enttäuscht. Sowohl das Angebot im Vorlesungsverzeichnis als auch das NIveau des Unterrichts lassen zu wünschen übrig. Ein Beispiel veranschalicht das: in Hauptseminaren (Master/Liz, kurz vor Abschluss des Studiums) der Älteren Deutschen Literatur sind nicht einmal Kenntnisse des Mittelhochdeutschen verlangt. Dementsprechend war auch das Niveau der Studenten und so entsprechen bloss Seminare, in welchen auf Neuhochdeutsch gelesen wird, wirklich wissenschaftlichen Seminaren; diejenigen Veranstaltugen, bei welchen Professoren auf mittelhochdeutsche Texte bestehen, sehen eher aus wie Übersetzungseinführungen in die mittelhochdeutsche Sprache. Als Zürcher Student kann man sich da ruhig zurücklehnen und sich in Geduld mit den Einheimischen üben.

Spannender ist die Berliner Universität aber in der Hinsicht, wie Studenten untereinander und auch gegenüber Professoren umgehen. Die ganze Stimmung ist viel lockerer, was eine gänzlich neue und unbekannte Universitätsstimmung mit sich bringt. Man kann bei dieser Beobachtung auch als Auslandstudent von neuen Erfahrungen profitieren.

Wichtig für Studenten aus dem Ausland ist die mir und allen anderen kennengelernten ausländischen Studenten an der Humboldt-Uni aufgefallene Tatsache, dass man vor Ort sehr gut aufgenommen wird. Sowohl die deutschen Studenten, wie auch die Professoren und Erasmus-Verantwortlichen geben sich alle Mühe, dass man sich nicht gänzlich verloren fühlt in Berlin.

Schliesslich möchte ich auch auf weitere Angebote der Uni eingehen, mit welchen man sich beschäftigen kann, wenn man entweder unterfordert ist an der Uni oder aber einfach andere Leute und Angebote der Stadt kennenlernen möchte: einerseits ist das der Unisport und andererseits das Sprachenzentrum. Ich habe während meines Aufenthaltes in Berlin von beidem profitiert, indem ich einen Russischkurs zum Spass besucht habe und auch bei Yogastunden mitmachte. Die Sprachen und der Hochschulsport funktionieren gänzlich anders als in Zürich. Hier ist alles kostenpflichtig, aber es sind in allen Fällen bezahlbare Preise. Einen grossen Vorteil hat dieses Zahlsystem gegenüber dem Zürcher Gratissystem: die Anzahl der Studenten ist sehr kanpp gehalten und die Qualität des Unterrichts (insbesondere bei den Sprachen) um einiges höher. Dies ist also bestimmt etwas, was ich wärmstens empfehlen kann an der Humboldt-Uni, zumal man dort auch ganz andere Menschen trfitt als in den Fachseminaren oder Vorlesungen.

Leben/Freizeit

Für mich war nicht nur die universitäre Erfahrung Grund nach Berlin zu gehen, sondern auch die Stadt selbst. Daher habe ich, insbesondere zu Beginn meines Aufenthaltes, mir stets Mühe gegeben ganz viel in ganz kurzer Zeit zu sehen und zu erleben, sprich: Sightseeing, mit dem Fahhrad die Stadt kennenlernen (das beste Verkehrsmittel in Berlin!), immer neue Cafés, Pubs, Kinos, Parks etc. zu entdecken. Das funktioniert am Anfang ganz gut. Doch mit der Zeit wird man auch hier sesshaft und macht eher Sachen, welche auch die Berliner pflegen: auch mal zu Hause mit den Mitbewohnern kochen, ganze Nachmittage im Park liegen und lesen etc. 

Doch wegen der vielen kulturellen Angebote in Berlin muss man einfach im Tempo der Stadt mitleben. Hierfür empfehle ich den Studenten, welche ebenfalls nach Berlin reisen die zwei Magazine Tip und Zitty; sie erscheinen alle zwei Wochen und informieren über alles, was in der Stadt läuft: Theater, Vernissagen, Kino, Konzerte, klassische Musik, Parties, Lesungen etc. Wer sich die Hefte nicht ständig kaufen will, besucht am besten auch die überaus informativen Homepages: www.tip-berlin.de sowie www.zitty.de.

Berlin ist zudem eine der preiswertesten Städte Europas. Das merkt man selbst als Student. So bietet sich's auch an, oft auswärts zu essen mit Freunden, oft ins Kino zu gehen, oft in Cafés zu lernen. Auch ist das Leben hier so gestaltet, dass im Gegensatz zu Zürich, die Studenten geradezu verlockt werden, ihre Arbeiten in Cafés zu schreiben mit immer gratis W-Lan und keinen schief-guckenden Kellnern, wenn man in zwei Stunden schreiben nur einen Kaffee bestellt.

Für deijenigen, welche nicht gerne alleine in der Stadt unterwegs sind, hat die Uni auch gut gesort: der Klub Orbis besteht aus Berliner Studenten, welche sich in vielerlei Hinsicht um die ausländischen Neuankömmlinge kümmern. Man kann mit ihnen ausgehen, ins Kino gehen, an gemeinsamen Ausflügen teilnehmen (etwa in den Bundestag oder aber ein Wochenende in Dresden, Vorpommern o.a.). Wer sich also alleine fühlt in der grossen Stadt, kann sich auch jederzeit an den Orbis wenden. Mir haben sie wirklich oft sehr kompetent und herzlich geholfen.

Und jetzt noch das Fazit meines Aufenthaltes: mein Erasmus-Semester in Berlin hat sich auf alle Fälle nur gelohnt! Ich kann es nur jedem empfehlen.