Erfahrungsberichte

zur Übersicht

Typus/Richtung

Erasmus - OUT

Jahr

08/09 WS + SS

Universität

DE-BERLIN13
Berlin - Humboldt-Universität zu Berlin

Studienfach

Deutsche Sprach- und Literaturwissenschaft (7360)

Gesamteindruck

Für mich waren die zwei ERASMUS-Semester nicht nur ein angenehmes Intermezzo; sie haben mich in meiner Persönlichkeit grundlegend verändert. Nicht nur die Horizonterweiterung durch ein fremdes Bildungsangebot , sondern vor allem die grundlegende Erfahrung, sich für ein Jahr in einer völlig fremden Umgebung neu integrieren zu müssen, waren für mich sehr bereichernd. Auf diese Weise war es mir möglich, Grundlegendes in meinem Leben zu hinterfragen und zu ändern. . . Der internationale Freundeskreis, meine sehr herzliche, lateinamerikanische Wohngemeinschaft, die Offenheit der Menschen, die mir in diesem Jahr begegnet sind, und die entspannte, offene Atmosphäre, die in Berlin herrscht, haben viele tiefe Freundschaften entstehen lassen, die wahrscheinlich auch nach meiner Abreise für mich von grosser Relevanz sein werden.

Ein ERASMUS-Jahr gibt einem viel Freiheit zum Nachdenken.Losgelöst aus einengenden Verpflichtungen und Verhaltensmustern gibt einem ein solches Jahr die Möglichkeit, Selbstverständliches zu überdenken. Meine zwei ERASMUS-Semester waren in dieser Hinsicht zukunftsweisend für mich. Ich sehe nun neue Möglichkeiten , wie und wo ich mein Studium weiterführen könnte. Leider hatte ich es verpasst, mich im April für meinen Bachelor-Abschluss an der UZH anzumelden, weshalb mein ursprünglich beabsichtigter Bachelor-Abschluss bei meiner Rückkehr gescheitert ist (für alle, die es in Zukunft betrifft: Auf keinen Fall verpassen! Ausnahmen werden keine zugelassen... ). Allerdings plane ich nach einem Praktikumsjahr in der Schweiz für meinen Master nächstes Jahr an die HU oder an eine andere Berliner Hochschule zurückzukehren, um mein Studium hier wieder aufzunehmen. 

Vorbereitung

Da ich geplant hatte, das fünfte und sechste Semester meines Bachelor-Studiums in Berlin zu absolvieren, war es für mich vor allem wichtig zu wissen, ob ich im Sommer mit der erforderlichen Bachelor-Kreditpunktzahl zurückkommen würde, mit der ich meinen Bachelor-Diplom erhalten würde. Deshalb hatte ich schon vor meiner Abreise mit den ERASMUS-Verantwortlichen meiner Fächer abgeklärt, ob meine Auslandsleistungen vollständig anerkannt werden würden. Über die genaue Kursbelegung konnte ich allerdings erst vor Ort entscheiden.

Leider ist es mir damals entfallen, mich vorab zu erkundigen, ob eine Anmeldung für meinen Bachelor-Abschluss notwendig ist. Für alle, die ihren Abschluss während ihres ERASMUS-Aufenthaltes absolvieren möchten: Nicht vergessen, die Anmeldung fristgerecht an der Uni Zürich abzugeben ... 

Ankunft

Da die Humboldt Universität für die Einschreibung die Vorlage einer Bestätigung des Einwohnermeldeamts verlangt und man auch zur Semestereinschreibung persönlich erscheinen muss, war ich einige Wochen vor dem offiziellen Semesterbeginn für wenige Tage nach Berlin gereist, um diese Formalitäten zu erledigen.

Die Anmeldung beim Wohnungsmeldeamt verlief reibungslos. Als deutsche Staatsbürgerin entfiel bei mir der Gang zum Ausländeramt, was mir meine Ankunft hier erheblich erleichterte.

Lediglich bei der Semestereinschreibung kam es zu kleineren Komplikationen. Dass ich den Semesterbeitrag, der im Voraus einzuzahlen war, via Online Banking überwiesen hatte, konnte ich keine Quittung meiner Einzahlung vorlegen. Diese moderne Umsetzung des Zahlungsauftrags führte bei den Verantwortlichen der HU zu einigen Unstimmigkeiten und ich musste mir vor Ort eine schriftliche, von meiner Bank beglaubigten Bestätigung meiner Einzahlung zukommen lassen. Für alle zukünftigen HU-Erasmusianer: Zahlt den Betrag besser in Bar oder per Einzahlungsschein. Die HU ist für die etwas moderneren Finanzwege noch nicht gerüstet!  :-)

Überraschend problemlos hingegen verlief die Einschreibung selbst: Wie mir von der Uni Zürich schon angedeutet worden war, konnte ich mich vor Ort auch für meine zwei Nebenfächer einschreiben lassen. 

Zimmersuche
Wohnen

Wie bei vielen ERASMUS-Programmen auch, hatte ich die Möglichkeit, mir ein Zimmer in einem der Studentenwohnheime der Humboldt reservieren zu lassen. Ich wählte für mich den komplizierteren Weg, und suchte auf eigene Faust nach einem WG-Zimmer. Im Juli recherchierte ich von zu Hause über die deutsche WG-Plattform www.wg-gesucht.de nach leer stehenden WG's und vereinbarte bereits von zu Hause aus Besichtigungstermine. Innerhalb einer Woche, während der ich mich in einer Jugendherberge einquartierte, besuchte ich mehrere Wohngemeinschaften. 

Die Wohnungspreise in Berlin liegen nach wie vor unter dem Durchschnitt einer europäischen Metropole. 250-350 Euro für ein WG-Zimmer sind realistisch, Wohnraum ist genügend vorhanden. Nach sieben Besichtigungen hatte ich eine 3erWG im Stadtteil Lichtenberg gefunden, mit direkter Anbindung an die S Bahn (10 min Fussweg). Mein Vermieter hatte sich bereit erklärt, mir sein möbliertes Zimmer während seines Auslandaufenthaltes zu überlassen. Auch wenn ich meine derzeitigen Mitbewohner beim Besichtigungstermin nicht kennen gelernt habe, kann ich mit einiger Überzeugung behaupten, dass die WG für mich ein Glücksgriff war. Das Zusammenleben mit meinen zwei Mitbewohnern - zwei FH-Studenten aus Lateinamerika- gestaltete sich von Anfang an als sehr unkompliziert. Gerade in der Anfangsphase hat mir der Kontakt zu den beiden sehr viel geholfen,mich bereits in den ersten Berliner Wochen aufgenommen zu fühlen. Gemeinsam organisierte WG- und Geburtstagsparties haben in diesen Monaten nicht gefehlt.

Universität

Die HU hatte uns ERASMUS-Studenten bereits während der Einschreibung mit einem umfangreichen Infomaterial eingedeckt. Die Begrüssung erfolgte am ersten Semestertag in der grossen Audimax.-Halle des Universitätsgebäudes. Nach diesem Grossereignis wurden wir von den Angehörigen unserer Institute durch die Räume geführt. Da die Humboldt Universität die höchste Quote ausländischer Studierender in Deutschland besitzt, ist die Betreuung der ausländischen Gäste besonders professionell. Der Verein ORBIS kümmert sich um die Integration der Studenten, und bietet das Semester hindurch ein umfangreiches kulturelles Programm an. Ob organisierte Museumsbesuche, Parties, Besichtigungen, Stammtisch-Treffen, oder Ausflüge ins Umland: Wir wurden regelmässig via Newsletter auf Angebote hingewiesen. Gerade auch für Fremdsprachige bot das Sprachenzentrum viele Kurse an. Auf diese Weise fiel das Knüpfen neuer Kontakte besonders leicht. 

Mit den ERASMUS-Koordinatoren hatte ich bisher keinerlei Probleme. Da die HU ebenso wie Zürich erst kürzlich auf ein Bachelor-Master-System umgestellt hat, ist die Prüfungs- und Kursanmeldung auch für die hiesigen Studenten etwas undurchsichtig. Für mich stellte es bisher allerdings keine Probleme dar, nur einzelne Veranstaltungen aus grösseren Modulen zu besuchen und mir diese anrechnen zu lassen. Für jede erbrachte Leistung erhält man nach wie vor Scheine, die ich vor meiner Abreise beim ERASMUS-Büro in Punkte umschreiben lassen sollte. 

Was die Germanistik und Kunstgeschichte betrifft, war die HU für mich eine bereichernde Erfahrung. Dass in Berlin die Wissenschaft auf engstem Raum vernetzt ist, hat den Vorteil, dass auch ausseruniversitär viel passiert. So besuchten wir im Rahmen eines Heiner Müller-Seminars auch die Festveranstaltungen zum Heiner-Müller-Jubiläum an der Akademie der Künste, für die uns unsere Dozentin Freikarten besorgt hatte.

Das Niveau an der HU ist hoch. Wer hier fest studiert, muss ungewöhnlich viele Prüfungen absolvieren. Der Leistungsdruck ist spürtbar.  Als Austauschstudentin hatte ich das Glück, die meisten dieser Bachelor-Prüfungen umgehenzu können. Anders als bei uns herrscht an der HU eine ausgeprägte Diskussionkultur, die ich mir als Zürcher Studentin in diesem Ausmass nicht gewöhnt war. Die Diskussionen in den Seminaren sind lebendiger, kontroverser, und deshalb häufig spannender. Das hohe Engagement der Studenten, das sich auch in politischem Engagement äussert, stellte sich mir auch in der Woche des Bildungsstreikes im Juni 09 unter Beweis, wo sich die HU Studenten im Streik aktiv für bessere Studienbedingungen einsetzten. Dies zum Teil mit einem grossen Einsatz, Organisationstalent, Kreativität und Eigeninitiative organisierte Veranstaltungen haben bei mir grossen Eindruck hinterlassen. 

Leben/Freizeit

Für mich war Berlin vor allem ein Jahr der Extreme. Dass in dieser Stadt nichts unmöglich ist, macht ihren Reiz aus. Zur Zeit zieht diese Stadt  junge Menschen aus der ganzen Welt in Massen an. Die Atmosphäre ist, trotz der Unüberschaubarkeit, der Weitläufigkeit, der kulturellen und sozialen Extreme ungewöhnlich entspannt. Ich habe das Angebot in diesem Jahr genutzt, habe von der illegalen Elektroparty, Theaterbesuchen, Lesungen, kostenlosen Museumsbesuchen, langen Nächten in Parks, dem Besuch aussergewöhnlicher Bars und versteckten Plätzen alles gesehen und ausprobiert, und wage zu behaupten, die Stadt und ihr Angebot immer noch nicht zu kennen. Wer sich hier wohlfühlen möchte, muss vor allem Mut haben, nach Neuem zu suchen. Das Angebot kommt nicht auf einen zu, denn die Stadt ist zu gross, um überblickbar zu sein. Wer offen ist, lernt hier eine Menge Leute kennen. Tag und Nacht sind hier relative Grössen.Die Freiheit der Lebensgestaltung hat hier zu einer merkwürdigen Strukturierung des Nachtlebens geführt.  Und in einer ausgeprägten Frühstückskultur, die bis in den Nachmittag hineinreicht.Berlin ist anstrengend, und hier zu geniessende Freiheit auch manchmal gefährlich. Wer sich einmal aus festen Strukturen befreien , neue Erfahrungen machen möchte und an Kunst interessiert ist, für den ist Berlin ein unerschöpflicher Fundus.