Erfahrungsberichte

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Typus/Richtung

Erasmus - OUT

Jahr

06/07 SS

Universität

AT-WIEN01
Wien - Universität Wien

Studienfach

Deutsche Sprach- und Literaturwissenschaft (7360)

Gesamteindruck

Wien auf einen Nenner zu bringen ist schwierig, wenn nicht gar unmöglich. Schliesslich durfte ich in meinem Austauschsemester so viele zum Teil auch gegensätzliche Seiten von dieser Stadt kennenlernen. So ist die gestresste BILLA-Verkäuferin neben die in Wien grossgeschriebene Gemütlichkeit getreten, die einfache Wurst vom Würstlstand neben das mit Stolz präsentierte Wiener Schnitzel, die vielen in dieser Stadt zusammengebrachten Nationen neben den eingefleischten Wiener Schalk. Das Kennenlernen dieser Stadt, das Ablegen meiner klischeehaften Vorstellungen und den Alltag in dieser Grossstadt zu leben, sind einmalige Erfahrungen. Dementsprechend war dieses halbe Jahr sehr intensiv für mich, denn plötzlich war auf einmal alles neu um mich herum und ich musste mich zuerst orientieren, wobei ich auch einige Hindernisse zu bewältigen hatte. Dieser Prozess des Vertrautwerdens mit dem Neuen hat mir gleichzeitig auch eine positive Distanz zu meinem Alltag hier in der Schweiz verschafft. Man sieht plötzlich, was man hier besser machen könnte, aber auch, was hier deutlich besser ist und man lernt die Dinge irgendwie von Neuem zu schätzen. Das ist ein wunderbares Gefühl und die Chance zu dieser Erfahrung, sich für eine bestimmte Zeit auf etwas völlig Unbekanntes einzulassen und dabei Vertrautes zu entdecken, kann ich nur jedem wünschen.

Vorbereitung

Gemütlichkeit, gutes Essen und wunderschöne Bauten. Das waren wohl die Hauptkomponenten von dem Bild, das ich mir vor meiner Abreise von der Stadt Wien gemacht hatte. Und ich strengte mich wirklich sehr wenig an, dieses Bild durch ausführliche Lektüre etc. in irgendeiner Weise von seiner Klischeehaftigkeit zu befreien. Ich wollte Wien, wie es sich im Alltag zeigt, auf meine eigene Art entdecken, ohne schon auf alles vorbereitet zu sein. Ich wollte meine ganz persönlichen Eindrücke sammeln, die nicht schon durch eine vorhergehende und tiefgreifende Auseinandersetzung mit der Stadt vorgeprägt sein sollten. Kurz: Ich wollte mich einfach in die Stadt hineinfallen lassen und so kam es dann auch.

Natürlich wollte ich sicher gehen, dass mich dieser Fall nicht zu sehr schmerzt und so hatte auch ich mir schon vor Abreise ein paar feste Bezugspunkte zurecht gelegt. Beispielsweise hatte ich mir vor meiner Abreise eine Unterkunft organisiert, den Stundenplan zusammengestellt und diesbezüglich Rücksprache mit den Verantwortlichen an der Uni Zürich genommen. Nicht zu vergessen sind die häufigen Kontrollen, ob ich auch wirklich alle wichtigen Formulare in dem manchmal sehr unübersichtlichen Wall an Blättern und Bestätigungen, die während der Organisationsphase zusammenkamen, beisammen hatte.

Da ich noch nie so lange im Ausland war und wirklich nicht wusste, was alles auf mich zukommen würde, stieg meine Nervosität kurz vor Abreise ziemlich an und es gab manchen Moment, in dem ich mich wirklich fragte, weshalb ich mich für dieses Austauschsemester angemeldet hatte. Meine Vorbereitungszeit war folglich von einem Gemisch aus Freude, Traurigkeit und Aufregung geprägt und dementsprechend war mein Koffer dann auch erst in allerletzter Minute gepackt bevor dann der grosse Moment des Abschiedes vor der Tür stand.

Ankunft

Rund eine Woche vor Semesterbeginn kam ich in Wien an. So hatte ich genügend Zeit, mich einzuleben und die Stadt zu beschnuppern. Um diese Zeit war ich wirklich sehr froh, denn schliesslich galt es noch, mich an verschiedenen Amtsstellen anzumelden und an Organisationsveranstaltungen von ERASMUS teilzunehmen. Manchmal kam mir dieser Ämterlauf wirklich wie eine kleine Odyssee vor, da ich teilweise auf falsche Büros geschickt wurde und dementsprechend ziemlich verloren in der ganzen Stadt umherfuhr. Aber andererseits waren diese ersten Tage und Wochen sehr aufregend, weil wirklich alles neu war und dieses Gefühl werde ich nie vergessen. Vom zu Hause, über die Umgebung bis zur Uni, alles war mir fremd und weckte meine Neugierde. Diese war manchmal auch ein wenig gepaart mit Angst, so erfuhr ich beispielsweise auf der studentischen Wohnvermittlungsstelle, dass ich in einer 2er-WG untergebracht werden würde. Diese Information weckte in mir die Furcht davor, dass ich mich mit meiner Mitbewohnerin überhaupt nicht vestehen könnte und dann keine Ausweichsmöglichkeiten hätte, da wir ja nur zu zweit wären. Aber zum Glück kam alles anders als in meinen Ausmalungen und ich fühlte mich in der WG mit meiner Mitbewohnerin auf Anhieb zu Hause. Ja, ich hatte wirklich Glück mit meiner Mitbewohnerin! Sie war zum Zeitpunkt meiner Ankunft bereits ein halbes Jahr in Wien und gab mir unzählige wertvolle Tipps. Wir konnten uns prima austauschen, ich konnte ihr meine ersten Eindrücke von Wien mitteilen und sie erzählte mir, wie es ihr ein halbes Jahr zuvor ergangen war und siehe da, unsere Eindrücke waren sehr häufig völlig identisch!

Die Ankunftszeit und die ersten Wochen waren wirklich sehr aufregend und abwechslungsreich. Man lernt so viele neue Leute kennen, knüpft Kontakte, entdeckt die Stadt, passt sich dem neuen städtischen Lebensrythmus an. Vieles kommt auf einmal zusammen, aber es ist erstaunlich, wieviel Energie man in dieser Zeit entwickelt.

Zimmersuche
Wohnen

Ursprünglich wollte ich von der Schweiz aus auf eigene Faust eine Unterkunft suchen. Diesen Plan gab ich allerdings schnell wieder auf, da mir dies zu zeitintensiv erschien und ich im Voraus mindestens einmal nach Wien hätte fahren müssen, um mir verschiedene WG's anzuschauen. Deshalb entschied ich mich nach einer gewissen Zeit, mich bei der Wohnvermittlungsstelle des ÖAD zu melden. Dieser Weg zu einer Unterkunft kann ich nur jedem empfehlen, weil so in der Vorbereitungsphase doch schon eine grosse Sorge wegfällt. Schliesslich wird einem ein Zimmer garantiert, wenn man sich genügend früh beim ÖAD meldet und auch in meinem Fall hat das prima geklappt, obwohl ich mich eher kurzfristig noch bei dieser Stelle meldete.

Die 2er-WG, in der ich wohnte, ist im Studentenheim an der Molkereistrasse untergebracht. Dieses ist erst zweijährig und folglich ist alles sehr modern eingerichtet. In diesem Studentenhaus fehlt es einem wirklich an nichts, so sind die perfekt ausgerüstete Küche und ein grosszügiges Bad in jeder Wohnung vorhanden. Der damit verbundene Nachteil ist jedoch, dass die Atmosphäre im Haus ziemlich anonym ist, da jeder einfach in seiner Wohnung ist und es keine Gemeinschaftsküchen gibt, die man auch als Treffpunkt nutzen könnte. Das heisst, es ist eher schwierig, im Haus selbst Leute kennenzulernen und dies wurde auch von vielen Studenten bemängelt. Dass der Gemeinschaftsraum stets abgeschlossen ist und man für dessen Benützung bezahlen muss, ist auch nicht gerade förderlich, um neue Kontakte zu knüpfen.

Universität

Das universitäre Leben in Wien hat mir sehr gut gefallen. Dazu beigetragen hat unter anderem der Umstand, dass das Institut der Germanistik im wunderschönen Hauptgebäude untergebracht ist und die Veranstaltungen von meinem Nebenfach Volkskunde in einem Gebäude direkt neben der Wiener Staatsoper abgehalten wurden. So habe ich mich rein von den Räumlichkeiten her sofort sehr wohl gefühlt. Ein weiterer wichtiger Punkt diesbezüglich war die Herzlichkeit der Erasmusverantwortlichen in den Instituten und im Büro für Mobilitätsprogramme. So wurde im kleinen Institut für europ. Ethnologie (Volkskunde) beispielsweise eigens ein Abendessen für alle Erasmusstudenten dieses Studienganges organisiert um erste Kontakte zu knüpfen.

Etwas gewöhnungsbedürftig war das Anmeldeverfahren zu den Veranstaltungen in der Germanistik. So musste man sich im Internet zu einer gewissen Zeit zu den einzelnen Kursen einloggen und wenn man da nur Sekunden zu spät war, konnte es sein, dass der Kurs bereits ausgebucht war. Mir ist das in einem Seminar tatsächlich auch passiert, aber ich bin trotzdem einfach in die erste Stunde gegangen und habe mein 'Erasmusticket' zu Nutze gemacht. So ist vieles auch noch möglich, wenn man persönlich mit den Dozenten spricht.

Ich war überrascht, wie gross in Wien das germanistische Institut ist, und vor allem an die Grösse der einzelnen Seminare musste ich mich gewöhnen, denn 40 Studenten in einem Raum sind da ganz normal. Auch die Tatsache, dass es nicht für alle Seminarteilnehmer Stühle gibt, schien die österreichischen Studenten nicht zu überraschen.

Der Ablauf der Veranstaltungen ist in etwa gleich wie in Zürich. Das heisst, die Basis bilden Referate der Studenten, wobei ich hier überrascht war, dass dabei die Teamarbeit nicht unbedingt im Zentrum steht. So wurden die einzelnen Referate zum Thema strikt nacheinander vorgetragen, so dass für die Benotung gut ersichtlich war, wer was erarbeitet hatte. An diesen Umstand musste ich mich zuerst ein wenig gewöhnen, aber trotz alledem konnte ich in der Vorbereitungszeit auf die Referate gut in Kontakt mit österreichischen Studenten kommen und so weitere Freunde finden.

Etwas, das in Wien ganz toll ist, ist die Tatsache, dass viele Studenten aus den Oststaaten kommen. Dementsprechend gab es bei der Germanistik viele Studenten, deren Muttersprache nicht Deutsch ist und dies fand ich sehr erfrischend und auch bewundernswert.

Mit meinen Dozenten hatte ich auch sehr viel Glück, denn schliesslich entscheidet man sich zu Anfang ja für eine Veranstaltung, ohne den Dozenten zu kennen. Auch von Seiten der Lehrenden wurde mir viel Herzlichkeit entgegengebracht.

Leben/Freizeit

Wien bietet in kultureller Hinsicht eine bunte Vielfalt, die einen einfach in den Bann zieht! Ob ein Besuch in der Wiener Staatsoper, in der Volksoper, im Burgtheater oder einfach nur im Kino oder im Prater, für jeden Geschmack ist etwas dabei. Und das Tolle ist, dass man mit etwa 4 Euro schon mit von der Partie ist, da es beispielsweise im Theater und in der Oper günstige Stehplätze gibt. Vielfach gibt es auch Vergünstigungen für Studenten und wenn man sich für die Restkarten am Abend anstellt, kommt doch ab und zu auch noch ein guter Platz heraus.

Ich war wirklich erstaunt, wieviel die Stadt Wien macht, um den Einwohnern eine breite Abwechslung zu bieten. So gab es beispielsweise gratis Konzerte oder auch ein Open-Air-Kino auf dem Rathausplatz, für das ebenfalls kein Eintritt verlangt wurde.

Natürlich kann man in Wien auch wunderbar essen gehen, stundenlang in den Kaffeehäusern verweilen oder den Abend ausklingen lassen. Neben dieser Schlemmerseite von Wien, hat sich mir diese Stadt aber auch sehr sportlich präsentiert. So sind jeden Tag unzählige Jogger und Skater in den Parks unterwegs, egal ob mit hoher sportlicher Ambition oder rein als Ausgleich zum Arbeitsalltag. Dieser Umstand hat auch mir einen gewissen sportlichen Geist eingehaucht, so dass ich mir bald einmal meine Joggingschuhe anschnallte und mich unter die Sportler im Park begab. Hierzu muss ich noch sagen, dass auch das Sportangebot der Uni Wien tipptopp ist. Von Tanzen über Joga bis zum Schwimmen wird alles angeboten.