Erfahrungsberichte

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Typus/Richtung

Erasmus - OUT

Jahr

05/06 SS

Universität

DE-BERLIN01
Berlin - Freie Universität Berlin

Studienfach

Deutsche Sprach- und Literaturwissenschaft (7360)

Gesamteindruck

unbeschreiblich als Ganzes, in den Einzelteilen: erfrischend, lehrreich, lebenswert.

Vorbereitung

...nicht, aber Vorfreude. Dazu gehört: Überlegungen, wer man alles sein, was man alles sehen will: Fernsehturm, an dem der Blick ja nicht vorbei kommt; ...was tun: in Parks sitzen, Bücher lesen, Kaffees suchen, wo man gemütlich sitzt, Zeitungsleser werden, Zeitgenosse werden, Flaneur, Theaterbesucher; den Türken auf die Schliche kommen, den Berlinern, sich selbst ect.

Ankunft

Mit Rucksack, Reisetasche, Fahrrad aus dem Zug gesprungen. Erdrückt vom Gewicht. Ratlosigkeit. Kaffee trinken. Warten auf U-Bahn, auf Einfall, auf Informationsveranstaltung der Uni. Eigentlich das ganze Semester so etwas wie eine Ankunft: ein ständiges irgendwo aussteigen oder absteigen oder umsteigen, dann umschauen, orientieren, sich erstaunen, staunen, dann einsteigen, abfahren, weiterfahren. So war das.

Zimmersuche
Wohnen

Zimmersuche schon vorgängig auf fünftägigem Kurztrip nach Berlin erledigt: nicht allzu schwierig, aber Herausforderung: Adressen suchen im Internet (www.zwischemiete.de) und Telefonnummern, anrufen, leicht beklommen, schon nach ersten Worten als Schweizer enttarnt; zehn, elf Zimmer anschauen in drei Tagen, von einer U-Bahn in die nächste hüpfen, überall fünf oder zehn Minuten zu spät ankommen, zum Frühstücken verknurrt werden zwischen ungewaschenen Geschirrtürmen, mit dem bestimmten Gefühl: das wird besser nichts; Tee trinken bei Leuten, die das Zimmer schon vergeben haben, aber trotzdem ganz interessiert scheinen. Überall die drei, vier gleichen Sätze über die eigene Person loswerden, bis man am Abend hundemüde ist und sich selbst schon ganz langweilig. Erleichterung, wenn passendes Zimmer bei sympathischen Menschen gefunden. (Kein Problem, dass Zimmer nur für die halbe Aufenthaltsdauer frei, sondern Plan, das Suchabenteuer nach drei Monaten einfach nochmals zu wiederholen. In der Zwischenzeit Illusion, man werde dieses dann etwas souveräner angehen.) Wohnsituation: zentrale Lage bietet Vorteile für Freizeitgestaltung, da Wege in der grossen Stadt lang. Uni gänzlich dezentral gelegen. Mitbewohner vereinfachen das Leben, versüssen es: sie gaben mir das Gefühl, willkommen zu sein (was man in dieser Stadt wohl tatsächlich ist), haben beim Zurechtfinden geholfen, wurden schnell vertraut; Möglichkeit zum Meinungs- und Erfahrungsaustausch mit ihnen (und den anderen ERASMUS-Studenten) insbesondere dann, wenn Probleme und Unsicherheit aufzogen, wirklich super, eigentlich unerlässlich.

Universität

War sehr fürsorglich: hervorragendes Ausländerprogramm. Vorgängig zugesandte Unterlagen enthielten alle Angaben zu Meldepflichten bei Bürgerämtern, Ausländerämtern, ..., zu Immatrikulation, Wohngelegenheiten und kurzfristigen Unterkunftsmöglichkeiten (während Wohnungssuche) ect. Informationstage vor Beginn des Semesters boten die Möglichkeit, Fragen bezüglich Studienordnungen, Veranstaltungen, Freizeitangeboten usw. zu klären. Organisierte Ausflüge für ERASMUS-Studentinnen/Studenten, z.B. Bootstour, Führung durch den Reichstag, Fahrradtour durch dichte Wälder, flaches Land. KZ-Führung geleitet von einem Historiker. Auch mehrtägige Ausflüge in andere deutsche Städte wären im Angebot gewesen. Alles äusserst kostengünstig. Seminare speziell für ausländische Studierende: z.B. kulturelle Orientierung in Berlin (mit Stadtexkursionen, Museums- und Theaterbesuchen). Studium: v.a. zu Semesterbeginn überfüllte Seminarräume, inhaltlich und vom Diskussionsklima her aber durchaus angenehm. Studien-relevante Informationen waren immer irgendwie zu finden, z.T. allerdings eher zufällig. Mensa dank volkstümlichen Speisen immer wieder ein Erlebnis. Nur die Gebäude leider ein einziger, nicht besonders ansehnlicher Irrweg.

Leben/Freizeit

Die Stadt lebt in jedem Winkel, unter jedem Pflasterstein. Jeder Schritt überschreitet historisches Terrain und in der Luft liegt sozusagen ein Hauch von Kultur. Duzende Museen, Theater, Kinos, Lesebühnen, Klamaukveranstaltungen, Multikultievents, ..., bieten Anregung und Vergnüglichkeit. Breite Strassen geben Weite, geben sich gewissermassen dem Leben preis. Badeseen laden zum Baden ein, Parks zu Ruhe und Entspannung. All das entzieht sich eigentlich der Beschreibung, zieht so schnell vorüber, erhebt schon gar nicht mehr den Anspruch auf Dauer, heute hier, morgen dort; und doch prägt es sich unheimlich ein. Alles ist unfest und hängt irgendwo lose zusammen, bietet sich der Aneignung an. Die Tage und Nächte - denn die Grenzen verschwimmen hier - können zu Entdeckungsreisen gemacht werden; was aber einmal entdeckt wurde, ist vielleicht bald schon weg, oder zeigt sich in einer anderen Form, oder taucht plötzlich an einem neuen Ort auf, wo man es gar nicht vermutet hätte. Das alles ist wie ein grosses Aquarium mit vielen bunten Fischen.