Erfahrungsberichte

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Typus/Richtung

Erasmus - OUT

Jahr

05/06 WS + SS

Universität

DE-BERLIN13
Berlin - Humboldt-Universität zu Berlin

Studienfach

Deutsche Sprach- und Literaturwissenschaft (7360)

Gesamteindruck

Das Jahr in Berlin war ein geniales Erlebnis. Das Leben in einer Grossstadt, wie dieser, in der an vielen Ecken Weltgeschichte geschrieben wurde, ist etwas, was mich für mein Leben prägen wird. Die Mischung aus alt und neu, Hochhäusern und Abrisshallen, Punks und Geschäftsmännern, Kebapständen und Currywurst. Die Stadt lebt. Wer sich nicht seinen Teil davon abschneidet ist selber Schuld.

Vorbereitung

Alles in allem war die Vorbereitung weniger kompliziert, als ich es mir vorgestellt hatte. Mit dem ausfüllen des Antragsformulars und einer kurzen Besprechung mit der Fachvertretung meines Institutes waren die wichtigsten Schritte schon getan.

Zwar waren die Informationen bezüglich der Gastuniversität in Berlin nur äusserst spärlich von der Uni Zürich zu bekommen, aber die wirklich wichtigen Infos kann man sich sowieso erst vor Ort beschaffen.

Ankunft

Wenn ich in der Schweiz von Wgs in Berlin sprach hörte ich fast immer folgendes: Ach in Berlin, da sind ja soviele leerstehende Wohnungen, da ist es völlig einfach ein Zimmer zu finden.

An alle zukünftigen Erasmusstudenten, die ähnliches gehört haben: Ist es nicht!! Denn wenn man blauäugig wie ich war, nach berlin kommt, ohne jemanden zu kennen, bei dem man zwischenzeitlich wohnen kann, in ein Jugi eincheckt und sich auf Wg-suche macht, kann man sein blaues Wunder erleben. Ende September ist ganz Berlin voll mit Studenten, aus Deutschland und aller Welt, die auf der Suche nach einer Wg sind. Präferenzen: Schön, billig, und am Besten am Prenzlauer Berg oder in Mitte. - Wenn man dann also in eine Wg kommt um sich vorzustellen sind zwei Szenarien möglich:

1) Man kommt, spricht mit den Bewohnern, trinkt Kaffee, hat ein gutes Gefühl und dann,... Kann man seinen namen mit Telefonnummer auf eine Liste setzen auf der sich schon 20 andere eingetragen haben und noch etliche folgen werden.

2) Beim Betreten der Wohnung sieht man eine Gruppe von 20 Leuten am Boden sitzen, die sich betont locker unterhält. Den Wg-lern war es zu mühsam alle Leute einzeln vorzuladen, weshalb sie alle gleichzeitig herbestellt haben, und am Ende des Abends einen auswählen. Ich habe mich an diesen Abenden oft gut unterhalten, meist jedoch mit Leuten die mit mir um das Zimmer konkurrierten und nicht mit den Wg-lern.

Also gibt es folglich einige Möglichkeiten solchen Stress zu vermeiden:

1) Gehe schon zu einem früheren Zeitpunkt (am besten Ende Semester) in deine Zielstadt, und suche eine Wg

2) Kenne jemanden, der in der Stadt wohnt, und bei dem du vorübergehend wohnen kannst. So kannst du ganz entspannt ne Wg suchen, ohne nach einigen Tagen in totalen Erfolgsstress zu verfallen.

3) Versteife dich nicht auf die sogenannten in Viertel. Ein wahrer Berliner weiss: Mitte und Prenzlauer Berg sind gar nicht sooo cool. Lauter Hype- Leute, die sich selber für die coolsten halten, und damit so beschäftigt sind, dass sie sonst zu nix zu gebrauchen sind. Die wirklich guten Quartiere sind Kreuzberg und Friedrichshain. Auch Wedding und Tiergarten, ja sogar Neukölln sind besser als ihr Ruf. Wichtig ist nur, in Fahrraddistanz zum Zentrum zu sein.

Universität

Die Humboldt Uni ist viel grösser und verzettelter als die Uni Zürich. Man lernt Dinge an Zürich zu schätzen, die einem zuvor ganz natürlich erschienen. Ein Cafe mit Stühlen und Tischen, an denen man gemütlich sitzen kann, die Sportanlage, die sich direkt unter der Polyterasse befindet (in Berlin fährt man oft 30 Minuten SBahn bis man bei der jeweiligen Sportanlage ist), Seminare mit weniger als 40 Leuten, bequeme Bänke die weniger als 50 Jahre alt sind, usw.

Aber es gibt auch einiges, dass für diese Mängel entschädigt. Kaffee trinken kann man auch in nicht universitätseigenen Kneipen, da die Preise um ein vielfaches niedriger sind als in Zürich, auch wenn in Seminaren die Teilnehmer zuweilen auf dem Boden sitzen müssen, herrscht eine viel regere Diskussionskultur als in Zürich und das begleitende Angebot ist riesig. Theater, Lesungen, Themanabende werden in extremer Dichte angeboten, und das zu Preisen, die man sich in der Schweiz gar nicht denken kann.

 Wenn auch die Organisation der Uni zum Teil leicht chaotisch ist, sind die zuständigen Personen doch immer freundlich und sind auch eher bereit, mal unbürokratisch zu Hilfe zu kommen, wenn eine Frist verpasst, oder ein Stempel nicht eingeholt wurde.

Leben/Freizeit

Der Grund weshalb ich eher mit zwei als mit einem weinenden Auge wieder nach Zürich zurückkomme, liegt ausserhalb der Uni. Was die Stadt Berlin zu bieten hat, ist unglaublich. Was da an Konzerten, Clubs, Theater, Kneipen, Strandbars und Museen zu finden ist, ist schlicht unglaublich. Den Luxus, nicht zu schauen, was an einem Abend los ist, und sich dann zu entscheiden, sondern sich erst zu entscheiden, was man machen will, und dann zu gucken, wo das heute läuft, werde ich vermissen.

Auch die Stadt an sich. Lebendiger, dreckiger, improvisierter, verkehrsärmer nd abwechslungsreicher als Zürich werde ich vermissen. Die Menschen fangen hier öfter an auf der Strasse mit Unbekannten zu sprechen. Man wird öfter dumm angequatscht, aber dafür auch immer wieder in interessante oder skurille Gespräche verwickelt.

 Im Sommer ist die Stadt noch viel besser, als im extrem kalten Winter. Wenn erst die langen Unterhosen, die man sich gegen jegliches ästhetisches Empfinden gekauft hat, gegen die kurzen Hosen getauscht sind, geht das Leben erst richtig los. Grillen im Park, Fussball, Baden gehn, Strandbars an der Spree - Die Stadt blüht auf.

Ich freu mich schon auf meine Besuche in Berlin, die sicher häufig sein werden