Erfahrungsberichte

zur Übersicht

Typus/Richtung

Austausch - OUT

Jahr

16/17 SS

Universität

CL-
Santiago - Universidad Adolfo Ibáñez

Studienfach

Publizistikwissenschaft (7251)

Gesamteindruck

Chile war für mich eine sehr schwere, anstrengende und am Ende komplizierte Zeit, obwohl das Land eine atemberaubende Vielfalt an Landschaften hat, eines der sichersten Lateinamerikas ist und die Chilenen offen und interessiert auf Extranjeros zugehen. Neben Spanisch habe ich auf jeden Fall viel für's Leben gelernt, Schönes wie weniger Schönes.

Vorbereitung

Für das Beantragen des Chilenischen Studentenvisums braucht man einige Dokumente, weshalb es sich lohnt möglichst früh damit zu beginnen.

Sich bei der Universität Zürich zuerst zu bewerben (Internationale Abkommen) und daraufhin bei der Uni zu bewerben funktioniert aber relativ reibungslos, sofern man schon über gute Spanischkenntnisse verfügt. Bei Fragen helfen die Zuständigen der internationalen Abkommen sehr gerne und antworten schnell, was mir sehr viel geholfen hat, vor allem wenn man noch nicht weiss mit welchen Abkommen und Austauschprogrammen man sein Auslandssemester machen möchte.

Was ich etwas schade fand war, dass die Aufnahmebedingungen für die Católica deutlich strenger sind (v.a. was die Spanischkenntnisse angeht) als für die UAI, wobei man an der UAI nur Kurse auf Spanisch hat, die Católica aber voller Austauschstudenten ist, die kein Wort Spanisch sprechen und Kurse auf Englisch belegen. 

Ankunft

Mit der Agentur ChileInside buchte ich einen TransVip-Bus, der mich nach der langen Reise direkt vor meiner Wohnung absetzte, was ich sehr schätzte, da man in diesem Moment einfach nur noch ankommen möchte. Vorbuchen ist aber eigentlich nicht nötig, da man direkt am Ausgang einen Schalter der TransVip-Busse findet.

Es gibt allerdings auch den Shuttlebus Centropuerto, der einen für 1700 pesos bis zu den Metrostationen Pajaritos und Los Heroes bringt. Je nach dem lohnt es sich mit dem Shuttle bis ins Zentrum zu fahren und dort die Metro oder aber ein Taxi zu nehmen. Dabei sollte man bereits wissen, an welcher Ecke (d.h. welche beiden Strasse sich bei seiner Wohnung/Unterkunft kreuzen) sich das Ziel befindet, da viele Taxifahrer damit mehr anfangen können als mit der Strassennummer.

Zimmersuche
Wohnen

 Ich hatte meine erste Wohnung über die Agentur „ChileInside“ gebucht, hatte aber schon im ersten Monat Probleme mit dem Vermieter. Auch funktionierten sehr viele Dinge in der WG nicht so wie versprochen. Ich war etwas enttäuscht, da der Preis der Wohnung für Chilenen sehr hoch war, mit den Wohnungspreisen in Zürich aber natürlich nicht vergleichbar (300.- im Monat, alles inbegriffen).

Über dieselbe Organisation fand ich eine andere Wohnung. Ich empfehle allen ein zwei Wochen vor Semesterbeginn nach Santiago zu kommen, in ein Hostel einzuchecken und sich die Wohnungen und ganz besonders die Vermieter genau anzuschauen. Ausserdem muss man gleich im ersten Monat viel Zeit einberechnen um seine Chilenische Identitätskarte zu beantragen (Tipp: früh Morgens, bevor das Büro überhaupt geöffnet ist, anstehen und das insgesamt drei Mal und auch nicht Montags oder Freitags anstehen, dann hat es die meisten Leute).

 Ich wohnte beide Male im Zentrum Santiagos, womit ich sehr zufrieden war, da grössere Supermärkte, Metros, Busstationen (auch die Langstreckenbusse) und Ausgehmöglichkeiten ziemlich nahe sind. Nur die Uni ist weit weg, was ich aber in Kauf nahm, da ich nur drei Tage in der Woche zur UAI musste. Providencia bietet sich auch gut zum wohnen an und ist auch etwas sicherer und sauberer. Ein Studentenviertel soll anscheinend auch Nuñoa sein, das ich aber kaum kennenlernte, da es doch ziemlich weit weg vom Zentrum ist, dafür aber näher an der Uni. 

Universität

Die Universität Adolfo Ibañez fühlt sich im ersten Moment eher an wie eine Kanti. Kleine Klassen, familiärer Umgang der Professoren mit den Studenten, Hausaufgaben, viele Prüfungen unter dem Semester, Vorträge, Semesterarbeiten und was vor allem wichtig ist zu erwähnen: Anwesenheitspflicht.

Wer vor hat während dem Auslandssemester ab und zu etwas zu reisen, sollte seinen Stundenplan gut planen, denn man besteht den Kurs nur, wenn man (je nach Fach) mindestens 75% der Zeit anwesend war. Natürlich ist man im Falle einer Krankheit mit einem Arztzeugnis entschuldigt.

Im ersten Moment war dies sehr gewöhnungsbedürftig, da ich mir von Zürich aus gewöhnt war sehr selbstständig zu sein und meine Zeit selbst einteilen zu können, so wie es mir passt. Nicht so an der Uni Adolfo Ibañez. Fast jeder Kurs hat wöchentliche Arbeiten oder Prüfungen, die doch einige Zeit in Anspruch nehmen. Besonders mühsam ist es dann, wenn man am Wochenende eine Reise geplant hat und der Professor bis Donnerstag die Aufgabe nicht hochgeladen hat, man sie aber schon Sonntags abgeben muss und Donnerstagnachts mit dem Nachtbus verreist. Wer also mit solcher „Organisation“ nicht umgehen kann, für den ist diese Uni wohl eher nichts. Auch sonst ist vieles nicht ganz so super organisiert wie bei uns in der Schweiz, was natürlich auch nachvollziehbar ist, mit der Zeit aber doch an den Nerven nagt. Gute Spanischkenntnisse helfen deshalb sehr beim etwas weniger organisierten Unterrichtsstil, da alle Kurse nur auch Spanisch und auch viele Texte nur auf Spanisch vorhanden sind. Viele Professoren kommen einen aber bei Nachfrage entgegen, finden Übersetzungen, die mit dem VPN nicht freigeschaltet werden können, etc. Es lohnt sich aber dennoch mindestens zwei Wochen vor dem Semesterbeginn nach Chile zu kommen, damit man sich, trotz gutem Spanisch, ans Chilenische gewöhnt, da viele Professoren sehr schnell während den Seminaren sprechen.

Vom Zeitaufwand her ist die UAI mit 5 belegten Fächern etwa gleich wie die Uni Zürich mit 30 ETCS im Semester. Man kann mehr machen, aber für das Auslandssemester empfehle ich dennoch höchstens fünf Seminare. Unter dem Semester ist der Aufwand etwas grösser, dafür gibt's am Ende keine völlig gestresste Lernphase. Es gibt zwar Semesterabschlussprüfungen (allerdings auch nicht bei jedem Fach), doch mit guten Vornoten muss man sich keine grossen Sorgen machen, was deutlich angenehmer ist.

Die Professoren sind sehr offen, zeigen viel Verständnis, sind auch nicht all zu streng (zumindest bei den Bachelorstudenten, im Master bekommt man keine Minute mehr geschenkt an einer Prüfung, nur weil man extranjero/a ist) und bieten einen auch privat Hilfe an, falls man Probleme in Chile hat. Allgemein ist der Umgang viel familiärer, so dass man sich schnell wohl fühlt, da man den Prof mit einem Wangenkuss begrüsst und weiss, dass man ihn bei Fragen auch auf WhatsApp schreiben oder anrufen kann (von dem die Chilenen gerne viel gebrauch machen). Auch die Mitstudenten sind sehr offen, probieren schnell die Austauschstudenten zu integrieren und helfen ihnen. Tiefe Freundschaften kamen bei mir in den Kursen jedoch leider eher nicht auf, da man doch zu wenige Kurse mit denselben Leuten hat und ein Semester allenfalls auch zu kurz dafür ist, denn obwohl sie sehr herzlich und hilfsbereits sind, sind Chilenen die kältesten Lateinamerikaner.

Ich nahm insgesamt vier Kurse. Zwei Geschichtskurse (Historia de Chile und Historia Universal) für mein Nebenfach Geschichte der Neuzeit und zwei für mein Hauptfach (Opinión Pública und Taller de Periodismo).

Sehr zu empfehlen ist ein Talleres-Kurs. Hier lernt man, anders als wir es uns von Zürich gewohnt sind, praktisch zu arbeiten. Ich nahm einen Kurs bei dem es um Fernsehnachrichten ging. Man produziert selbstständig Beiträge, muss manchmal in die Stadt, an Events oder Demonstrationen filmen, Interviews machen, im Studio vorsprechen und Filme schneiden. Zu erwähnen ist allerdings, dass erwartet wird, dass man an dem Tag, an welchem man den Talleres-Kurs hat, sonst keine Vorlesungen mehr hat, da man oft gleich am selben Tag einen Beitrag produzieren und abgeben muss. Dies wurde mir im voraus nicht kommuniziert und so verpasste ich viele Vorlesungen eines anderen Kurses. Trotzdem kann ich jedem, der einmal im Journalismus arbeiten möchte und noch keine Erfahrungen in dem Bereich sammeln konnte, diesen Kurs wärmstens empfehlen. Auch, weil man sieht wie stark der US-amerikanische Einfluss gerade in den Medien ist.

Leben/Freizeit

Für längere Zeit war ich bisher immer nur als Touristin in fremden Ländern, fühlte mich aber relativ vorbereitet, da ich mit dem Rucksack und mehrere Monate reiste. In einem Land tatsächlich zu leben und einen Alltag zu haben bedeutet aber auch negative Erfahrungen zu machen, welche sich bei mir leider gehäuft haben. Es verging kaum ein Monat, an dem ich nicht eine sehr schlechte Erfahrung machte, was einerseits Pech ist andererseits hier aber auch einfach zum Leben dazugehört. Da ich und auch viele andere Austauschstudenten, die ich kennenlernte, etwa dieselben schlechten Erfahrungen machen mussten, werde ich hier nur einige Tipps für die Nächsten auflisten:

- Normalerweise muss man bei jedem Bargeldbezug eine gewisse Gebühr bezahlen, was natürlich nach einiger Zeit doch ziemlich teuer wird. Die einzige Bank in Santiago, bei der man keine zusätzlichen Gebühren auf Seiten der Chilenischen Bank hat ist Scotiabank 

- Wenn ihr in einem Hostel seid, schaut euch zuerst die Matratzen an. Hat es schwarze Punkte den Nähten entlang, ist das Bett von Bettwanzen befallen und wenn ihr Pech habt sind diese sehr schnell in eurem Rucksack und allen euren Kleidern und ihr reagiert allergisch darauf. Dies kann eine ganze Reise völlig kaputt machen. Bettwanzen sterben nur bei kochend heissem Wasser ab. Die meisten Waschmaschinen und auch Waschsalons in Chile waschen aber nur mit kaltem Wasser. Sind die Bettwanzen erst mal im Haus, bringt man sie kaum noch los.

- Macht eine Kopie von absolut allen Dokumenten, die ihr habt. Am besten mehrere und gebt jemandem in der Schweiz auch Kopien jener Dokumente. Auch von der chilenischen ID, sobald ihr diese erhalten habt. Tragt das Original nur mit Euch, wenn es absolut notwendig ist. Dasselbe gilt für Kreditkarten

- Am Krankenhaus „Clínica Alemán“ ist absolut nichts „alemán“ ausser dem Namen. Ihr werdet auch dort ewig lange Wartezeiten im Notfall haben. Informiert euch am besten so schnell es geht selbst über Eure Verletzung, denn es ist nicht selten der Fall, dass sie einen etwas andrehen, das man gar nicht braucht, nur damit man wiederkommen und noch mal bezahlen muss. Die Internationale Krankenversicherung ist, finde ich, deshalb ein absolutes Muss für das Auslandsemester und wird an der UAI auch verlangt.

- Öffentliche Krankenhäuser sind nicht besser. Sucht am besten gleich einen privaten Facharzt im Internet, vereinbart einen Termin (ja, auch wenn es ein Notfall ist) und geht am nächsten Tag hin. Das geht schneller

Der Februar ist völlig überlaufen von Touristen. Plant eure Reise gut voraus und seid gefasst, wenn ihr Abstriche machen müsst

- Wenn ihr plötzlich Dreck auf dem Rucksack oder der Bauchtasche habt, während ihr durch eine Menschenmenge geht und jemand strahlend mit einer Wasserflasche auf euch zu rennt, dann geht so schnell wie möglich weg von dieser Person, haltet die Tasche fest und geht in eine Toilette eines Restaurants, wo ihr euch einschliessen und saubermachen könnt. Dies ist ein häufiger Trick um euch „helfend“ Wasser über den Kopf zu leeren und in wenigen Sekunden seid ihr ausgeraubt und habt es nicht mal bemerkt

- Ihr könnt noch so gut auf eure Wertsachen aufpassen, aber wenn es passiert, dann passiert’s. Egal ob ihr euren riesigen Reiserucksack unter dem Tisch zwischen den Beinen in einem Restaurant habt oder das Handy in der Metro in der engen Jeanstasche. Dass man beklaut wurde, merkt man oft erst nach zehn Minuten. Das gute in Chile ist jedoch, dass man es eben erst später merkt und wenigstens nicht bedroht oder verletzt wird

- Benutzt lieber Uber als ein Taxi. Viele Taxifahrer sind zwar nette und ehrliche Menschen, jedoch besteht dennoch auch eine etwas zu grosse Chance, dass man von ihnen ausgeraubt wird. Uber ist nicht nur günstiger, sondern auch sicherer.

Wenn Euch ein chilenischer Freund Hilfe anbietet, nehmt sie an. Ihr werdet Chile nicht ohne fremde Hilfe überstehen.

- Nehmt euren Laptop oder euer Tablet NIE auf Reisen mit. Auch wenn die Busfahrt lange ist und ihr lernen wollt.

- Wenn ihr euch verlaufen habt und euch nicht wohl fühlt in der Gegend, auch wenn es taghell ist, lauft zur nächsten Bank und schaut neben dem Sercuritas auf dem Handy nach wie ihr nach Hause kommt und nicht mitten auf der Strasse (gute Offline-App zur Orientierung: MapsMe)

Nehmt genug warme Kleider mit, wenn ihr im Herbst oder Frühling in Chile seid. Die Temperaturen sind zwar nicht so eisig wie in der Schweiz, aber die Häuser dafür kaum isoliert und bei den Bussen oft Fenster und Türen kaputt, so dass man im Bus vollgeregnet wird.

- Erwartet nicht, dass alles viel günstiger ist als in der Schweiz.

- Habt eine Unfall- und Diebstahlversicherung

- Lernt streiten auf Spanisch. Oft sind die Leute (wenn es Teil ihrer Arbeit ist) zu faul um euch zu helfen und bewegen sich erst, wenn sie absolut müssen, da ihr nicht mehr zu ignorieren seit

Chile ist ein Land, in welchem man gut zurechtkommt, solange man Geld hat, jung und gesund und nicht komplett auf sich alleine gestellt ist. Helfen würde bestimmt, wenn man bereits einige Leute in Santiago kennt oder aber zu einer Gastfamilie zieht, von denen ich immer nur Positives gehört habe. 

Alles in allem habe ich trotz so vielen schlechten Erfahrungen auch einige Gute gemacht. Chiles Natur ist atemberaubend, die Menschen sehr hilfsbereit, ernsthaft aufmerksam und interessiert und Santiago eine spannende Stadt, um ein halbes Jahr zu verbringen, vor allem wenn man gerne Essen und Feiern geht.