Erfahrungsberichte

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Typus/Richtung

Austausch - OUT

Jahr

16/17 WS

Universität

AR-
Buenos Aires - University of Palermo

Studienfach

Politikwissenschaft (7615)

Gesamteindruck

Ein Austauschsemester ist eine grossartige Möglichkeit sich persönlich weiterzuentwickeln, seine Sprachkenntnisse zu verbessern, eine neue Kultur sowie viele tolle Leute kennenzulernen und zu reisen. Diesbezüglich war mein Aufenthalt ein voller Erfolg. Der eigentliche Studienaustausch an der Universidad de Palermo (UP) war eher enttäuschend. Die Qualität der Lehre und das wissenschaftliche Niveau der Kurse hat mich weniger überzeugt. Nichtsdestotrotz nimmt man einiges über die südamerikanische Geschichte sowie Politik mit und erhält Einblick in ein völlig anderes Bildungssystem, das doch auch einige positive Seiten kennt. Buenos Aires ist eine lebenswerte Stadt mit einem sehr reichen Kulturangebot, welches definitiv ausgekostet werden muss.

Vorbereitung

Die Partnerschaft zwischen der UZH und der UP ist administrativ sehr gut organisiert. Wie bei jedem Studienaustausch kommt man nicht darum herum, viele Formulare auszufüllen etc., aber man weiss stets wo man steht, und wird von den Mobilitätsverantwortlichen beider Unis bestens angeleitet und unterstützt. Etwas mühsam ist, dass man bevor man an der UP ist, kaum an das konkrete Vorlesungsverzeichnis kommt. Mir wurde zwar eine Kursliste mit den Titeln und Zeiten zugestellt, für eine Entscheidung und die Anrechnungsvereinbarungen ist dies aber nicht genügend. Infos zu den Themen, Leistungsnachweisen etc. erhielt ich dann erst vor Ort. Hier rate ich einfach zu Ruhe, weil dies für beide Unis kein Problem ist: man kann sich an der UP eigentlich noch für jeden beliebigen Kurs einschreiben und der UZH die Anrechnungsvereinbarungen auch per Scan zukommen lassen.

Die ganzen Vorbereitungen bezüglich Visum hätte ich mir sparen können. So wie es sich herausstellte, brauchen Austauschstudenten, welche nur ein Semester bleiben und nicht an einer argentinischen Universität graduieren, kein Studentenvisum. Als Schweizer gestaltet sich dies sehr einfach, weil man ein 90-Tage-Touristenvisum bei der Einreise erhält und dann einfach vor Ablauf der Frist z.B. nach Colonia del Sacramento in Uruguay (1.25 h mit der Fähre) aus- und wieder einreist.

Ich würde euch empfehlen, euer Spanisch nochmals gut aufzufrischen. An der Uni und auch im Alltag wird wirklich alles auf Spanisch abgewickelt. Gute Spanischkenntnisse sind notwendig, um die Leistungsnachweise zu bestehen, öffnen euch aber auch viele Türen in Südamerika. In BsAs kommt man mit Englisch vielleicht noch durch, aber gerade beim Reisen ist es so viel einfacher und macht viel mehr Spass.

Ankunft

Ich bin etwa ein Monat vor Studienbeginn in BsAs angekommen, um eine WG zu finden und mich ein bisschen einzuleben. Der Transfer von Flughafen Ezeiza ins Stadtzentrum ist einfach und kostengünstig mit einem Flughafenshuttlebus (bspw. Tienda de Leon) zu machen.

Etwa eine Woche vor Semesterbeginn findet ein obligatorischer Informationstag der UP statt, der einem die Infos zum Prüfungsprozedere, zu den Uni-Sprachkursen, zur Stadt (Sicherheit, ÖV, Attraktionen, Nützliches) und Reisen in Argentinien gibt.

Zimmersuche
Wohnen

Ich habe zuerst ca. zwei Wochen in Airbnb's gewohnt und währenddessen eine WG gesucht. Die Internetplattformen wie etwa compartodepto.com haben mich jedoch gar nicht überzeugt, viele Angebote haben eher fakemässig gewirkt und waren überteuert. In Argentinien ist es viel weniger gängig in WG's zu wohnen, als bei uns. Die Suche war ziemlich nervenaufreibend, zum Schluss habe ich dann jedoch durch die Hilfe des letzten Airbnb-Hosts und Social-Media-Aufruf eine super Bleibe gefunden. Ich denke man braucht einfach Nerven, Zeit und sollte versuchen, ein paar Kontakte zu knüpfen. Diejenigen, die in organisierten Zimmern wohnten, waren nicht wirklich glücklich, weshalb ich diesen Strapazen auf mich nehmen würde. Dies ist auch eine Möglichkeit mit Locals zusammenzuwohnen. Man lernt mehr Leute kennen und vor allem profitieren eure Sprachkenntnisse sehr, denn der Grossteil der anderen Austauschstudenten ist jeweils aus den USA und Frankreich.

Ich wohnte in Colegiales/Belgrano, wo es mir sehr gut gefallen hat. Es ist ein sicherer, ruhiger, vergleichsweise grüner Stadtteil mit Bars und Cafés. Generell würde ich euch sehr empfehlen, in der Nähe einer U-Bahn-Station zu wohnen, da die Fahrten mit dem Lokalbus bei Verkehr lange dauern können und man so in der Grossstadt auch am leichtesten vom einen in den anderen Stadtteil fahren kann. Weitere mögliche Stadtteile zur WG-Suche sind Almagro/Abasto, Recoleta oder Villa Crespo. Palermo ist zwar sehr hip, aber touristisch und teuer.

Universität

Die Universidad de Palermo hat eine offene Kultur, die Mitarbeiter und Professoren sind sehr hilfsbereit, freuen sich über die Austauschstudenten und alles ist verhältnismässig gut organisiert. Man kommuniziert auf Du-Basis und in den Lektionen wird viel diskutiert, was angenehm und für die Fremdsprachenkenntnisse förderlich ist. Die Kurse sind generell dreistündig einmal pro Woche und geben an der UZH 6 ECTS-Punkte. Ziemlich üblich sind ein bis zwei schriftliche Zwischenprüfungen mit einer mündlichen Prüfung oder schriftlichen Arbeit zum Schluss.

Die Qualität der Lehre und das wissenschaftliche Niveau der Kurse hat mich weniger überzeugt. Mit Präsenzpflicht, Zwischenprüfungen, der Art von Pflichtlektüre, dem Unterrichtsstil und vor allem dem primären auswendig Lernen ist die Universität ziemlich verschult. Teils haben mich die Lektionen eher an das Gymnasium als an eine Universität erinnert. Einige Stimmen meinten es sei besser, an der Universidad de Buenos Aires (UBA) zu studieren. Auf der einen Seite soll die Institution eine stärkere akademische Tradition und Qualität haben. Auf der anderen Seite soll die Infrastruktur sowie Organisation schlechter sein und der Betrieb teils durch Streiks beeinträchtigt werden.

Schlussendlich liegt es jedoch an jedem individuell, wie er dies einschätzt, mir hat es an der UP nicht so zugesagt.

Die internationale Koordinatorin ist sehr hilfsbereit und während dem Semester finden zwei weitere Treffen mit allen Austauschstudenten statt, um Fragen zu klären. Man könnte sie jedoch jederzeit kontaktieren. 

Leben/Freizeit

Buenos Aires hat kulturell sehr viel zu bieten und dies zu günstigen Preisen bis sogar gratis. In den etlichen Kulturzentren in allen Stadtteilen werden jeden Abend tolle Konzerte abgehalten, was mich persönlich am meisten begeistert hat. Ausserdem gibt es viele Museen, Theater (Avenida Corrientes), Bars und speziell Café-Besuche sind ein Muss. Das Sportangebot ist eher teuer und auch die Preise für Ausgang sind eher überraschend, da lohnt es sich auch typisch porteño Getränke zu kaufen und Grilladen auf der Terrasse zu machen oder im Park trainieren zu gehen. Argentinien und speziell Buenos Aires ist für lateinamerikanische Verhältnisse teuer und der Bargeldbezug an ATM's ist wegen einer tiefen Höchstlimite und hohen Bezugsgebühren unnötig kostenintensiv.

Ich habe Buenos Aires als sehr sicher empfunden und ab der zweiten Woche auch in den frühen Morgenstunden nur noch den günstigen ÖV (U-Bahn und Lokalbusse) genutzt. Dies ist selbstverständlich eine individuelle Einschätzung und sowieso muss immer gut wegen Taschendiebstählen aufgepasst werden, vor allem in den ÖV und in den touristischen Gegenden. In den oben genannten Wohngegenden kann man sich aber bestens sicher bewegen, während La Boca, Once und andere bei Nacht klar gemieden werden sollten.

Die Argentinier sind generell sehr offen, gesprächig, herzlich und stolz auf ihr Land bzw. ihre Stadt. Lässt euch darauf ein und ihr werdet ein paar richtig tolle Freunde kennenlernen. An der Uni hat sich dies als eher schwierig entpuppt und das Studentenleben ist eher kalt. Wenn ihr möchtet, könnt ihr auch mit der Organisation Bais (Buenos Aires International Students) Sachen unternehmen, oder euch zumindest von ihrem Programm in und um die Stadt inspirieren lassen. Ihr solltet unbedingt auch mal die weniger zentralen Stadtteile besuchen, um die weniger europäische und ärmere Seite Buenos Aires' kennenzulernen.

Im Winter und bei schlechtem Wetter kann die Stadt teilweise ziemlich trist sein. Verlasst die Grossstadt unbedingt ein paar Mal, da Buenos Aires als melting pot nicht gleich Argentinien und sowieso nicht gleich Südamerika ist. Sie als europäischste Stadt Südamerikas zu beschreiben, hat ganz klar seine Berechtigung. Auch während dem Semester liegen je nach Stundenplan und Feiertagen Trips beispielsweise nach Mendoza, zu den Iguazú-Wasserfällen, Salta/Jujuy oder Uruguay drin. Wenn ihr schon drüben seid, lege ich euch stark ans Herz Südamerika weiter zu bereisen. Gerade Bolivien als Nachbarland ist nahe und ganz anders (indigene Bevölkerung, Wohlstand, Essen etc.) und sehr schön.