Erfahrungsberichte

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Wer

dario_meili[at]hotmail.ch

Typus/Richtung

Austausch - OUT

Jahr

15/16 SS

Universität

BR-
São Paulo - Universidade de Sao Paulo

Studienfach

Volkswirtschaftslehre (3020)

Gesamteindruck

Ich habe mein Austausch an der Universität São Paulo in Ribeirão Preto im FS16 absolviert. Das Fazit meines Austausches and der USP/RP fällt insgesamt unglaublich positiv aus. Sowohl was das Studium betrifft, aber auch alles rundherum. Wer einen Austausch machen will und dabei wirklich eine neue Sprache lernen möchte, reisefreudig ist eine neue Kultur kennen lernen möchte, ist in Brasilien perfekt aufgehoben. 

Vorbereitung

Wer einen Austausch an der USP plant, sollte sich frühzeitig um den Sprachnachweis kümmern, am besten beginnt man schon ein Jahr (!) vor der Anmeldefrist der UZH. Die USP selbst stellt keine Sprachanforderungen, was für Unklarheit bei der Anmeldung sorgen kann (da die UZH sich normalerweise nach den Anforderungen der Gastuniversität richtet). Die meisten Austauschstudenten können zu Beginn des Semesters gar kein Portugiesisch, da ihre Heim-Unis keine Anforderungen diesbezüglich haben. Im Bachelor ist das kein Problem, da eine kleine Auswahl an englischsprachigen Fächern angeboten wird. Als Masterstudent ist es jedoch unentbehrlich. Bezüglich den Vorbereitungen zum Visum etc. kann ich nicht viel sagen, da ich einen brasilianischen Pass besitze. Die Fächerauswahl läuft jedoch ein wenig kompliziert ab, da man als Austauschstudent vor der Ankunft kein Zugriff auf die Onlinetools hat und man deshalb die ganze Fächerauswahl schriftlich einreichen muss. Speziell im Master ist zu beachten, dass manche der zunächst angebotenen Fächer wegen der kleinen Studentenzahl nicht zustande kommen, aber auch dass kurz vor Abreise plötzlich neue Fächer auftauchen. Es lohnt sich also immer wieder nachzuschauen, auch wenn man die Auswahl schon getroffen hat. Die Fächer können dann nach Ankunft geändert und mittels Ergänzungsvereinbarung angerechnet werden.

Ungefähr zwei Monate vor der Abreise wurde ich vom sogenannten iTeam kontaktiert, einer Studentenorganisation die sich um die Austauschstudenten kümmert, sich aber auch grundsätzlich für die Internationalisierung der USP einsetzt. Etwa ein Monat vor der Abreise wurde mir dann vom iTeam ein Buddy zugewiesen, ein/e Student/in die einem den Einstieg erleichtern sollte. Das Matching der Buddies erfolgt aufgrund einem Fragebogen und es wird versucht Leute mit ähnlichen Interessen zu matchen. In meinem Fall ist daraus eine Freundschaft entstanden. Man sollte nicht zögern, den Buddy für Fragen und Infos zu Hilfe zu ziehen. Das iTeam organisiert auch das Housing. Man muss also keine Panik haben wenn man einen Monat vor abreise noch nicht weiss, wo man wohnen wird. In Brasilien halt alles seine Zeit, was für organisierte Europäer vielleicht ein wenig gewöhnungsbedürftig ist. 

Ankunft

Da ich ein Fach gebucht hatte, das als Blockveranstaltung vor dem Semester begonnen hat, kam ich schon vor allen anderen Austauschstudenten an und auch die Uni war noch nicht im Hochbetrieb. Empfangen wurde ich von meiner Buddy, die mich sogleich durch die ganze Stadt und den Campus führte. Die ersten Tage konnte ich auch bei ihr Wohnen, da ich noch nichts gefunden hatte. Nach der Ankunft muss man sich noch mit einigen bürokratischen Dingen rumschlagen, jedoch meistens mit Hilfe des Buddys oder des iTeams. 

Zimmersuche
Wohnen

Wie schon erwähnt ist das iTeam für das Housing zuständig und man muss sich eigentlich um fast nichts kümmern. Das iTeam sammelt alle WGs, die Interesse hätten, einen Austauschstudenten aufzunehmen und kurz vor Semesterbeginn wird alles auf einer Webseite publiziert. Dabei kann man wählen zwischen zwei Optionen: 

Apartamento: 2er-5er WGs im herkömmlichen Sinn, meist in einem der zahlreichen Hochhäuser Ribeirão Pretos. Im Normalfall sind diese Wohnungen ziemlich ordentlich und ruhig. Einzelzimmer sind die Regel, was aber für brasilianische Verhältnisse meist auch seinen Preis hat (800-1200 BRL, derzeit etwa 250-350 CHF). Diese Option ist eher für Leute die einen Rückzugsort brauchen und denen eine gewisse Privatsphäre und Ruhe wichtig ist. 

República: Gross-WGs mir 7-30 Studenten, meistens in Häusern. Angelehnt an amerikanische Fraternities und Sororities (aber auf keinen Fall gleichzusetzen), liegt bei den Repúblicas ganz klar das gemeinschaftliche Wohnen im Vordergrund. Oftmals teilen sich die jüngeren Bewohner Zimmer, regelmässig finden Parties statt und 1x jährlich (im HS) messen sich alle Repúblicas der USP/RP bei den InterReps, einer Art WG Olympiade. Wer diese Option wählt, sollte unkompliziert und Lärmresistent sein, Privatsphäre nicht allzu gross schreiben und einen ausgeprägten Gemeinschaftssinn haben. Wer das alles mitbringt, kann sich auf eine gute Zeit freuen. 

 In beiden Fällen hat man dann noch die Wahl wo man wohnen möchte. Die meisten WGs befinden sich entweder im Zentrum oder im universitätsnahen Viertel Monte Alegre. Beide haben ihre Vor- und Nachteile und ich glaube nicht, dass man das einen oder andere als objektiv besser einstufen kann. 

Universität

Im Vergleich zur Schweiz hat Brasilien ein ziemlich kompliziertes Hochschulsystem. Es gibt tausende private Unis, die von sehr schlecht bis sehr gut reichen. Parallel dazu gibt es die öffentlichen Unis, sowohl vom Staat wie auch vom Bund, die in den meisten Fällen zu den besten des Landes gehören. Die USP ist eine öffentliche Uni und ist vor der UNESP die grösste staatliche Uni des Staates São Paulo. Man sollte sich bei öffentlichen Unis in Brasilien bewusst sein, dass man die Aufnahmeprüfungen nur besteht, wenn man zuvor während der Mittelstufe eine gute Privatschule besucht hat, da die öffentlichen Mittelschulen leider nicht ausreichen. Die Leute mit denen man zu tun hat, widerspiegeln also in keinem Fall die brasilianische Gesellschaft sondern eher die privilegiertesten 10 Prozente.

Die USP als ganzes hat mehrere Campus, die über den ganzen Staat verteilt sind. Der Campus in Ribeirão Preto befindet sich auf dem Gelände einer alten Kaffeeplantage, was zu einer wunderschönen Atmosphäre im Grünen beiträgt. Die FEA (Fakultät für Ökonomie, Betriebswirtschaft und Accounting) gehört zu einer der besten Wirtschaftsfakultäten des Landes. Das brasilianische VWL Studium ist aufgeteilt in einen fünfjährigen Bachelor und ein zweijähriges Masterstudium. Ich würde sagen, dass der Bachelor insgesamt einfacher ist als an der UZH, die Bachelorabsolventen nach 5 Jahren aber klar den UZH Bachelorabsolventen voraus sind. Da es für das Masterstudium in VWL in Brasilien einen Numerus Clausus gibt und nur die besten Bachelorabsolventen (aus dem ganzen Land) überhaupt einen Master machen, ist das Level im Master merklich höher als bei uns. Die kleine Studentenzahl (20 Studenten pro Masterjahrgang) tragen sicher auch noch dazu bei, dass der Unterricht interaktiver ist und man generell mehr mitnimmt. Der Master ist aufgebaut in Pflicht- und Wahlfächer, wobei das Angebot bei 20 Studis halt sehr begrenzt ist. Die Fächer sind aber äusserst interessant und die Professoren sind extrem Kompetent. Bei den Wahlfächern kann es oftmals vorkommen, dass man zu fünft mit dem Prof im Raum sitzt und die anderen vier sind PhD Studenten. Aus einer schulischen Sicht kann ich es aber nur empfehlen, da es für mich mit Abstand das lehrreichste Semester war. 

Leben/Freizeit

Die meisten Studenten die nach Brasilien in den Austausch gehen, haben naturgemäss gewisse Erwartungen. Nach diesem Semester kann ich sagen, dass diese Erwartungen meistens mehr als nur erfüllt werden. Die Stadt Ribeirão Preto ist zwar fernab von den Palmenstränden der brasilianischen Küste, hat aber selbst auch einiges zu bieten. Die die meisten Studenten selbst nicht von Ribeirão Preto kommen, ist die Uni Kultur sehr ausgeprägt und es gibt wöchentlich bis zu 3 Uni Parties an denen es zwischen 300 und 1500 Personen hat. Abgesehen davon bietet die Stadt eine Fülle an Restaurants und Bars. Am Abend wird es einem also nicht langweilig. Wem das zu wenig ist, kann gut übers Wochenende nach São Paulo wo die Möglichkeiten sowieso unbegrenzt sind. Da sich Ribeirão Preto im Inland des Staates São Paulo befindet, und es ans Meer etwa gleich weit ist wie von der Schweiz aus, ist die Kultur vielleicht nicht ganz das, was man von Brasilien erwarten würde. Brasilien riesig und die kulturelle Vielfalt ebenfalls und was Leute als Brasilien wahrnehmen trifft meistens nur auf Rio de Janeiro genau zu, da jede Region wieder ihre eigene Musik und Kultur besitzt. Das ist es aber, was das Land genau so Spannend macht und das beste ist, wenn man sich einfach hineinwirft und den Ort für das schätzt was er hat und nicht das was er nicht hat. 

 Sollte jemand ausführlichere Infos oder Hilfe brauchen, dann kann man sich gerne bei mir per Email melden.