Erfahrungsberichte

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Typus/Richtung

Erasmus - OUT

Jahr

16/17 SS

Universität

DE-BERLIN01
Berlin - Freie Universität Berlin

Studienfach

Ethnologie (7721)

Gesamteindruck

Ein Semester lang in einem anderen Land zu leben, an einer anderen Uni zu studieren, ist in jedem Fall eine Bereicherung. Etwas, das ich besonders wertvoll finde, ist zu sehen, wie der Alltag, die Institutionen, das Studieren usw. auch etwas anders funktionieren und ablaufen kann. Man hat plötzlich eine Vergleichsperspektive, aus der man das Vertraute und Bekannte ganz neu sehen und beurteilen kann.

Obwohl ich mich in Berlin nie ganz wohl gefühlt habe, bereue ich nicht, hierher gekommen zu sein. Ich konnte das Leben in einer angesagten und äusserst vielfältigen Grossstadt aus nächster Nähe erleben, ich hatte die Möglichkeit, Kurse zu belegen, die in Zürich nicht angeboten werden und ich durfte interessante und liebenswerte Menschen kennenlernen.

Nach Berlin zu ziehen war für mich nochmal etwas anderes, als nach Zürich. In Zürich hatte ich schon ein bestehendes soziales Netzwerk und ich kannte die Stadt schon ein wenig. Ausserdem zog ich bei meinen Eltern aus und freute mich sehr auf mein neues, unabhängigeres Leben. Dies war in Berlin alles etwas anders. Ich kannte kaum jemanden und die Stadt gar nicht. Ausserdem fühl(t)e ich mich in Zürich sehr zuhause und dieses Nest verliess ich nun. Aber dies war natürlich meine Entscheidung und ich freute mich auf das Abenteuer. Und ich glaube in dieser Hinsicht wird niemand enttäuscht, ein Austauschsemester ist auf jeden Fall ein Erlebnis.

Vorbereitung

Für mich unterschied sich die Vorbereitung in zwei Teile. Der eine war die ganze bürokratische Organisation, um das Austauschsemester überhaupt antreten zu können, der andere die Wohnungssuche. Wenn man Europa nicht verlässt, hat man mit der Organisation, durch die man von der Home- und Host-Uni geführt wird, eigentlich alles abgedeckt. Es bleibt nur noch die Vorbereitung auf die Sprache (in meinem Fall nicht, weil Deutschland) und die Wohnungssuche (mehr dazu weiter unten).

Die Organisation ist etwas mühsam und man sollte sich die ganzen Merkblätter, Infoseiten und Emails gut durchlesen. Es gibt einige Formulare einzureichen und Fristen einzuhalten. Es ist allerdings keine Hexerei, wenn man sich einigermassen Mühe gibt. Was etwas nervig war, war die Unsicherheit welche Module und Kurse man wie buchen darf und welche dann auch angerechnet werden. Jedes Institut hat andere Studienregelungen und manchmal gibt es wiederum Ausnahmen für Austauschstudierende betreffend der Modulwahl. Die Informationen dazu sind nicht immer so klar und es ist am besten, wenn man sich frühzeitig mit den verantwortlichen Personen in Verbindung setzt und nachfragt. Was sich auch unterscheidet ist die Offenheit der Institute gegenüber den Studienplänen der Studierenden. Manche Institute wollen, dass eine bestimmte Anzahl von ETCS Punkten in dem Fach absolviert wird, über welches das Austauschsemester organisiert ist, anderen ist es wiederum ganz gleichgültig.

Ankunft

Meine Ankunft war ganz entspannt, ausser dass ich vom Nachtzug etwas fertig war. In den ersten Tagen müssen noch einige organisatorische Dinge erledigt werden: man muss sich an der Uni einschreiben und das Semesterticket abholen, man muss sich auf dem Bürgeramt anmelden (Achtung, die Termine sind jeweils über Monate ausgebucht) und es lohnt sich, wenn man ein Bankkonto eröffnet. Berlin eignet sich auch sehr gut dafür, mit dem Fahrrad herumzudüsen. Es ist deshalb keine schlechte Idee, sich auch noch ein Fahrrad zuzutun. Von teuren, schnittigen Fixies bis günstigeren klapprigen Drahteseln gibt es ein breites Angebot. Ich selber hatte kein Fahrrad, was auch sehr gut funktioniert hat. Mit dem öffentlichen Verkehr kommt man fast jederzeit überall hin.

Zimmersuche
Wohnen

Die Zimmersuche ist sehr schwierig und anstrengend. Man sollte auf jeden Fall genügend früh damit beginnen, denn Wohnungen/Zimmer in Berlin sind knapp, hart umkämpft und teuer. WG's, die gut gelegene und günstige Zimmer ausschreiben, werden von Anfragen überflutet. Es ist sicher einfacher, wenn man schon in Berlin ist, denn dann kann man auch an die Vorstellungstermine gehen. Weil viele Menschen nur für einige Monate nach Berlin gehen oder von Berlin wegziehen, gibt es viele befristete Angebote, die leichter zu bekommen sind. Vielleicht ist es auch gar nicht so schlecht, erst in ein Zimmer zu ziehen, das nicht für die gesamte Aufenthaltsdauer frei ist und dann umzuziehen. So hat man auch die Möglichkeit, verschiedene Teile von Berlin zu sehen. Wenn man schon Leute kennt, erhöhen sich auch die Chancen, ein Zimmer zu bekommen. Ich würde empfehlen, eine WG zu suchen, so lernt man schnell Leute kennen und kann sich auf Veranstaltungen mitschleppen lassen.

Universität

An der Freien Universität hat es mir sehr gut gefallen. Ich konnte Kurse belegen, die in Zürich nicht angeboten werden, weil hier andere Dozierende lehren mit anderen Kompetenzen, Interessen und Hintergründen. Wahrscheinlich zieht auch jede Uni ihre eigenen Zöglinge heran. Das Umfeld ist jedenfalls ein anderes und das Studieren an einer anderen Uni gibt gute neue Imputs und eröffnet spannende Perspektiven. Die Dynamiken in den Seminaren sind anders, die Themen sind andere und sie werden anders verhandelt. Man merkt schnell, was man in Zürich vermisst, aber auch, was man dort lernen kann. Ich konnte die Möglichkeiten gut ausnutzen und nehme viel von dem Studium hier mit.

Auch die Infrastruktur ist eine andere. Was am Anfang nach totalem Chaos aussieht, zeigt sich bald als gut funktionierend, aber eben einfach etwas anders. Man lernt das einwandfrei funktionierende, luxuriöse schweizer Uni-Werk aber auch neu schätzen.

Leben/Freizeit

Von Berlin hört man ja viel und vor allem viel Gutes. Die Stadt ist extrem vielfältig und hat enorm viel zu bieten. Wer die Augen offenhält, findet ein riesiges Spektrum an möglichen Aktivitäten, von unzähligen Konzerten und Clubs über Kirchentage mit Barack Obama bis zu BDSM-Workshops. An gewissen Orten könnte meinen, die Stadt sei von jungen, alternativen Leuten übernommen und zu einem riesigen Freizeitpark für ihresgleiche umgestaltet worden (zum Leid der Nicht-zugezogenen). Dies ändert nichts daran, dass diese Leute wirklich kreativ sind, gute Ideen haben und den Nerv der Zeit treffen. Es gibt so vieles zu entdecken und es lohnt sich, dies auch zu nutzen. Natürlich gibt es vieles nur für Geld, was den Aufenthalt in Berlin nicht ganz günstig macht. Zwar ist im Vergleich zu Zürich alles ziemlich billig, aber man konsumiert eben auch viel mehr.