Erfahrungsberichte

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Wer

jbirchler[at]sunrise.ch

Typus/Richtung

Erasmus - OUT

Jahr

16/17 SS

Universität

CZ-PRAHA07
Prag - Univerzita Karlova

Studienfach

Geschichte (Allgemeine) (7600)

Gesamteindruck

Französischaufenthalt in Prag? Anscheinend ist diese absurde Vorstellung durchaus möglich. So habe ich Prag viele Franzosen kennengelernt, von denen ich viele Ausdrücke aufgeschnappt habe, die man so nicht unbedingt in der Schule lernt. Allgemein war mein Auslandssemester aus sprachlicher Hinsicht ein voller Erfolg, so konnte ich mein Englisch, Französisch, Deutsch, Tschechisch reden bzw. verstehen lernen und ausbauen. Deutsch insofern, als dass ich festgestellt habe, dass man eben nicht ohne weiteres Büchergestell, Harass, Velo, Wähe oder ähnliche Helvetismen benutzen kann, wenn man mit Deutschen kommuniziert, so war meine wahrscheinlich am häufigsten gestellte Frage: Sagt man das bei euch auch?. Bei Französisch habe ich gemerkt,dass ich trotz nahezu 10 Jahren Französischausbildung erstaunlich wenig sprechen und verstehen kann, was sich allerdings mit der Zeit durchaus verbessert. Tschechisch habe ich viel weniger gesprochen,als ich mir es vorgestellt habe, weil so ein Erasmusaufenthalt eher auf intereuropäische Verständigung ausgelegt ist und man sich vielleicht weniger mit lokalen Leuten verständigt als gedacht, allerdings habe ich es nach und nach unmerklich verbessert. Abgesehen von der sprachlichen Bereicherung ist ein Austauschsemester eine einmalige Gelegenheit seinen Horizont, in welchem Sinne auch immer, zu erweitern. Trotz gelegentlichem Heimweh, das sich bei mir im wehklagenden Anschreien des Computers bei FCZ- 2.Liga-Spielen (Nei, verfiggt,wie schlächt sind ihr eigentlich!!) oder krächzenden Mitsingen von Phenomdenklassikern (Lääbe mitem Lied im Ooohr) geäussert hat, kann ich so einen Aufenthalt nur wärmstens weiterempfehlen. Vor allem auch Prag scheint mir für derartige Zwecke ausserordentlich geeignet zu sein. 

Vorbereitung

Vorbereitungen, abgesehen von bürokratischen Erledigungen, musste ich eigentlich nicht gross treffen. Ich habe allerdings auch den Vorteil, dass ich Schweiz-Tschechischer Doppelbürger bin und meine Familie eigentlich halb in Tschechien lebt, somit bescherte mir der Transfer von Kleidern, die Möblierung der Wohnung und ähnliches nicht so viele Umstände. Insofern bin ich in dieser Hinsicht ein schlechtes Beispiel. 

Ankunft

Für mich war die Ankunft wahrscheinlich das schwerste Kapitel des Austausches. Man muss sich an die neue Umgebung anpassen und sich ein soziales Umfeld schaffen. Das alles geht ab und zu nicht so schnell wie man es vielleicht möchte, allerdings lernt man, laut meinen Erfahrungen, mit der Zeit dann automatisch Leute kennen, ob nun zufällig irgendwo oder an der Universität. Ich musste auf jeden Fall ein wenig über meinen Schatten springen und auch mal alleine irgendwo hingehen, was ich mir zwar nicht gewohnt war, aber schlussendlich gar nicht so schlimm ist. Ich kann mir allerdings vorstellen, dass wenn man sich von der Universität in einem Studentenwohnheim unterbringen lässt oder erasmusspezifische Kurse an der Universität belegt, es einem leichter fallen wird, Leute kennenzulernen. Auch ist so ein Erasmusaufenthalt, wie schon erwähnt, eher auf eine intereuropäische Erfahrung ausgelegt, d.h. man lernt wahrscheinlich eher andere Erasmusstudenten als lokale Leute kennen. Schlussendlich wäre es einem solchen Austauschbeginn durchaus zuträglich, wenn man sich nicht gleich drei Tage nach der Ankunft den Ellbogen bricht. Das erwähne ich nur so am Rande als Empfehlung für jegliche Austauschstudenten in Prag,in tschechischen Krankenhäusern sind Menschen  mit ausländischen Versicherungen äusserst unbeliebt, also brecht euch nichts!

Zimmersuche
Wohnen

Mit der Hilfe meiner Mutter, die aus Prag kommt und in der Stadt noch zahlreiche Kontakte hat, konnte ich ohne grossen Aufwand eine Unterkunft auftreiben. Untergekommen bin ich schlussendlich im Viertel Letna beim 37-jährigen Kuba, einem gebürtigen Prager. Das Viertel Letna ist sicherlich auch dank zwei grossen Parks eines der Schönsten in Prag. Wie auch in vielen anderen Bezirken der Stadt sind die Strassen sehr lebendig, es gibt viele Restaurants, Kneipen und Läden. Die Anbindung an den Rest der Stadt ist ideal, da zwei der drei U-Bahnen nur jeweils fünf Minuten Tramfahrt entfernt sind. Allerdings braucht man die öffentlichen Verkehrsmittel oftmals gar nicht, so konnte ich zur philosophischen Fakultät der Karlsuniversität bequem über den Letnapark laufen, einen der schönsten Aussichten auf die Stadt inklusive. Allgemein kann man anmerken, dass das Leben und Wohnen in Prag sehr abwechslungsreich ist. Jedes Viertel hat sozusagen seine eigene Seele und ist meist sehr lebendig und vielfältig. Letná, Žižkov, Vinohrady, Vršovice, Karlín, jedes dieser Viertel hat seine eigenen Vorzüge. Allerdings konnte ich während dieses halben Jahres nur an der Oberfläche kratzen. Um Prag richtig kennenzulerenen, müsste man hier sicher einige Jahre verbringen, was sich allerdings rein anhand der erwähnten angekratzten Oberfläche durchaus lohnen würde. Prag ist insbesondere auch abseits des Altstädter Zentrums, dem ich  zugegebenermassen aufgrund von Überfüllung meist ausgewichen bin, eine sehr abwechlungsreiche Stadt. Immerhin ist es einer der grössten und geschichtsträchtigsten Städte Mitteleuropas.

Universität

Nun, ich würde lügen,wenn ich behaupten würde, ich hätte mich an der Karlsuniversität  je zurechtgefunden. Da von Erasmusstudenten in Prag eher erwartet wird, dass sie die spezifischen, englisch unterrichteten Erasmuskurse  belegen, sind die Informationen zu den Möglichkeiten bei tschechischen Kursen relativ knapp bis inexistent. So geschieht es, dass man sich ein Semester lang jeden Mittwoch in einen Kurs über Schlesien und die Nieder- und Oberlausitz unter der Herrschaft der tschechischen Krone im Mittelalter verirrt, bei dem anscheinend jeder Bischof und König als bekannt vorausgesetzt ist. Zusätzlich waren die Internetseite und das Intranet der Universität noch unübersichtlicher als die der Universität Zürich. Schlussendlich hatte ich auch zu viele Kurse belegt, als ich mir, alle Warnungen in den Wind schlagend, 28 Punkte aufhalste. Laut meinen Erfahrungen sollte man das Studium in einem Auslandaufenthalt eher gemütlicher bzw . pragmatischer bezüglich der Punkteanzahl angehen, da das Studieren im Prager Erasmus gern mal um ein bis zwei Prioritätsstufen absinkt. 

Leben/Freizeit

Wie schon in anderen Abschnitten angetönt, ist Prag als Stadt sehr lebenswert. Es gibt zahlreiche Pärke, Plätze, Gebäude usw. zu bewundern. Auch die Architektur der Stadt spiegelt sehr gut die Vielfältigkeit dieser Stadt wieder. So sieht man mittelalterliche Bauten neben Gebäuden aus dem frühen 19. Jahrhundert, überragt von hochmodernen Glas- und Betonkomplexen.  Es wimmelt nur so von Kneipen aller Art, von den modernsten mit DJ ausgestatteten, über überteuerte Touristenfallen bis zu den billigsten, lichtlosen Kellern. Doch auch unter der Woche bleiben nur die wenigsten dieser Kneipen leer. Meist sind sie sogar geradezu überfüllt. Die Stadt vibriert und ist ausserordentlich lebendig. Ich, der ich mein Leben lang in Zürich zugebracht habe,fühlte mich oftmals fast ein wenig wie ein Kind vom Lande. Auch der Rest des Prager Nachtlebens ist sehr empfehlenswert. Es wird scheinbar alles zu einem Club umfunktioniert: alte Bibliotheken, Warenhäuser, verlassene Bahnhöfe, Jusfakultäten, ehemalige Kindergärten usw.  Ausserdem gibt es auch ein weites Angebot an Konzerten, Theatern, Kinos oder auch Slam Poetry, allerdings vieles davon auf tschechisch. Auch was Sport anbelangt sollte man in Prag nicht zu kurz kommen. Abgesehen von den von der Universität angebotenen Sportkursen, für die man grosszügigerweise sogar Credits bekommt, gibt es viele Orte in der Stadt, bei denen man seinen inneren Schweinehund bzw. das eine oder andere Bier, das sich am Bauch angesetzt hat, bekämpfen kann. Am besten sucht man sich einen Gruppe mit denen man Sport treibt oder man meldet sich bei einem Sportverein an.