Erfahrungsberichte

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Wer

severin.marfurt[at]hotmail.com

Typus/Richtung

Erasmus - OUT

Jahr

16/17 SS

Universität

BE-BRUXEL04
Bruxelles - Université Libre de Bruxelles

Studienfach

Humanmedizin (4000)

Gesamteindruck

Ich habe in Brüssel ein schönes Austauschsemester verbringen dürfen. Es war eine tolle Erfahrung und eine persönliche Bereicherung, die ich nicht missen möchte. Das Semester war für mich die perfekte Gelegenheit, mir einen Wunsch zu erfüllen: Ich wollte schon immer einmal für eine Weile in einem französischsprachigen Land leben.
Die Vollzeit-Praktika im Spital waren auch anstrengend, aber ich habe vieles gesehen, gelernt und viel Französisch gesprochen.
Ich kannte Belgien zuvor schon aus zwei Ferien, unter anderem an der Küste. In diesen vier Monaten ist mir das Land und seine Leute richtig ans Herz gewachsen. Es gibt nicht wenige Gemeinsamkeiten mit der Schweiz, man denke an die Mehrsprachigkeit (Flämisch und auch Deutsch!) oder die Schokolade, aber es waren eher die Unterschiede zur Schweiz, die ich besonders geschätzt habe. Die Menschen in Brüssel/Belgien nehmen es ein bisschen lockerer als wir in der Schweiz und die Brüsseler sind wahnsinnig offen, und stolz auf ihre internationale Stadt und den europäischen Gedanken. Multikulti, das wird in Brüssel gelebt.  

Vorbereitung

Es braucht schon etwas Bereitschaft zur Vorbereitung, wenn man ein Erasmus-Semester in Medizin machen möchte.
Für die Université libre de Bruxelles (ULB) stehen die Informationen aber ziemlich verständlich im Internet und man kann das Learning Agreement und die Kursvereinbarung relativ selbständig ausfüllen.
Mühsamer war das Vorholen einzelner Kurse in Zürich, aber auch das klappte. In Brüssel haben Erasmus-Studenten nämlich nicht die Möglichkeit, Pädiatrie- oder Gynäkologie-Praktika zu machen, weshalb ich ein Gyni-Praktikum in Zürich gemacht habe.
Ansonsten habe ich von zu Hause aus nur das WG-Zimmer gesucht und ziemlich schnell gefunden. Es ist nicht schwierig, in Brüssel etwas zu finden, da es aufgrund der EU, der Kommission etc. sehr viele Praktikanten und damit eine grosse Fluktuation auf dem Wohnungsmarkt hat.

Ankunft

Ich bin am Donnerstag vor dem Montag, an dem ich begonnen habe, angekommen. Wirklich günstige Flüge von Zürich nach Brüssel gibt es praktisch nie, da ist Easyjet ab Basel billiger.
Ich habe dann ein Taxi vom Flughafen genommen wegen des Gepäcks, was aber ziemlich teuer war. Der Bus zum Place Luxembourg (4.50€) oder der Zug an die Gare Centrale (8.80€) oder ein Uber (ca. 25€) sind je nach Gepäck gute Alternativen.

Ich habe im Vorfeld für den Freitag einen Termin mit dem Erasmus-Koordinator abgemacht, an dem ich mein Carnet de Stage, meine Legi und eine Ankunftsbestätigung sowie ein Buch mit allen in Belgien zugelassenen Medikamenten erhalten habe. Er hat mich ein bisschen über meine Rechte und Pflichten aufgeklärt. Zudem hat er mich mit denjenigen Erasmus-Studenten, die wie ich nur Praktika machten, in Kontakt gesetzt.
Ebenso bin ich auf die Gemeinde gegangen und habe mich für die Zeit angemeldet, was nichts gekostet, aber so eine Bestätigung gegeben hat. Das musste ich, um meinen Namen an die Haustür zu schreiben.
Zudem habe ich am Freitag noch ein Abo für den ÖV gelöst. Mit der nötigen Studienbestätigung für den ÖV ausgestellt und zugeschickt von der ULB kostet ein Jahresabo(!) 50 €.
Die Introduction week des Erasmus-Vereins habe ich ein bisschen verpasst (fing Montags an), aber ich bin dann trotzdem an ein/zwei Anlässe gegangen bevor der erste Stage angefangen hatte.
Für das Handy habe ich eine SIM-Karte von Lycamobile geholt und dort Angebote wie 2 GB für 10€ und 4 GB für 15€ gehabt. Das Netz war nicht schlecht. Aber diese Firma ist wirklich extrem mühsam, viele meiner Freunde und ich hatten immer wieder Ärger mit dieser Firma, weil man erst mit der Zeit begreift wie das genau funktioniert. Ich empfehle Lycamobile NICHT weiter.

Zimmersuche
Wohnen

Ich habe gar nicht lange gesucht und im Oktober vorher auf einer Erasmus-Website im Internet mein Zimmer gefunden und gleich angefragt. Da ich mir von Zürich anderes gewohnt bin, habe ich gar nicht gross weiter gesucht, auch wenn ich wahrscheinlich deutlich günstigere Zimmer hätte finden können. Ich konnte das Zimmer von der Schweiz aus buchen ohne Skype-Besichtigungen oder sonstiges. Wie ich dann herausgefunden habe, gibt es in Brüssel immer recht viele Zimmer in allen Preisklassen, da eben viele Leute nur für einige Monate oder Jahre in der Stadt leben und arbeiten.

Das Zimmer, das ich gemietet hatte, befand sich in einer WG (Colocation) in Etterbeek, einige Gehminuten entfernt von der berühmten und belebten Place Flagey entfernt, an der ich viele tolle Abende verbracht habe. Es befand sich in einem ganzen Reihenhaus mit 5 Stockwerken und 10 Schlafzimmern, grosser Küche, Wohn- und Esszimmer, Garten und Terrasse. Wir waren zu 11. 4 Badezimmer und 5 WCs, meines und ein anderes Zimmer hatten eine eigene Dusche. Die Firma, die solche Zimmer in mehreren Ganzhaus-WGs vermietet, heisst IKOAB.

Universität

Auf dem ULB-Campus in Solbosch war ich nicht so häufig, da ich eigentlich nur Praktika gemacht habe. Einmal wöchentlich bin ich aber mit ein paar anderen Erasmus-Studenten, die wie ich nur Stages gemacht haben, in den Französisch-Kurs für Erasmus-Studenten gegangen bei Pascale Vandevelde. Das war wirklich SUPER. In unserer Gruppe sprachen alle schon ziemlich bis sehr gut Französisch und wir haben Schwieriges aus der Grammatik repetiert und viele Belgicismen und Ausdrücke gelernt, viel geredet und gelacht. Pascale ist eine tolle Lehrerin!
 
Ich habe 4 Stages à 4 Wochen gemacht: Angefangen habe ich auf der Neurologie, dann Psychiatrie, dann Radiologie und dann Notfall.
- Neurologie: Ich war im Brugmann-Spital eingeteilt auf einer Station, wo vor allem Schlaganfall-REHA-Patienten waren und solche, die neurologische Leiden hatten, die man nicht genau zuordnen konnte, kurz: Patienten, die lange blieben. Das hatte Vor- und Nachteile. Ich konnte Verlaufuntersuchungen und -einträge machen und habe einige Fälle wirklich längere Zeit verfolgen und Patienten kennenlernen können. Irgendwann hatte ich es dann aber ein bisschen gesehen, und habe mich dann dem Chefarzt der ganzen Neurologie (Dr. Dachy) etwas angehängt, der mich dann mit in seine Sprechstunden, die Untersuchungen und die Visiten auf der Akutstation nahm. Dort habe ich wirklich sehr viel gesehen aus der Neurologie - Spannend! LPs konnte ich leider keine machen, weil es halt viele junge Assistenzärzte gab, die da auch noch nicht sattelfest waren und es dringender üben mussten.
- Dann war ich einen Monat auf der Psychiatrie im Erasmus-Universitätsspital in Anderlecht. Wie das Brugmann-Spital liegt es leider etwas am Stadtrand. Ich bin mit einem Erasmus-Studenten aus Deutschland auf dem Service Nord gelandet, wo v.a. Pat. mit Depressionen, Angststörungen und Schlafstörungen waren. Am Morgen haben wir die internistischen Eintrittsuntersuchungen und Anamnesen gemacht und konnten bei Gesprächen dabei sein, in die ambulanten Sprechstunden mitgehen, bei der Krampftherapie zuschauen etc. Nachmittags waren wir für die Patienten des Schlafabors zuständig, die wir empfangen und bezüglich vieler Dinge befragen musste. Das wurde mit der Zeit etwas langweilig, aber wir sprachen wirklich sehr viel Französisch und fühlten uns sehr gebraucht, was irgendwie auch gut tat. Die PGs (Assistenzärzte) im Service der Nord waren sehr nett. Einmal bin ich noch mit dem Notfallpsychiater mit.  
- Auf der Radiologie im Spital Ixelles-Etterbeek war das Klima zwischen den Ärzten schlecht, dennoch konnte ich meine unterirdischen Radiologie-Kenntnisse deutlich aufbessern. Man muss halt manchmal einfach herausfinden, welche Ärzte einen mögen, ihren Beruf mögen und sich versuchen, an diese zu halten. Dr. Agnessens oder Dr. Alvarez waren super Radiologen, bei denen ich gerne noch mehr gelernt hätte.
- Zuletzt war ich nochmals für einen Monat im Erasmus-Spital auf dem Notfall, genauer gesagt der Hospitalisation provisoire. Ich durfte viele Patienten als erster und alleine sehen, vollständige Anamnese erheben und untersuchen und musste die Dossiers machen und führen. Von dem her war es gut, dass dieser Stage zum Schluss kam wo ich schon ziemlich drin war im Französisch, aber ich war nach drei Monaten Stage in einem anderen Land, einer anderen Sprache und fast 1 Stunde entfernt von meiner Wohnung auch etwas müde und vielleicht nicht mehr ganz so motiviert wie im Februar. Viele Ärzte waren sehr nett. Schade war, dass das Team gross ist und man immer wieder mit neuen Leuten zusammen ist und zusammenarbeitet.

Gutes habe ich gehört von den Stages in Urologie (Erasmus-Spital) und Pneumologie (ebenfalls Erasmus-Spital) und Ophthalmologie (Saint-Pierre), schlechtes von Plastischer Chirurgie in Erasme.

Leben/Freizeit

Mir gefiel das Leben in Brüssel sehr. Ganztages-Praktika in einem Erasmus-Semester sind aber nicht ohne. Wenn man dann noch 45-60 Minuten Wegzeit hat, morgens und abends, und noch ein Sozial-, WG- und halt Erasmus-Leben führen möchte, wird es schon noch streng...
Die Befürchtung, weil ich nicht in die Vorlesungen gehe kaum Sozialkontakte zu knüpfen, bewahrheitete sich überhaupt nicht. Ich fühlte mich nie einsam oder alleine. Schon am ersten Tag wurde ich in die grosse Erasmus-Gruppe der Studenten, die das ganze Jahr dort sind (Stages oder Vorlesungen machen) aufgenommen und lernte bei den vielen (Home)Parties und Ausgängen viele Studenten aus allen möglichen europäischen Ländern und auch aus Belgien kennen. Zudem habe ich viel mit meinen Mitbewohnern unternommen.
Der Erasmus-Verein der ULB organisiert ebenfalls viele Parties und Trips. Ich bin mit Erasmus-Freunden und/oder Mitbewohnern am Wochenende ab und zu etwas herumgereist. Belgien ist relativ klein, die Züge sind schnell. In den Ferien gibt es für unter 26jährige ein Angebot: für 12€ pro Woche überall hin mit dem Zug.
Wir waren in Gent, Antwerpen, Liege, Luxembourg, Lille, Paris und an der flämischen Küste in Knokke (sehr schön und etwas chic). An Auffahrt fuhren wir in die Ardennen in der Wallonie.

Abends waren wir viel an der nahegelegenen Place Flagey, im berühmten Café Belga, in den Bar von Chatelain (Mi), am Place Lux (Do), am Cimetière d'Ixelles, in Louise oder im Centre. Es gibt viele Bars und schöne Ecken (Geheimtipp: die Bar Goupil le Fol nahe der Grand-Place). Brüssel ist wirklich keine hässliche Stadt, wie ich hier in der Schweiz einige Male gehört habe, auch von Leuten, die nie da waren. :/ Das muss etwas mit der schweizerischen Skepsis gegenüber der EU zu tun haben. Allen Freunden, die mich aus der Schweiz besucht haben, hat die Stadt gefallen. Brüssel ist nämlich eine vielseitige Stadt mit einem immensen Kultur- und Freizeitangebot.

In den Parcs (v.a. Cinquentenaire oder Bois de la Cambre) kann man wunderbar joggen gehen. Die Uni hat ein grosses Sportangebot.

Belgien ist auch kulinarisch interessant. Die belgische Küche  ist eher fleisch- und fischlastig und etwas deftig. Die Frites sind aber wirklich häufig sehr lecker, das Bierangebot breit und hervorragend und auch die Waffeln halten, was sie versprechen. On mange bien en Belgique sagen die Leute und sind stolz drauf. Andererseits ist es nicht erstaunlich, dass die Diabetiker in Belgien zahlreich vertreten sind.

Der Vorsatz, abends viel für die Prüfung in Zürich zu lernen und für die Masterarbeit zu schreiben, erfüllte sich bei alle dem leider auch nicht. Ich hoffe, dass sich das nicht rächen wird...