Erfahrungsberichte

zur Übersicht

Wer

loriherger[at]hotmail.com

Typus/Richtung

Austausch - OUT

Jahr

15/16 WS

Universität

CN-
Shanghai - Fudan University - School of Economics

Studienfach

Volkswirtschaftslehre (3020)

Gesamteindruck

Insgesamt war mein Aufenthalt in Shanghai eine sehr tolle Erfahrung und ich würde ohne zu zögern wieder dafür bewerben.

Vorbereitung

Nachdem die UZH mich für das Austauschsemester nominiert hatte, erhielt ich Mitte März ein Email von der School of Economics der Fudan Universität, welches mich über den Bewerbungsprozess für mein Austauschsemester informierte. Die Bewerbung erfolgte komplett über ein Online-Tool der Fudan Universität. Es war nicht notwendig, irgendwelche Materialien per Post nach China zu schicken. Das Prüfen der Onlinebewerbungen durch die Fudan dauerte lange. Erst Mitte Juni erhielten ich und meine späteren Kommilitonen per email die Bestätigung, dass wir als Austauschstudenten akzeptiert worden waren. Kurz darauf konnte ich die offiziellen Bestätigungsdokumente in Papierform bei der Abteilung für internationale Beziehungen der UZH abholen. Diese werden benötigt, um beim chinesischen Konsulat ein Studentenvisum zu beantragen. Das Beantragen des Visums klappte reibungslos. Insgesamt habe ich von der Fudan die für die Vorbereitung des Aufenthaltes notwendigen Informationen erhalten. Vieles wurde mir aber eher kurzfristig mitgeteilt, was teils etwas störend war.

Ich habe vor meinem Austauschsemester eine kurzen Chinesischkurs bei einer privaten Sprachschule besucht. Chinesischkenntnisse sind für ein Austauschsemester an der Fudan nicht zwingend notwendig. Dennoch würde ich jedem empfehlen, vor Antritt des Semesters etwas Chinesisch zu lernen. Selbst meine minimalen sprachlichen Vorkenntnisse vereinfachten viele Alltagssituationen und die meisten Leute in China schätzen es, wenn man zumindest versucht sich in ihrer Sprache auszudrücken. Wer Chinesischkurse am Sprachenzentrum der UZH besuchen möchte, sollte sich bewusst sein, dass Einsteigerkurse dort derzeit nur im Herbstsemester angeboten werden und ein Einstieg im Frühlingssemester ohne Vorkenntnisse nicht möglich ist.

Ein leidiger Aspekt des Alltags in China ist die Internetzensur. Viele im Westen alltägliche Anwendungen, insbesondere Facebook und so ziemlich alle Dienste von Google, sind in China gesperrt. Beispielsweise ist es nicht möglich, auf ein Gmail-Konto zuzugreifen oder für ein Android-Handy Apps über den Google Playstore zu beziehen. Auch der Zugang zu VPNs wird zunehmend eingeschränkt. Der VPN der UZH war beispielsweise meist nicht zugänglich. VPNs kommerzieller Anbieter funktionieren hingegen teils. Da sich die diesbezügliche Situation laufend ändert, macht es sicherlich Sinn, sich vor der Abreise nach China zu informieren, welche Anwendungen gesperrt sind.

Ankunft

Nach meiner Ankunft habe ich mein Zimmer im Studentenheim bezogen. Zu den ersten Dingen, die man in China erledingen sollte, gehört der Kauf einer chinesischen Simkarte für das Handy. Diese können unter anderem in den Shops der Telefongesellschaft China Unicom bezogen werden, die überall in der Stadt verteilt sind.

In der Woche vor Vorlesungsbeginn musste ich bei der School of Economics vorbeigehen, um mich anzumelden. Ausserdem führte die School of Economics in dieser Woche Einführungsveranstaltungen durch. Diese zu besuchen hat sich gelohnt, da ich dort wichtige Informationen erhielt und zudem die Gelegenheit hatte, einige meiner zukünftigen Kommilitonen kennenzulernen. Meine Kurse musste ich bis zur zweiten Vorlesungswoche mit einem Papierformular buchen.

Zimmersuche
Wohnen

Anders als die meisten UZH-Studenten, die in früheren Semestern an der Fudan studierten, habe ich mich entschieden, ein Zimmer im Studentenheim der Uni zu nehmen. Diese Zimmer konnten ca. einen Monat vor Vorlesungsbeginn online gebucht werden. Ich blieb bis drei Uhr morgens wach, um gleich in den ersten Minuten nach Beginn der Buchungsfrist mein Zimmer zu reservieren. Dies erwies sich als gute Entscheidung, denn die Einzelzimmer waren schon nach 1-2 Stunden ausgebucht.

Mein Zimmer verfügte über ein eigenes Badezimmer und war möbiliert. Bettzeug musste ich jedoch selber kaufen. Zudem musste ich mir ein eigenes Modem kaufen, damit ich in meinem Zimmer Internet hatte.

Ob ein Zimmer im Studentenheim oder ein privates WG-Zimmer in der Stadt die bessere Wahl darstellt, ist wohl Geschmackssache. Vorteile des Studentenheims liegen meines Erachtens darin, dass man sich die Wohnungssuche vor Ort sparen kann, dass einem durch das Heim gewisse Registrierungsformalitäten abgenommen werden und man sich eine mögliche Suche nach Nachmietern am Ende des Aufenthalts spart, dass das Heim nur ca. 15 Gehminuten von der School of Economics entfernt ist und dass die Miete im Heim günstiger ist als in zentral gelegenen privaten WGs. Ausserdem habe ich das soziale Leben im Heim sehr geschätzt. Ich lernte dort sehr schnell viele Leute kennen und es war nie ein Problem, im Heim Gesellschaft für Freizeitaktivitäten zu finden.

Andererseits ist das Studentenheim ca. 30 Autominuten vom zentralsten Teil der Stadt und den wichtigsten Ausgehmeilen entfernt. Der Zugang zum Heim ist ausserdem strikt reguliert. Leute die nicht im Heim wohnen, kommen nur rein, wenn sie einen Ausweis am Eingang deponieren und sämtliche Besucher müssen das Heim vor Mitternacht wieder verlassen. Die Zimmer im Studentenheim sind meiner Ansicht nach okay, allerdings kann man privat bei entsprechender Zahlungsfähigkeit sicher gediegenere Unterkünfte finden. Alles in allem habe ich meinen Entscheid im Studentenheim zu wohnen nicht bereut.

Universität

Austauschstudenten an der School of Economics können hauptsächlich Kurse aus dem Masterprogramm Chinese Economy wählen. Diese befassen sich grösstenteils mit verschiedenen Aspekten der Chinesischen Wirtschaft. Daneben gibt es auch vereinzelt Kurse, die sich mit allgemeineren Gebieten der VWL, wie z.B. Development Economics, auseinandersetzen.

Wie auch an der UZH variiert die Qualität der Kurse an der Fudan erheblich. Mehrheitlich war der Unterricht aber interessant und lehrreich. Im Vergleich zur UZH haben Prüfungen an der Fudan weniger und Vorträge, Hausaufgaben und Semersterarbeiten mehr Gewicht. Auch sind die Kurse im Schnitt deutlich weniger mathematisch ausgerichtet als in Zürich. Die meisten Dozenten empfand ich als freundlich und an Diskussionen mit Studenten interessiert. Ein Dozent lud sogar alle Kursteilnehmer zu einem gemeinsamen Mittagessen ein, bei dem einige Inhalte des Kurses vertieft besprochen werden konnten. Prüfungen waren mehrheitlich open book. Die Prüfungsgestaltung fand ich teils leider eher ärgerlich. Statt um analytisches Denken und Verständnis von Zusammenhängen schien es in manchen Klausuren eher darum zu gehen, in möglichst kurzer Zeit möglichst viele Fakten von den Vorlesungsslides auf den Antwortbogen zu kopieren. Die Organisation der Kurse war verglichen mit der UZH eher chaotisch. Beispielsweise hatten die anderen Masterstudenten und ich teils keinen Zugang zu den Kursmaterialien, da wir unsere Kurse anders als Bachelorstudenten nur über ein Papierformular, nicht aber über das offizielle Onlinetool der Uni buchen konnten. Die Dozenten mussten uns die Vorlesungsslides deshalb jeweils per Email zuschicken.

Neben meinen VWL-Kursen besuchte ich an der Uni noch den Sprachkurs Integrated Chinese. Dieser wurde nicht von der School of Economics sondern von der Faculty of Chinese Language and Literature angeboten, konnte von VWL-Austauschstudenten aber dennoch gebucht werden. Anders als die Basic Chinese Kurse aus dem VWL-Programm hatte der Kurs zwei Lektionen pro Woche, was grundsätzlich schon notwendig ist, wenn man innerhalb nur eines Semesters ein wenig Chinesisch lernen möchte. Zudem war der Unterricht angenehm und die Lehrerin engagiert, während mir der Basic Chinese Kurs von Kommilitonen als eher militärisch beschrieben wurde. Alternativ besteht natürlich auch die Möglichkeit privat Chinesischunterricht zu nehmen, was laut Freunden von mir nicht allzu teuer sein soll.

Leben/Freizeit

Der Alltag in Shanghai hat mir sehr gut gefallen. Schon das blosse Erkunden der Stadt macht eine Menge Spass. Da Restaurants und Strassenküchen in China im Vergleich zur Schweiz fast lächerlich günstig sind, habe ich praktisch nie selbst gekocht und mich fast täglich mit Freunden zum auswärts essen getroffen. Das kulinarische Angebot ist sehr abwechslungsreich und es lohnt sich die Küchen der verschiedenen Landesteile Chinas auszuprobieren. Auch das Nachtleben in Shanghai habe ich sehr genossen. In der Umgebung von Shanghai liegen viele lohnende Ziele für Wochenendtrips. Mir hat besonders die Stadt Nanjing gefallen, die mit dem Hochgeschwindigkeitszug in einer guten Stunde erreichbar ist.

Persönliche Kontakte mit Chinesen ergeben sich im Alltag leider nicht von selbst. Die Kurse an der Uni sind exklusiv auf Austauschstudenten ausgelegt und werden von chinesischen Studenten nicht besucht. Das Studentenheim verfügt über einen separaten Block für Ausländer und die meisten meiner Freunde, die sich eine private Unterkunft gesucht hatten, lebten in reinen Westler-WGs. Wer sich aktiv darum bemüht, hat aber dennoch Möglichkeiten, Chinesische Studenten kennenzulernen. Eine Gelegenheit dazu bietet das Buddy Programm der Uni, bei dem jedem Austauschstudenten ein Chinesischer Kommilitone zugeteilt wird. Ich hatte das Glück, einen sehr engagierten und aufgeschlossenen Buddy zu haben. Unter anderem organisierte sie einen gemeinsamen Wochenendtrip für Chinesische und westliche Studenten. Daneben gibt es Sprachbuddyprogramme und Vereine, die dem Austausch zwischen Chinesen und Ausländern dienen. Leuten mit guten Chineskenntnissen tun sich natürlich noch zahlreiche weitere Möglichkeiten auf.

Nach abschluss meines Austauschsemesters bin ich noch für einige Wochen durch China gereist. Ich kann dies sehr empfehlen, da das Land ausserordentlich interessant und vielseitig ist.