Erfahrungsberichte

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Wer

rianagasser[at]hotmail.com

Typus/Richtung

Erasmus - OUT

Jahr

15/16 WS

Universität

BE-LEUVEN01
Leuven - Katholieke Universiteit Leuven

Studienfach

Rechtswissenschaft (2000)

Gesamteindruck

Die 1425 gegründete Katholische Universität, wo einst Erasmus von Rotterdam lehrte, liegt in Leuven in der Provinz Vlaams Brabant. Die kleine aber sehr lebhafte Stadt entzückt ca. 25 000 Studierende besonders mit der weltberühmten Universitätsbibliothek am Ladeuzeplein, dem Kasteel Arenberg, wo die Faculty of Engineering Science ihre Adresse hat und der Multikulturalität der Bewohner. Unabhängig ihres Bildungsgrades sprechen die Belgier sehr gutes Englisch, so dass ihr Flämisch fast zu selten gehört wird. Leuven im Herzen Europas ist gerade für Jus-Studierende eine gute Wahl um Europarecht von Professoren mit viel Erfahrung zu lernen. Die Jus-Fakultät wird ihrem guten Ruf absolut gerecht, was nicht zuletzt mit Platz 30 des QS World University Ranking by Subject 2015 gewürdigt wurde. Die zu kritischem Denken anregenden Vorlesungen und die neue Kultur die man kennenlernt, erlauben eine neue Sichtweise auf die eigene Heimat.

Vorbereitung

Zu Beginn des Monats August habe ich organisatorische Vorbereitungen bezüglich Wohnmöglichkeiten, Krankenversicherung, Handy-Abo, Bankkonto und Flugtickets etc. getroffen. Dank Housing Service der KU Leuven, europäischer Grundversicherung, Eduroam Netzwerk in Leuven, SEPA-Überweisungen und regelmässiger Direktflüge von Zürich nach Brüssel erwies sich die Vorarbeit als nicht sehr aufwändig.

Sollte man auf der Homepage der KU Leuven keine Antwort auf eine Frage finden, ist Ms. Daisy Van Minsel, Kontaktperson für Incoming Students, eine zuverlässige Hilfe.

Viele Fragen klären sich an den Veranstaltungen der Orientation Days for International Students in der Woche vor Vorlesungsbeginn.

Ankunft

Am Sonntag vor den Orientation Days bin ich mit der Swiss von Zürich nach Brüssel geflogen. Danach war ich in ca. 15 Minuten für ca. 9 Euro mit dem Zug in Leuven. Am folgenden Montag musste ich mich in der Universitätshalle an der Naamsestraat 22 und bei der City Hall am Bahnhof Leuven anmelden. Die Belgier legen hohen Wert auf persönlichen Kontakt und nehmen sich stets für jeden und alles genug Zeit. Wartezeiten betragen daher mehrere Stunden, weshalb es sich lohnen könnte diese Formalitäten nicht gleich zu Beginn der Woche zu erledigen.

An den Orientation Days werden Infoveranstaltungen gehalten, Flämisch Crashkurse angeboten und Infomessen organisiert. Nicht jede Veranstaltung ist von Wichtigkeit, doch lohnt es sich auf jeden Fall entsprechend den eigenen Bedürfnissen Informationen einzuholen.

Zimmersuche
Wohnen

Einen Monat vor Anreise habe ich mit der Zimmersuche begonnen. Die Homepage der Universität verlinkt private Vermieter, wie auch zuständige Personen der Studentenwohnheime. Die Suche auf Facebook ist aus Datenschutzgründen und wegen Betrugsversuchen nicht unbedingt zu empfehlen. Ich habe mich für eine Unterkunft der KU Leuven entschieden, da auf dem Privatmarkt viele Vermieter longterm Studenten (d.h. zwei Semester) bevorzugen. Mein Zimmer befand sich in einem Studetenwohnheim an der Parkstraat. Für Jus-Studenten ist diese Adresse von grossem Vorteil. Die Jus-Fakultät, die Universitätsbibliothek und alle anderen Vorlesungsräume sind zu Fuss in 5-10 Minuten erreichbar.

Der Groot Begijnhof Leuven wurde im 13. Jahrhundert gebaut und 1962 von der Universität gekauft, weshalb heute nicht mehr Frauen in Not, sondern Studenten, Doktoriende und Professoren das UNESCO-Welterbe bewohnen. Entgegen der Gerüchte, es sei als Erasmus Studierende unmöglich ein Zimmer zu mieten, wurde ich von Studienkollegen eines Besseren belehrt. Mit Wille und etwas Glück kann mann sich dort eine wundervolle Bleibe suchen.

Auch das Loyola International Nachbahr Huis American House an der Schapenstraat ist ein absoluter Geheimtipp für ein einmaliges Wohnerlebnis. Anders als der Name vermuten lässt, sind nicht nur Studierende aus den USA, sondern aus aller Welt auf zwei Stockwerken verteilt. Das Gebäude aus dem 17. Jahrhundert mit seinem grossen Innenhof ist unheimlich schön.

Universität

Belgien im Mittelpunkt von Europa ist gerade für Jus-Studierende besonders interessant um Europarecht zu lernen. So habe ich mich für International and European Human Rights Law entschieden. Die Vorlesungen fanden in der Grote Aula, einer eindrücklichen Kulisse bei Prof. Koen Lemmens und seinem Namensvetter Prof. Paul Lemmens statt. Prof. Koen Lemmens, Academic coordinator of the Erasmus Program liegen die Interaktion und Integration von ausländischen Studierenden sehr am Herzen. Er ist ein hervorragender Menschenrechtler, Philosoph und Kritiker. Prof. Paul Lemmens, Richter am EGMR gibt sein Wissen, das u.a. direkt aus der Praxis kommt in einer äusserst strukturierten Weise an Studierende weiter.

European Financial Regulation habe ich gerade auch im Hinblick auf die Eurokrise gewählt. Auch wollte ich mich persönlich von einer Dozentin inspirieren lassen. Prof. Veerle ist stets perfekt vorbereitet und bemüht, den Studierenden Fragen sehr ausführlich zu erklären. Sie ist in ihrem jungen Alter und als vierfache Mutter eine eindrückliche Persönlichkeit und hinterlässt wohl gerade bei weiblichen Studierenden grossen Eindruck.

European Criminal Law bei Prof. Verbruggen, u.a. Board member and treasurer of Dutch-Flemish Society for Criminal Law hält unglaublich spannende Vorlesungen, die in hitzigen Diskussionen zwischen ihm und Studierenden aus aller Welt enden. Der Leseaufwand ist enorm, die Prüfung sehr schwer, doch schlussendlich der heiklen aber wichtigen Themen wegen sicher empfehlenswert.

Prof. Vervaeke, President of the High Council of Justice, kombiniert in seiner Vorlesung Psychology, Law and Criminal Justice. Als Jus-Studierende wagt man sich damit auf exotischeres Terrain. Die Veranstaltung zeigt aber Schwierigkeiten auf, mit denen sich die Justiz beschäftigen muss. Er hinterfragt immer wieder unser Rechtssystem und regt zu kritischem Denken an.

Generell sind Multikulturalität und Recht ein grosses Thema an der KU Leuven. Die Professoren sind sich teilweise einig, wie reformbedürftig Recht und Justiz sind. Sie sind alle kritische Denker und grosse Inspirationen.

Leben/Freizeit

Flussfahrten in der Märchenstadt Brügge, Pommes Frites beim Palais Royale in Brüssel, Sonnenbäder im Parc de Tervuren aber auch Marktbesuche Samstags in Leuven, Feiern in den zahlreichen fakultätseigenen Bars, Studentenwohnheimen und am Oude Markt und ESN-Ausflüge gehören nebst Lernen ebenso dazu. Auch das Kulturzentrum der Studentenorganisation Pangea, deren zahlreiche Mails ich anfangs schmunzelnd ignorierte, erwies sich als einen Ort, wo man spannende Menschen aus aller Welt und jeder Altersklasse kennenlernt. Im Kunstzentrum STUK gibt es eine schöne Bar und tolle Konzerte. Das Austauschsemester an der KU Leuven bringt einem nicht nur haufenweise Gerichtsentscheide des EGMR zu Gemüte, sondern ist auch eine kleine Weltreise, wo man Studierende aus aller Welt kennenlernt, die Eigenheiten der Belgier zu verstehen lernt und sich selber und seine Heimat zu hinterfragen aber auch zu schätzen beginnt.

 Alsjeblieft!