Erfahrungsberichte

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Wer

raphael_anth[at]hotmail.com

Typus/Richtung

Austausch - OUT

Jahr

14/15 WS

Universität

CN-
Shanghai - Fudan University - School of Economics

Studienfach

Volkswirtschaftslehre (3020)

Gesamteindruck

Ein Austausch in China. Freud und Leid waren selten näher beisammen. In einem Moment erfreut man sich sehr am guten und günstigen Streetfood oder an den Gratis Eintritten in den Clubs hat und nur 10 Minuten später regt man sich über die riesigen Massen an Leuten und deren Verhalten auf. Verhaltensregeln gibt es kaum welche. Der kommunistische Gedanke, am selben Strang zu ziehen, ist wohl schon lange verwahrt. Jeder ist sich selbst der nächste und es wird auf niemanden Rücksicht genommen. Leute zuerst aussteigen lassen bevor man selber einsteigt oder in einer Warteschlange anstehen wie man es sich im Westen gewohnt. Fehlanzeige. Es wird überall gedrängelt und gestossen. Wenn man es dann mal bis nach ganz vorne an den Schalter/Tresen geschafft hat, sollte man sich nicht zu früh freuen. Es kommt oft vor, dass Mitten im Gespräch/Bestellung irgendwelche Chinesen, die das Gefühl haben sie hätten Vortritt, ihre Wünschen frech dazwischen schreien. Erstaunlicherweise wird ihnen dann auch noch zuerst geholfen. Und es sind solche Kleinigkeiten, die das Alltags leben in Shanghai oft unnötig mühsam gestalten. Doch man gewöhnt sich jedoch schnell daran und passt sein Verhalten (leider) an. Zusätzlich sind Chinesen sehr talentiert einfache Sachen ausserordentlich kompliziert zu gestalten. Sie sind extrem darauf fokussiert, dass jeder nur genau die ihm zugeteilte Teilaufgabe erledigt. Dies endet darin, dass für jeglichen Situationen, die bei uns 1 Minute dauern, in China ein kleiner Prozess ausgelöst wird, der nur schon mit kleinen Problemen gewaltig ins Stocken gerät. Freies Denken ist ein absolutes Tabu, doch dazu später im Unterrichtsteil mehr. Dies waren jetzt nur einige Beispiele aus dem chinesischen Alltag, aber es sind auch genau diese Dinge, die den Austausch so speziell und unvergesslich gestaltet haben.

Vorbereitung

Ausser den Unterlagen, welche wir für den Austausch einreichen mussten, habe ich keine grosse Vorbereitungen getroffen. Die internationalen Abteilungen an der UZH hat alles perfekt organisiert / in die Wege geleitet und waren auch immer eine grosse Hilfe bei allfälligen Fragen und Problemen. Das einzige, was ich anders machen würde, wäre, dass ich ein bisschen chinesisch schon vorhin lernen würde.

Ankunft

Wenn man zuerst in Shanghai ankommt, hat man nicht wirklich das Gefühl in China zu sein. Die East Nanjing Road könnte irgendwo auf der Welt sein, mal abgesehen von den chinesischen Schriftzeichen überall;) Alles ist sehr modern und sauber. Entfernt man sich dann aber nur eins zwei Blöcke von der Hauptstrasse, erlebt man Shanghai schon eher wie man sich China vorstellt. Keine Hochhäuser, Strassenstände an jeder Ecke, die Essen und Kleider verkaufen, kleine Restaurants überall, ein bisschen chaotisch, laut und unordentlich. Und das ist genau wo ich leben wollte. Über E-Mail habe ich Kontakt mit anderen internationalen Studenten aufgenommen (Fudan hat uns die ganzen Email Adresse geschickt) und bald einmal habe ich drei andere Austauschstudenten gefunden, die auch auf Wohnungssuche waren. Wir haben uns in einem Hostel in Shanghai anfangs September getroffen und haben uns dann gemeinsam auf die Suche gemacht.

Zimmersuche
Wohnen

Smartshangai.com würde ich als die erste und beste Alternative ansehen. 80% von den Anzeigen sind von irgendwelchen Agenten hochgeschaltet. Einen Tag nach dem man sie kontaktiert hat, kann es schon mit Wohnungsbesichtigungen losgehen. Eine chinesische Nummer und vor allem WECHAT ,das chinesischen Pendant zu Whatsapp, sind dabei extrem hilfreich. Für uns hat sich die Suche ein bisschen schwerer gestaltet, da wir für eine 4er Wg gesucht haben. Grossteils der Wohnungen in Shanghai sind für drei Leute geeignet. Du kannst auch spontan nach Shanghai kommen und dir vor Ort Zimmer in verschiedenen WGs anschauen, von denen gibt es mehr als genug. 

Die optimale Lage meiner Meinung nach, ist in der Stadt nahe an der Linie 10 (East Nanjing oder Laoximien) Man braucht ca eine halbe Stunde an die Uni. Ich würde sagen, dass man zwischen 3000-3500 Yuan schon ein gutes Zimmer an einer gewünschten Lage kriegt. Das mag jetzt nicht sehr günstig erscheinen, doch das sind marktgerechte Preise in Shanghai, wenn man nicht gerade eine Stunde ausserhalb der Stadt wohnen möchte. Jeder Vertrag ist ein bisschen anders aufgebaut und es empfiehlt sich, den genau anzuschauen. Neben dem Deposit, das sich auf eine Monatsmiete belief, mussten wir noch 33% einer Monatsmiete als einmalige Gebühr an der Vermittler bezahlen. Bei jeglichen Problemen konnten wir ihn kontaktieren und er erfüllte seine Aufgabe meistens zur vollsten Zufriedenheit.


Universität

Während sich meine Kollegen von der School of Business schon einen Monat vor Uni Start online für die Kurse bewerben konnten/mussten, kriegten wir die Liste mit der diesjährigen verfügbaren Kursen erst am Einführungstag. Die Auswahl der Kurse war nicht so umfangreich wie in Zürich, aber es hatte etwas für jeden dabei. Die Modulbuchung war ziemlich umständlich und man musste alles von Hand ausfüllen. Was mich ein bisschen enttäuscht hat bei meinem Austausch an der School of Economics war, dass wir in unserem Programm kein chinesischen Kommilitonen hatten. Ich dachte anfangs, dass wir immerhin wenige Chinesen in der Klasse hatte, es stellte sich jedoch bald heraus, dass dies Koreaner oder andere „Internationales“ waren.

Was mich am meisten gestört hat, war die Organisation der Kurse. Manchmal hat man kurzfristig erfahren, dass man am Wochenende doch noch an die Uni muss, weil ein Kurs nachgeholt wird oder dass an nächste Woche eine Prüfung ansteht. Auch die Schlussprüfung wurde mehrfach verschoben. Dies macht das Vorausplanen schwierig und ist eigentlich typisch chinesisch. „Be prepared for the unexpected“

Zu den Kursen:

  • Chinese Economy: Nach Anlaufschwierigkeiten war es der interessanteste Kurs. Es handelt im Grossen und Ganzen davon, wie sich China seit 1950 wirtschaftlich entwickelt hat. Der Professor ist motiviert und kann auch einige persönliche Erlebnisse von der kommunistischen Zeit erzählen. Die Leistung wurde mit 4 Aufsätzen während des Semesters geprüft. Pflichtprogramm.
  • Industrial Policy in China: Interessante Vorlesung. Ist jedoch bei weitem nicht so mathematisch wie Industrial Policy an der UZH. Die liegt aber daran, dass wir in Europa offen Wettbewerb haben, während hier in China vieles vom Staat geregelt wurde. Prüfung ende des Semesters.
  • Taxes and Fiscal Policy. Ich hab mir den Kurs ein bisschen anders vorgestellt und mehr vom „fiscal policy“ Teil erwartet. Dieser wurde nur einmal in einer Stunde erwähnt. Hat sich vor allem mit dem chinesischen Steuersystem und den Veränderung befasst. Man wird anhand ausführlichen Homework Assignments, Class Participation und einem Final Exam benotet.
  • Chinese Foreign Trade. Der Titel beschreibt den Kurs eigentlich ziemlich genau auf den Punkt. Es wird der Wandel China und den Wachstum im Trade Sector besprochen. Vier Vorlesungen befassen sich mit Studentenpräsentationen. Die Note besteht aus „Class Participation, Presentation, Written Report and Final Exam.“
  • Advanced Topics on Chinese Economy. Sehr interessantes Fach zu weiterführenden Themen in Chinas Wirtschaft. Der Kurs befasst sich mit Geldpolitik, Inequality, Politik, Wirtschaftszonen etc. Der Kurs wird von mehrere Professoren gehalten. Am Ende des Semesters muss eine Arbeit eingereicht werden.

Man merkt schon im täglichen Leben, dass die Chinesen anders erzogen worden sind. Während man im Westen viel Wert auf eigenständiges Denken legt und Kreativität und Logik fordert, beschränkt man sich in China auf einfaches Auswendiglernen. Zum Beispiel: Während es für uns wichtig ist in einer Aufgabe vom Ausgangspunkt A zum Endpunkt B zu gelangen und der Weg dorthin einem offen gelassen wird, wird China der Weg beschrieben und man muss sich dann auch genau an die Beschreibung halten. Und so gestaltet sich auch der Unterricht grossteils.

Selbstständiges Denken ist meistens nicht vorhanden. Alles was einem gesagt wird, wird als wahr empfunden und dementsprechend sind Ironie und Satire auch Fremdwörter. Vorträge und Arbeiten beschränken sich meist auf die Zusammenfassung eines Papers. Kreatives denken wird nicht wirklich als positiv angesehen und oft nicht belohnt. Zum Beispiel: Im ersten kurz Test habe ich mich bemüht, die Literatur zu lesen  und den Aufsatz ein bisschen ausführlicher zu gestalten. Das Resultat war eine schlechte Note. Als ich meine Kommilitonen gefragt habe, wie sie zu einer guten Note kamen, wurde mir meist geantwortet : „Just copy the slides“. In den restlichen Tests habe ich mich wesentlich schlechter vorbereitet und mich auf das Abschreiben der Folien konzentriert. Notenmässig hat es sich ausgezahlt.

Im Gross und Ganzen sind die Kurse weniger anspruchsvoll und auch das Unterrichtstempo ist wesentlich langsamer als an der UZH. Die Vorlesungen in Zürich sind auch sehr mathematisch, während an der Fudan University vor allem Theorie und Text basieren. Ich muss aber auch sagen, dass die internationalen Mitstudenten keine Grossen Mathematik Kenntnisse vorweisen konnten. Also liegt es eher an dem hohen Niveau der UZH… Trotzdem habe ich viel gelernt, vor allem in Bezug auch China, und somit war der Austausch auch akademisch ein Erfolg.

Leben/Freizeit

Meine Freizeit habe ich im ersten Monat vor allem mit Parties verbracht. Man kann gratis in die Clubs gehen und dort gibt es auch noch „Free Flow on Drinks“. Es ist halt der Ort wo man am neue Leute und vor allem Studenten trifft. Die meisten Leute sind sehr offen und umgänglich. Alle wollen neue Leute kennen lernen und einen Freundeskreis aufbauen. Schnell einmal wird man zu welchen „Predrink Homeparties“ oder gemeinsam Nachtessen eingeladen. Nach den anfänglichen wöchentlichen Clubbesuchen, habe ich die restlichen Monate der Erkundung Shanghai und Chinas gewidmet. Ich empfehle unbedingt in China ein bisschen rumzukommen. Sei es nun vor dem Semester, nach dem Semester oder halt mal für ein Wochenende raus aus Shanghai um das richtige China zu sehen. China hat wunderschöne Naturgebiete. Englisch spricht so gut wie niemand mehr (es ist jetzt nicht so als ob das in Shanghai der Fall war) und oft muss man sich mit Hand und Fuss, mit Mimik und Gestik durchschlagen. Oft wird man komisch angestarrt. Die Menschen sind sehr neugierig aber auch schüchtern. Doch sobald man eine erste Wand mit einem freundlich lächeln und einem „Ni Hao“ überwunden hat, sind die Leute überaus freundlich, herzlich und hilfsbereit. Oft wurde ich zum Essen eingeladen oder man hat mir ein Drink ausgegeben. Sie belagern einem mit vielen Fragen und wollen mehr über einem wissen, doch leider ist die Sprachbarriere oft zu hoch. 

Daher empfehle ich allen, ein kleines bisschen chinesisch zu lernen. Man kann in der kurzen Zeit sicher keine Gespräche führen, aber man kann sich mit den Einheimischen ein bisschen verständigen und der ganze Aufenthalt macht noch mehr Spass.

Ein grosser Pluspunkt Chinas ist, dass man sich an den ganzen bizarren Sachen nie satt sehen kann. Sei es nun die absurde und sehr kindische Kleiderwahl der Chinesen, oder der Fakt dass Kleinkinder ihr Geschäft einfach auf der öffentlichen Strasse erledigen. Wenn man glaubt, man hat alles schon gesehen, weiss einem China täglich neu zu überraschen.

Auch wenn vieles jetzt ziemlich negativ klingen mag, ich habe meinen Aufenthalt in Shanghai sehr genossen und in diesem Jahr mehr über das Leben gelernt als in so mancher Vorlesung.