Erfahrungsberichte

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Wer

cora[at]alderworks.ch

Typus/Richtung

Erasmus - OUT

Jahr

14/15 WS

Universität

BE-BRUXEL04
Bruxelles - Université Libre de Bruxelles

Studienfach

Theologie und Religionswissenschaft (1000)

Gesamteindruck

In Belgien hat es mir sehr gut gefallen und wenn es möglich gewesen wäre, wäre ich jederzeit ein weiteres Semester an der Université Libre de Bruxelles geblieben. Brüssel hat die perfekte Grösse: das kulturelle Angebot ist, wie in anderen Grossstädten, enorm gross, man kommt aber sehr schnell von A nach B (anders wie beispielsweise in Paris, wo man beim Umsteigen in der Metro unnötig viel Zeit verliert). Ich würde Brüssel all jenen wärmstens empfehlen, die sich gerne in einer internationalen Atmosphäre bewegen, ihr Französisch verbessern wollen und bereit sind, eine Stadt jenseits der 0815-Touristenattraktionen kennenzulernen.

Vorbereitung

Vor Beginn des Erasmus Semesters muss man ein Learning Agreement mit der zuständigen Person der Home University erstellen. Die angebotenen Kurse der ULB sind online zu finden, so konnte ich mir bereits vor dem Treffen mit meiner Koordinatorin der Ethnologie überlegen, welche Module ich gerne belegen würde. Falls man Kurse aus zwei oder mehreren Fakultäten wählt, muss man ein Learning Agreement für jede einzelne ausstellen. Dies sollte man umbedingt in Zürich erledigen, via E-Mail ist das alles sehr kompliziert.

Einige Zeit vor Antritt des Austausches erhält man von der ULB ein Infopaket, in welchem darüber informiert wird, welche administrativen Dinge auf einem zukommen.

Um mein Französisch auf ein akzeptables Niveau zu bringen (B1-B2), habe ich zwei Semester lang einen Sprachkurs am Sprachenzentrum besucht. Zwei Wochen vor Studienanfang in Brüssel habe ich noch einen Intensivkurs an der Alliance Française vor Ort belegt. 

Ankunft

Ich bin bereits zwei Wochen vor Studienbeginn nah Brüssel gereist, um einen Sprachkurs zu besuchen. So hatte ich Zeit die Stadt alleine und mit Bekanntschaften aus der Sprachschule zu erkunden.

Am 8. und 9. September hatten wir obligatorische Infoveranstaltungen. Man lernt die anderen Erasmusstudenten und die Verantwortlichen der jeweiligen Fakultät kennen. Man erhält an diesen Tagen auch seine Legi und ein Schreiben für die STIB, mit dem man ein Jahresabonnement für Bus, Tram und Metro lösen kann (Kosten: 120€). Zudem übergibt einem die Koordinatorin ein Pink Form, auf welchem man innerhalb von drei Wochen jene Kurse einträgt, die man besuchen möchte.

Express, das Erasmus Team der ULB, organisiert zu Beginn auch immer wieder Welcome Parties und kleinere Ausflüge. Ich habe an einigen der Events teilgenommen. Man lernt schnell Internationals kennen, von denn viele ähnliche Probleme haben, wie man selbst (Zuständige Stellen, gute Professoren, französischer Slang etc.).

Zimmersuche
Wohnen

Die Zimmersuche in Brüssel gestaltet sich etwas schwierig, falls man nur für ein Semester an der ULB studiert. Die meisten Vermieter suchen Mieter, die mindestens ein Jahr bleiben. Ich habe einige Erasmus Studenten kennengelernt, die ihre Wohnung für ein Jahr gemietet haben und nach einem halben Jahr selbst Nachmieter gesucht haben. Mir war das zu kompliziert. Per Zufall habe ich auf housinganywhere.com ein Studio (500€) gefunden – Für mich eine gute Lösung, da ich fast jeden Tag mit Leuten unterwegs war und zu Hause so meine Ruhe hatte.

Zimmer in Brüssel findet man beispielsweise auf Brukot.be. Viele werden auch in Facebook Gruppen, wie beispielsweise Bruxelles: Loc & Coloc ausgeschrieben. Wer lieber von zukünftigen Colocs gefunden werden will, kann auch eine Anfrage auf Express Erasmus ULB posten.

Wer am ULB Solvay Campus studiert (was, soviel ich weiss, alle sind, ausser die Mediziner), sollte sich ein Zimmer in der Nähe des Cimtière d'Ixelles oder Place Flagey suchen. Einerseits ist man so schnell an der Uni, anderseits gibt es dort unzählige internationale Restaurants und coole Bars, in denen man sich durch das gesamte belgische Bierangebot trinken kann. Zudem ist man mit dem Tram 25 sowie mit den Busen 71 und 95 schnell im Zentrum. 

Universität

Im Gegensatz zur Universität Zürich hatte ich sehr viele Vorlesungen, sprich Frontalunterricht. Von den Studenten wurde wenig gefragt, manchmal weil die Klasse einfach zu gross war, manchmal weil sich niemand wirklich fürs Thema interessierte.

Ich habe drei reguläre Kurse an der ULB besucht: Anthropologie économique (hat mir sehr gut gefallen, die ethnologischen Forschungen der Professoren wurden vorgestellt), Religions de l'Amérique ancienne (behandelt die Religion der Mayas und Azteken, Unterschiede zwischen den beiden werden aber nicht klar vermittelt) und Histoire contemporaine (Geschichte geordnet nach Themen, hat mich nicht überzeugt).

Daneben habe ich mich auch für den 5 ETCS Französischkurs eingeschrieben, der extra für ausländische Studenten organisiert wird. Ich wurde der Gruppe Avancé 1 zugeteilt. Wir haben vor allem die Konjugationen von Verben behandelt. Die Atmosphäre im Unterricht war kollegial locker, am Semesterende haben wir sogar eine kleine Fete mit unserer Lehrerin organisiert.

Um mein Französisch weiter zu verbessern, habe ich mich wöchentlich mit einem Tandempartner getroffen. Leute für Tandems findet man ganz einfach auf der entsprechenden Internetseite der Uni und wer will, kriegt dafür sogar ECTS-Punkte. Mir hat es auch geholfen, Vorlesungsnotizen auf dem Computer zu verfassen. Word korrigiert viele Wörter automatisch, so realisiert man schnell, wenn man gewisse Wörter immer falsch schreibt.

Die Bibliothek der ULB hat mir sehr gut gefallen. Sitzt man im 8. oder 9. Stock am Fenster, hat man eine wunderschöne Aussicht über den Bois de la Cambre. Leider sind die Plätze ab Mitte des Semesters oft besetzt und wer in der Lernphase nicht um 8:00 Uhr vor der Tür steht, findet vermutlich keinen Platz mehr (ausser im Salle d'Etude, mein Geheimtipp).

Ich habe während meinem Aufenthalt an der ULB an meiner Bachelorarbeit geschrieben. Im Bereich der Religionswissenschaft, aber auch in der Ethnologie fällt das Literaturangebot leider etwas mager aus. Wer also eine Arbeit zu schreiben hat, lässt sich von der ZB gewisse Buchabschnitte eingescannt zuschicken, sucht auf Jstor nach Quellen oder meldet sich bei der Bibliothek der EU an (vor allem für Politikwissenschaftler soll es dort massenhaft Bücher geben).

Wer zu weit von der ULB weg wohnt, kann gut an der ULB essen. Neben einer Pasta Bar gibt es zwei Cafeterias und ein Sandwichstand. Beim Kaf Kaf steht man zwar lange an, man kriegt dafür aber den preisgünstig besten Kaffee in Brüssel (mit Schlagrahm und Streusel).

Von Theater bis Musikfestivals wird so ziemlich alles auf dem Campus organisiert. Ähnlich wie im BQM sitzen abends viele Studenten draussen, köpfen ein Bier oder töggelet eh Rundi.

Leben/Freizeit

Die Bevölkerung Brüssels besteht aufgrund des EU Parlaments und Lobbyisten aus über 30% Expats. Waschechte Bruxellois zu finden gestaltet sich also entsprechend als Herausforderung. Um nicht im Ghetto der Erasmus Studenten zu bleiben, empfehle ich daher im Internet Aktivitäten zu suchen, die einem interessieren könnten.

Ich habe für 40€ eine Sportkarte an der Uni gelöst. In Kursen, wie Zumba oder Salsa lernt man schnell neue Leute kennen. Ich habe mich zudem für zwei ausseruniversitäre Tanzkurse angemeldet (West Coast Swing und Forró). Nach dem Tanzen gingen wir immer etwas zusammen trinken und jedes dritte Wochenende wurden Soirées veranstaltet. Brüssel ist sehr vielfältig und es lohnt sich, etwas Zeit aufzuwenden, um verschiedenen sozialen Gruppen kennenzulernen, die einem ihr Brüssel zeigen.

Reiseführer haben mich in Brüssel nicht weit gebracht, sie beschreiben nur die Sehenswürdigkeiten im Zentrum.  La Grande Place und alles andere touristische (ausser das Atomium) fand ich nicht besonders schön, die Quartiere St. Gilles, Ixelles, Etterbeck und Les Marolles haben mir viel besser gefallen. Wer sich aber nicht einfach durch die Strassen der Stadt treiben lassen will, kann sich beispielswise das Buch The 500 Hidden Secrets of Brussels kaufen. 

Während meines Austauschsemesters bin ich auch gereist. Brüssel ist das Zentrum Europas, in eineinhalb Stunden ist man in Paris, in drei in Amsterdam oder London. Bei Eurolines bekommt man ab 25€ ein Aller-Retour-Ticket. In Belgien sollte man umbedingt Antwerpen, Gent und Brugge besichtigen. Am günstigsten kommt es einem, wenn man sich einen 10er Go Pass-Fahrschein (ca. 50€) kauft.