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Erfahrungsberichte

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Wer

aline.meili[at]bluewin.ch

Typus/Richtung

Erasmus - OUT

Jahr

14/15 WS

Universität

AT-WIEN01
Wien - Universität Wien

Studienfach

Deutsche Sprach- und Literaturwissenschaft (7360)

Gesamteindruck

Ein erlebnisreiches, insbesondere auf akademischer Ebene sehr lehrreiches und in sämtlichen Lebensbereichen bildendes Semester.

Vorbereitung

Das Anmeldeverfahren hat sich überraschend einfach und schnell gestaltet. Für mich war von Beginn weg klar, dass nur Wien als Gastuniversität in Frage kommen kann, somit habe ich mich auch nur für Wien ohne Alternative angemeldet. Sollte es nicht klappen, bleib ich eben daheim. Schliesslich hat es geklappt, worauf die lange Warterei auf die Zusage der Gastuni folgte, da mittlerweile eine Volksabstimmung für reichlich Unruhe in der europäischen Bildungslandschaft gesorgt hat.

Ankunft

Eins hab ich schnell gemerkt: Die Wiener liiiieben die Bürokratie. Dass man innert drei Tagen nach Ankunft beim Bezirksmagistratsamt seinen Wohnsitz anmelden muss, wurde mir bereits durch die Checkliste mitgeteilt, die man auf der Webseite der Uni Wien als PDF downloaden kann (sehr lohnenswert). Was ich allerdings nicht wusste, ist, dass sämtliche Unterschriften (auch die vom Vermieter) IM ORIGINAL auf diesem vermaledeiten Meldezettel stehen müssen. Mietvertrag reicht nicht, nein, die Unterschrift muss hier unten auf dieser Linie stehen, Fräulein. Wunderbar...mein Vermieter ist aber dummerweise in den USA. Na, dann holen sie halt zur Not halt den Stempel der Hausverwaltung; jedes Haus hat ein schwarzes Brett, da steht die Verwaltung angeschlagen. Gut, ich nach Hause gerannt (ich hatte genau noch zwei Stunden, länger hat das Magistratsamt nicht geöffnet), natürlich hat jedes Haus ein schwarzes Brett ausser meins. Ganz verzweifelt meinen Mitbewohner angerufen, wo um Himmels willen ich diese Hausverwaltung finde?! Natürlich weiss auch er nicht weiter. Glücklicherweise steigt grad ein Mann mit Mountainbike aus dem Aufzug (das kann ja nur ein Student sein), der mir dann auch weiterhelfen kann mit der Hauseigentümerfirma, hallelujah! Nach viel Rumgerenne (zum Glück bin ich Läuferin) hab ich dann endlich meinen Stempel gekriegt (Nöö, ich brauch keinen Personalausweis sehen, ich hör auch so, dass sie Schweizerin sind) und 5 Minuten vor Schliessung des Magistrats noch meinen Meldezettel in die Hand gedrückt bekommen- endlich! Ohne Meldezettel geht nämlich gar nix...sogar für den Bibliotheksausweis muss man den vorlegen. Am nächsten Tag wurden wird dann auch schon vom International Office der Uni Wien ganz lieb empfangen und informiert. Bloss war mein auf Landluft eingestellter Organismus offenbar mit der ganzen Grossstadtatmosphäre so überfordert, dass die U-Bahn Bakterien jubelnd über mich herfielen und ich daraufhin eine Woche mit bakteriellem Infekt das Bett hütete.

Zimmersuche
Wohnen

Nach langem Bangen in Folge einer nicht sehr vorteilhaft verlaufenen Abstimmung über Masseneinwanderung kam schliesslich die erhoffte Zusage der Universität Wien, welche sich glücklicherweise nicht so beeindruckt zeigte vom EU-weit kritisierten Ausgang der Volksabstimmung. Dummerweise hatte jedoch dieses ganze Prozedere der Neuaufsetzung sämtlicher Verträge mit allen Partnerunis so viel Zeit in Anspruch genommen, dass nach der Zusage an ein Plätzchen im Studentenwohnheim nicht mehr zu denken war. So bestand der grösste Teil meiner Vorbereitungen darin, mir eine WG in Uninähe zu suchen. Mit Hilfe meines Wiener Kumpels hab ich dann auch bald eine im Internet entdeckt, habe den Vermieter angeschrieben, mein Köfferchen gepackt und bin für ein Wochenende nach Wien gereist, um die Wohnung und ihre Bewohner zu besichtigen. Viel Überlegen hats nicht gebraucht, die Wohnung war gefunden (und das auf Anhieb).

Universität

Meine Kurse waren allesamt auf der Hauptuni, einem schönen herrschaftlichen Gebäude, an dessen Festsaaldecke Gustav Klimt himself noch Hand angelegt hat. Hinter der kunstvollen Fassade bröckelts zwar ordentlich, aber der Wiener Charme lässt einen drüber hinwegsehen. Die Unibibliothek hat jeweils bis 22.00 Uhr geöffnet, wobei man in der Lernphase schon ordentlich Glück haben braucht, um noch einen Platz zu ergattern. Unter dem Semester ists aber wunderbar entspannt, dort zu arbeiten; eine richtig alte Bibliothek eben, mit vollgestopften, dunkelbraunen Bücherregalen rundherum. Sportkurse werden vom USI (Universitäts Sport Institut) angeboten. Das Angebot ist ziemlich gross, wenn auch nicht soo umfangreich wie beim ASVZ. Was allerdings ein Nachteil ist: man kann erst am Kurs teilnehmen, wenn man ihn gebucht und bezahlt hat. Man braucht sich also für jeden Kurs, den man besuchen möchte, anzumelden und die Teilnahmegebühr zu bezahlen (in der Regel so um 50 Euro). Ich habe mich fürs Jazztanzen entschieden und habe jede einzelne Stunde sehr genossen! Was die Lehre anbelangt, so kam ich in diesem Semester voll und ganz auf meine Kosten. Die Professoren sind allesamt (jedenfalls diejenigen, die ich erlebt habe) sehr hilfsbereit und bieten einem grösstmögliche Unterstützung, wenn man sich interessiert. Vor allem im Bereich der Linguistik konnte ich enorm profitieren!

Leben/Freizeit

Als bekennendes Landei war ich erst einmal komplett überfordert mit dem hektischen Grossstadtleben Wiens. Und das schlimmste war: ich verstand die Leute nicht! Aus Tomaten wird Paradeiser, aus Quark wird Topfen, aus Rahm wird Schlagobers (nein, der muss eben nicht geschlagen sein...diesem Irrtum bin ich auch lange aufgesessen), aus Aldi wird Hofer, aus Dosenbach wird Deichmann und dann is dazu ja eh alles leiwand...aha. Na, des taugt mer ned. Aber man gewöhnt sich an alles und nach ein paar Wochen findet man sich auch in den Wiener Supermärkten zurecht. Und das wunderbarste an Wien: Kultur ist bezahlbar! Wenn du fit genug bist, stellst dich 90 min vor Vorstellungsbeginn an die Stehplatzkassa und kriegst für 4 Euro beste Aussicht auf die Bühne. In der Volksoper kannst die Stehplätze sogar schon bequem von zu Hause online kaufen und fürs Burgtheater und Theater Josefstadt ebenso (da kostens 2.50 Euro). Und im Gegensatz zu den anstrengenden Schiffsbau-Inszenierungen sind die Wiener auch wirklich witzig...und die Schauspieler wie auch die Sänger grossartig. Vom Erasmus Student Network (ESN) wird auch echt viel organisiert - wenn man denn der Partytyp ist und wenn man unter Erasmus Studenten bleiben will. Wenn einem das taugt, dann kann man mindestens zweimal unter der Woche ausgehen und am Wochenende Trips nach Budapest und Bratislava unternehmen (wobei auch die primär aus Vodkadegustationen bestehen). Ich für meinen Teil hab mich lieber mit meinen neuen Wiener Freunden ins Kaffeehaus gesetzt und stundenweise über Gott und die Welt philosophiert. Denn das beste an Wien ist die Studentenschaft: Die ist noch so, wies im Lehrbuch steht. Jung, alternativ, idealistisch, gemütlich, mit einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und einer ordentlichen Prise Schmäh. Mit der Zeit versteht man sogar, was sie sagen.