Erfahrungsberichte

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Wer

sophie.debrunner[at]gmail.com

Typus/Richtung

Erasmus - OUT

Jahr

14/15 WS

Universität

DE-BERLIN01
Berlin - Freie Universität Berlin

Studienfach

Politikwissenschaft (7615)

Gesamteindruck

Insgesamt hatte ich in Berlin ein grossartige Zeit! Die Stadt hat viel zu bieten, die Universität war spannend, und dank der Sprache konnte ich sowohl frei Berlin erkunden als auch frei meine Kurse wählen - in beiden Punkten ein grosser Vorteil! Am Schluss muss ich sogar zugeben, dass der Aufenthalt wirklich ein Sprachaufenthalt war - ich bin zweisprachig aufgewachsen (Deutsch-Englisch) und erst mit 13 in die Schweiz gezogen. Ein halbes Jahr vollzeit Hochdeutsch zu sprechen hat meinem Sprachgefühl und meinem Wortschatz ausgesprochen gut getan! 

Vorbereitung

Die Semesterdaten an Deutschen Hochschulen sind verschoben im Vergleich zu denen in der Schweiz; was bei uns das Herbstsemester ist, ist in Deutschland das Wintersemester und geht von Mitte Oktober bis Ende März. Ich konnte daher schon lange vor Semesterbeginn nach Berlin ziehen, was ich jedem empfehlen kann. Zum einen ist der Berliner Sommer um einiges angenehmer als die graue Herbst/Winter Zeit, und zum anderen hatte ich daher viel Zeit für die Zimmersuche und alle anderen administrativen Details. 

Der Nachteil war, dass manche Schritte in der Vorbereitung (v.a. im Bezug auf das Learning Agreement) Unterschriften aus der Schweiz bedarfen. Allerdings war da Frau Flury am IPZ sehr hilfsreich und ich konnte ohne weiteres die Dokumente von Berlin aus verschicken.  

Ankunft

Berlin war für mich keine komplett fremde Stadt; ich war schon mehrmals da, und man findet sich natürlich sehr viel schneller zurecht, wenn man die Sprache kann. Die ersten Wochen habe ich bei Bekannten in Berlin gewohnt, und von da aus ein eigenes Zimmer gesucht. Es erwies sich als sehr angenehm, von Berlin aus die administrativen Sachen zu erledigen (Anmeldung, Deutsches Konto, Telefon), da die Deutsche Bürokratie nicht ohne ihre Tücken ist! 

 Ein wichtiger Punkt in Berlin ist die Anmeldung. Offiziell ist sie für temporäre Studienaufenthälte nicht Pflicht, aber ohne Meldebescheinigung (um die Addresse zu bestätigen) kann man einiges nicht machen; Telefonvertrag abschliessen, Bankkonto eröffnen, Bibliotheksausweis (für die nicht-Uni-Bibliotheken), Museumspass.... 

Zur Anmeldung braucht man einen Termin am Bürgeramt (kann man online buchen), die aber mindestens 6-8 Wochen vorher vollgebucht sind. Zum Glück hatte ich das irgendwo gelesen, weshalb ich mich schon vor meinem Umzug zu einem Termin angemeldet hab - hätte ich das nicht getan, wäre ich die ersten Wochen in Berlin sehr eingeschränkt gewesen! 

Zimmersuche
Wohnen

Ich hatte das Glück, von Berlin aus ein Zimmer zu suchen, und nicht schon aus der Schweiz. Natürlich ist es auf einer Ebene etwas verunsichernd, ohne feste Bleibe in eine fremde Stadt zu ziehen, aber ich würde jedem empfehlen, auch erst nach temporärer Unterkunft zu suchen, um von dort aus weiterzuschauen. Der Wohnungsmarkt in Berlin ist unglaublich schnell; man kann eine Wohnung bzw. ein Zimmer anschauen, am gleichen Tag noch unterschreiben und am nächsten Tag einziehen. Deswegen vermute ich (vielleicht zu Unrecht) dass die Zimmer, die auch online vergeben werden, nicht unbedingt die begehrenswertesten sind. Abwarten lohnt sich! 

Zufällig ist zur gleichen Zeit eine Freundin aus Finnland für ein Praktikum nach Berlin gezogen, und wir haben uns entschieden, zusammen eine Wohnung zu suchen. Nachdem es sich als relativ schwierig erwies, eine möblierte Wohnung zu finden (möblierte Zimmer gibts jede Menge über www.wg-gesucht.de), haben wir eine neue Wohnung angemietet. Wir hatten relativ Glück, denn obwohl Wohnungen in Berlin sehr günstig sind (normale WG Zimmer gibts für €300-400), ist die Nachfrage vor allem nach Zweizimmerwohnungen sehr gross. Trotzdem fanden wir eine Wohnung für €660 (inkl. Nebenkosten) via immobilienscout24.de in einer netten Lage im Wedding, nur 25m mit der U-Bahn von der FU entfernt. 

Die Wohnung liess sich über Ebay Kleinanzeigen (in Berlin ein Phänomen, man findet alles!) sehr günstig möblieren, und wir freuen uns immer noch sehr über sie!

 Der Vorteil einer eigenen Wohnung war zum einen, dass wir zusammen wohnen konnten, zum anderen aber auch die Freiheit, die damit einherging; da ich nach Erasmus-Semester meinen Abschluss erreicht habe, wollte ich die Option freihalten, in Berlin zu bleiben, und möglicherweise Praktika zu machen. Unter den Umständen ist  es schön, eine eigene Wohnung zu mieten, aber für ein einzelnes Semester  hätte ich eher ein möbliertes Zimmer zwischengemietet und mir Möbelsuche und Adminstration (die bei einer Untermiete meist einfach von Hauptmieter erledigt wird) gespart. 

Universität

Das erste, was ein Student der HU (Humboldt-Universität) über die FU (Freie Universität) sagt, ist immer ein Kommentar zur Lage. Die FU, nach der Teilung von geflohenen Akademikern der HU (im ehem. Osten) gegründet, liegt, gelinde gesagt, etwas abseits. Der riesige Campus liegt in Dahlem, im Südwestern Berlins, umgeben von Bäumen und Einfamilienhäusern - kein Hauch von alternativem Berlin. Die neubauden aus den 50ern (und später) sind nicht schön, aber der Campus übersichtlich und nett, und der Mangel an Angebot in der Umgebung wird mehr als kompensiert durch mehrere Mensen und - besonders schön - die vielen Fakultätscafés, die mit eigenem Mittagstisch oder frischem Gebäck in der Pause anlocken. Ich habe nicht in der Nähe der Uni gewohnt, dafür aber mit einer sehr guten ÖV-Anbindung, und habe geschaut, dass ich meine Kurse möglichst dicht zusammenleg. Somit hatte ich lange Tage auf dem Campus, den Rest der Woche aber konnte ich Berlin entdecken oder in netten Cafés oder den vielen anderen Unibibliotheken der Stadt arbeiten. 

 Am Anfang war das Kursangebot etwas unverständlich, da am Otto-Suhr Institut (Politikwissenschaft)  mit einem System von Modulen mit untergeordneten Kursen gearbeitet wird. Was mir aber sehr gut gefiel war die Möglichkeit, für Teilnahmescheine zu arbeiten: Wer nur an einem Kurs teilnimmt (d.h. anwesend ist, mitmacht, und eventuell ein Referat hält) kann dafür unbenotet 3 ECTS Punkte bekommen (mit Arbeit oder Prüfung 7). Ich brauchte vor allem Punkte im Freien Bereich, die ich somit mit vielen Teilnahmekursen bekommen konnte. Die Möglichkeit, somit in viel mehr Kurse Einblick zu haben und ohne Prüfungsdruck teilzunehmen, gefiehl mir sehr gut! 

Die Qualität der Kurse war sehr gemischt, und das Niveau vergleichbar mit der UZH. Ich habe mich bemüht, Kurse mit Deutschem Bezug zu wählen, um somit das Gastland besser kennenzulernen und auch möglichst mit lokalen Studenten zu studieren - in dem einen Englischen Kurs, den ich hatte, zur MENA Region, waren fast ausschliesslich Erasmus-Studenten. Eine echte Bereicherung für die Studienqualität war vor allem aber die Diskussionskultur. Ich bin mir von der UZH gewohnt, eine von wenigen zu sein, die aktiv teilnimmt und sich in Diskussionen zu Worte meldet - an der FU keineswegs der Fall! In jedem Kurs kam es gegen Ende zu heiteren Diskussionen. 

Ein Manko an der FU war aber die Adminstration, vor allem am Ende: obwohl die Studenten der FU mit einem digitalen System (Campus Management, ähnlich wie die Modulübersicht bei uns) arbeiten, müssen Erasmus Studenten am OSI alle Kurse mit einem Papierschein bescheinigen lassen, der vom Dozenten unterschrieben wird. Danach erhält man das Transcript of records auch nur auf Antrag mit diesen Scheinen, Immatrikulationsbescheinigung und Antragsformular - alles machbar, aber mühsam.

Leben/Freizeit

Berlin, Berlin, wo soll man da denn anfangen? 

Wer nicht der Gemütlichkeit der eigenen vier Wände verfällt, findet in Berlin alles. Im Sommer viele Parks, Seeen zum Baden, Biergärten und Streetfood, Openairkonzerte und jede Menge Hipster-Eisdielen. Im Winter verschliesst sich die Stadt (weshalb ich jedem wirklich nachlegen würde, beim Herbst/Winter-Aufenthalt schon früher nach Berlin zu ziehen) und obwohl sich weiterhin Konzerte, Museen, Restaurants und natürlich die berühmte Clubszene anbieten, braucht man doch immer mehr Motivation um sich dafür zu begeistern. Es lohnt sich aber! 

Vor allem muss man natürlich die Preise in Berlin erwähnen. Nicht nur der Döner ist günstig, sondern auch generell Lebensmittel, auswärts essen, und auch das unglaubliche kulturelle Angebot (den Museumspass für die Staatlichen Museen gibts für nur €25, Stehkarten im Berliner Ensemble für €2). Dazu kommt die Geschichte der Stadt, die wirklich allgegenwärtig ist. Während meines Aufenthalts wurde der 25. Jahrestag des Mauerfalls gefeiert, im Rahmen dessen viele bewegende und spannende Ausstellungen und öffentliche Anlässe stattgefunden haben. In Berlin gibts was für jeden, für wenig Geld: die einzige Hürde ist manchmal nur man selbst.