Bilder zum Bericht

berblick ber Leuven von der Abtei Keizersberg am nrdlichen Stadtrand

Schloss Arenberg (gehrt zur Uni) im September

Die Universittsbibliothek von Leuven ist weltberhmt, wenn auch aus betrblichen Grnden - in beiden Weltkriegen wurde sie von deutschen Truppen zerstrt, was massgeblich zu deren Reputation als "Barbaren" beigetragen hat.

Brssel ist der Sitz mehrerer Institutionen der EU. Im Bild ist ein Teil des Europischen Parlamentes zu sehen.

Nochmals Schloss Arenberg. Neben dem imposanten Stadthaus und der Universittsbibliothek wohl eines der beliebtesten Photosujets.

Erfahrungsberichte

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Wer

nicolas.s.h.hafner[at]gmail.com

Typus/Richtung

Erasmus - OUT

Jahr

14/15 WS

Universität

BE-LEUVEN01
Leuven - Katholieke Universiteit Leuven

Studienfach

Geschichte (Allgemeine) (7600)

Gesamteindruck

Ich empfand mein Austauschsemester an der KU Leuven in verschiedener Hinsicht als eine Bereicherung, von der ich auch menschlich profitieren werde. Einige Zeit in einem fremden Land zu leben - und sei es auch kulturell noch so nah wie Belgien - erweitert den Horizont (wenn du dich darauf einlässt). Leuven ist eine Studentenstadt. Das hat seine Vor- und Nachteile, auf die ich in den anderen Teilen näher eingehen werde. Die Universität, auch wenn bei uns nicht unbedingt bekannt, geniesst einen ausgezeichneten Ruf und soll Belgiens beste sein. Meine Erwartungen wurden diesbezüglich definitiv übertroffen. Ausserdem ist die Uni bekannt für ihre vielen internationalen Studenten - ich lernte Menschen aus allen Weltteilen kennen. Die internationale Ausrichtung ist auch in der Betreuung der Studierenden zu spüren. Die verantwortlichen universitären Stellen sowie die unzähligen Studierenden-Organisationen leisten eine ausgezeichnete Arbeit. Darüber hinaus liegt Leuven wirklich ideal um die vielen Ausflugsziele im Herzen Europas während den Wochenenden zu erkunden.

Vorbereitung

Nach der Bestätigung meines Aufenthaltes seitens der KU Leuven musste ich mich noch online anmelden. Das ist aber kein Problem und funktioniert ähnlich wie die Ersteinschreibung an der UZH. Aufgrund der warnenden älteren Erfahrungsberichten schaute ich mich schon früh nach einer Wohnung um. Da ich den Sommer nicht in der Schweiz verbrachte, konnte ich zu diesem Zweck nicht nach Belgien reisen (was wohl die beste Lösung wäre), sondern wurde im Internet fündig. Mehr dazu in der entsprechenden Sektion. Daneben klärte ich auch ab, ob es möglich sein würde, eine Seminararbeit zu schreiben, da ich im HF Geschichte studiere. Das Learning Agreement hätte ich besser schon vor der Abreise fertiggestellt und unterschreiben lassen. Das hätte mir einigen Aufwand erspart. Da die Kurse seitens der KU Leuven aber auch erst sehr spät aufgeschaltet wurden, war mir das nicht möglich. Ausserdem kontaktierte ich einen Unihockey-Verein, weil ich gerne weiterhin spielen wollte und es mir als eine gute Möglichkeit erschien, Belgier kennenzulernen.

Insgesamt habe ich nicht besonders viel Zeit in Vorbereitungen investiert. Das meiste lässt sich ohnehin erst vor Ort regeln.

Ankunft

Ich empfehle, schon eine Woche vor dem Semesterbeginn oder sogar noch etwas früher anzureisen. Die Stadt ist dann zwar noch tot, weil fast alle belgische Studenten den Sommer zu Hause verbringen, aber dafür kann man alle anstehenden Tätigkeiten in Ruhe erledigen. Ausserdem sind die Orientation Days wirklich gut organisiert und bieten einen ersten Überblick über das vielfältige ausser-universitäre Angebot. 

Ich hatte das Glück, mit dem Auto anreisen und damit mein Gepäck auf bequeme Weise nach Leuven bringen zu können. Die Stadt ist aber auch gut mit dem Flugzeug und dem Zug (besser über Deutschland, weil man in Paris zum Umsteigen die U-Bahn nehmen muss) erreichbar. Gleich nach der Ankunft organisierte ich mir eine SIM-Karte; die Prepaid-Angebote sind alle vergleichbar, beinhalten eine gewisse Daten-, Anruf- und SMS-Menge und kosten um die 15 Euro pro Monat. Ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis haben Mobile-Viking (nur im Internet bestellbar) und Mobistar.

Dann habe ich mich um die verschiedenen Anmeldungen gekümmert. Das jeweilige Vorgehen ist gut beschrieben im Guide der Uni. Rechne auf jeden Fall Zeit und Geduld ein, wenn du kurz vor Semesterbeginn anreist. Ich habe etwa zwei volle Tage damit verbracht, einfach weil ich so lange warten/anstehen musste. Gerade das Stadthaus kann Nerven kosten. Die Angestellten waren sich bei mir nie sicher, ob ich nun zu den EU-Schaltern oder dem Rest der Welt geschickt werden sollte. Meine residence card, die für die Eröffnung eines Bankkontos Voraussetzung war (für andere interessanterweise nicht), bekam ich erst im November ausgestellt - da hat sie mir nicht mehr gross was genützt. Andere Austausch-Studenten bekamen keine residence card, obwohl sie sich auf die gleiche Weise angemeldet hatten. 

Wenn man sich an der Uni anmeldet, kann man für 20 Euro auch ein Bus-Abo für die Zone Leuven kaufen. Da ich aber bevorzugt mit dem Fahrrad unterwegs war, hat sich das für mich nicht wirklich gelohnt - praktisch ist es trotzdem und natürlich extrem günstig. Die Karte ist ein Jahr (!) gültig. 

Das Fahrrad würde ich bei velo.be mieten. Für fünf Monate bezahlte ich 48 Euro Miete, bei 70 Euro Depot. Es empfiehlt sich, früh dort vorbeizuschauen, denn die besten Fahrräder sind schnell weg.

Etwas nervenaufreibend war das Organisieren des Learning Agreements. Alle Austauschstudenten stürzen sich in den ersten Wochen auf Fleur, die Verantwortliche der RWF in Leuven. Mühsam ist vor allem, dass es jeweils vier gültige Unterschriften braucht - nämlich diejenige der jeweiligen International Offices plus die der Erasmus-Verantwortlichen. 

Zimmersuche
Wohnen

Entgegen anders lautenden Empfehlungen fand ich meine Wohnung auf Facebook und unterzeichnete den Vertrag ohne einen Augenschein genommen zu haben. Ich wurde für das Risiko aber mit einer super gelegenen und bereits möblierten Unterkunft belohnt. Das ist aber wohl eher die Ausnahme. Wenn möglich solltest du früher (spätestens anfangs August) anreisen und dann vor Ort nach einer geeigneten Unterkunft suchen. Das Angebot ist allerdings enorm und du solltest dir vorher Gedanken machen, welcher Typ Unterkunft dir am meisten entspricht. Die Residenzen der Uni sind zwar sehr günstig, aber bieten meiner Erfahrung nach niemals den Komfort einer eigenen Wohnung. In einer Residenz teilt man sich zumeist die sanitären Anlagen und die Küche mit etwa 5-10 anderen Studierenden. Die Erfahrungen, die meine Freunde hier gemacht hatten, variierten sehr stark. Auf der positiven Seite steht sicherlich die Möglichkeit, viele Menschen kennenzulernen und das daraus entstehende Gemeinschaftsgefühl. Andererseits braucht es aber auch Toleranz und Nerven, wenn der Zimmernachbar wieder seine Freunde einlädt und bis um 5 Musik hört oder ein anderer sein Geschirr in der Küche partout nicht sofort abwäscht. Die Preisspanne variiert ebenso stark. Während sich Zimmer in einer Residenz bereits ab etwa 250 Euro/Monat finden lassen, sind 600-700 Euro wohl etwa die Obergrenze (Wohnungen ausgenommen). Ich habe für meine Wohnung etwa 500 Euro bezahlt.

Universität

Wie eingangs bereits angetönt geniesst die KU Leuven einen ausgezeichneten Ruf. Ich würde das Niveau als dem in Zürich ebenbürtig einschätzen. Die rechtswissenschaftliche Fakultät bietet eine relativ grosse Auswahl an Vorlesungen in englischer Sprache an, die oft international ausgerichtet sind. Holländisch zu beherrschen ist folglich nicht nötig. Ich besuchte die Kurse The Law of International Organizations und Constitutional Law of the European Union. Beide waren ausgezeichnet. Während LIO etwas unorganisiert war, weil zur Vorlesung elf Gastvorträge von Legal Counsels (etwa der UNO, IMF u.v.m.) gehörten, bestach vor allem Professor Koen Lenaerts (CLEU) durch sein immenses Wissen. Der stellvertretende Gerichtspräsident des EUGH hielt einmal eine vierstündige Vorlesung ohne jegliche Notizen  und zitierte trotzdem munter aus Leitentscheiden, als hätte er den Text vor sich. Piet van Nuffiel, der den grösseren Teil der Vorlesungen hielt, war zwar etwas weniger beeindruckend, aber als Mitglied des Rechtsdienstes der Kommission ist auch er ein absoluter Experte auf dem Gebiet.

 Die einzige Geschichtsvorlesung, die ich besuchte war eine Einführung in die Geschichte des Europäischen Kolonialismus, blieb aber viele seiner Versprechen schuldig und war für mich die grösste Enttäuschung. Daneben schrieb ich noch eine Seminararbeit nach den Richtlinien der Uni Zürich. Die verantwortlichen Stellen in Leuven waren in dieser Hinsicht äusserst hilfsbereit und ermöglichten mir so, ein Modul des Frühjahrssemester im Herbst zu buchen.

Die Vorlesungen laufen ähnlich ab wie in Zürich, werden aber nicht gefilmt und es gibt interessanterweise keinen festen Stundenplan. Demzufolge bestimmt der Dozent die Länge der Pause (es kam auch vor, dass ein Dozent zwei ganze Stunden durchzog) und ein reibungsloser Wechsel in die nächste Veranstaltung ist keinesfalls garantiert. Es gibt definitiv mehr zusätzliches Material zum Lesen als in Zürich. Ausserdem ging es in beiden Kursen viel weniger um den Umgang mit den Gesetzen (der wurde vorausgesetzt), sondern vielmehr um die Nuancen des Fallrechts; dies war speziell im CLEU der Fall, hat aber auch damit zu tun, dass die EU-Verträge relativ viele Lücken offen liessen und lassen, die der EUGH nach und nach füllte. Viele Prüfungen sind open-book und es wird weniger nach schemenhafter Falllösung gefragt, sondern vielmehr eine präzise Analyse anhand des Fallrechts. Mir hat dieser Stil gut gefallen, da er in meinen Augen ein tieferes Verständnis der Materie erfordert. Gerade der Kurs CLEU hat mir im Hinblick auf die EU und ihre Funktionsweise neue Perspektiven eröffnet. Ausserdem beziehen die Professoren oft die unterschiedlichen Entwicklungen/Systeme der EU-Mitgliedsstaaten mit in die Vorlesung ein. Das empfand ich als einen bereichernden Blick über den eigenen Tellerrand hinaus. 

Leben/Freizeit

Leuven ist mit etwas mehr als 100'000 Einwohnern etwa so gross wie Winterthur. Davon sind aber fast die Hälfte Studierende. Dementsprechend stark ist die Stadt auf ihre Hauptklientel ausgerichtet. Es gibt unzählige Cafés und Bars (der Oude Markt gilt als längste Bar Europas) und viele günstige Lokale für Mittagessen. Beim aktuellen Wechselkurs ist im Vergleich zur Schweiz allerdings praktisch alles billig. Während viele vom ausgezeichneten Ausgang schwärmen, fand ich denselben eher langweilig. Die Bars am Oude Markt sind unspektakulär, bieten zwar günstiges Bier, aber sind jeweils hoffnungslos überfüllt und die Studenten-DJ's spielen die Charts rauf und runter. Gute Clubs gibt es nicht - hierfür muss man nach Brüssel (etwa das Fuse) oder Antwerpen (Labyrinth) gehen. 

Weil die belgischen Studierenden über das Wochenende nach Hause gehen - das Geräusch der vielen Rollkoffer auf den Hauptstrassen in Richtung des Bahnhofs vergesse ich nicht so schnell - ist die Stadt am Samstag und Sonntag wie ausgestorben. Zurück bleiben die internationalen Studierenden sowie die Gymnasiasten. Zwar findet auch dann mit Sicherheit irgendwo eine Party statt, aber viele Geschäfte und Restaurants bleiben geschlossen. Damit bieten sich die Wochenenden geradezu an, um die berühmten flämischen Städte in der Region zu besichtigen. Lohnenswert sind auf jeden Fall Brüssel, Antwerpen, Gent und Brügge. Oostende selbst ist nicht schön, aber ein beliebter Badeort. Darüber hinaus ist Luxembourg in rund drei Stunden, Paris und London unter zwei Stunden entfernt. Die verschiedenen Studentenorganisationen bieten geführte Trips in die meisten dieser Städte an. Auch die hügeligen Ardennen, im Süden gelegen, sind ein beliebtes Ausflugsziel. Ich schloss mich dem Kring für Internationale Beziehungen für eine Besichtigung des ICC und ICJ in Den Haag an. Für die Ausflüge innerhalb Belgiens bietet sich der Go-Pass Belgien an. Für rund 50 Euro kann man so zehnmal eine beliebige Strecke fahren. 

Es mag einem vielleicht nicht so leicht erscheinen, Belgier kennenzulernen. Statt aber, wie das viele tun, auf belgische Eigenarten zurückzuführen, habe ich mich gefragt, wie viele Austauschstudenten ich in Zürich kennengelernt habe. Ich bewege mich dort in meinem eigenen Bekanntenkreis und mache meistens keine Anstalten, auf andere Menschen zuzugehen. Ähnlich tun das die Belgier hier. Es liegt also primär an dir, auf andere zuzugehen. Da ich Unihockey in einem belgischen Verein spielte, am Buddy-Programm teilnahm und ausserdem am an der KU Leuven angegliederten CLT einen Sprachkurs in Spanisch besuchte, kam ich mit relativ vielen Belgiern in Kontakt. 

Der vielleicht beste Weg um Leute kennenzulernen ist aber das Studentencafé Pangaea auf dem Campus der Sozialwissenschaften. Zentral gelegen, finden sich jeden Tag (ausser So) ab 12 Uhr jede Menge Studierende aus aller Welt dort ein, um ein Bier oder einen Kaffee zu trinken. Am Freitag und Samstag kann es dann auch richtig spät werden. Ich habe dort Studenten aus Rwanda, dem Kongo, Namibia, Uganda, Kasachstan, Schottland, England, Mozambique, Südkorea, China, Mexiko, den Niederlanden, Kolumbien, Spanien, Italien, Japan - kurz: von überall kennengelernt. Diese Begegnungen, die Gespräche und die gemeinsamen Erinnerungen zählen zum Schönsten, was ich aus diesem Semester mitnehmen werde.