Erfahrungsberichte

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Wer

steffifrei89[at]hotmail.com

Typus/Richtung

Erasmus - OUT

Jahr

14/15 WS

Universität

BE-LEUVEN01
Leuven - Katholieke Universiteit Leuven

Studienfach

Rechtswissenschaft (2000)

Gesamteindruck

Mein Aufenthalt in Leuven wird mir sehr positiv in Erinnerung bleiben. Die Stadt ist sehr gut auf internationale Studenten ausgerichtet, was einem das Leben auch ohne niederländische Sprachkenntnisse problemlos ermöglicht. Die Universität hat einen hervorragenden Ruf und verfügt über ein breites Angebot an verschiedenen Vorlesungen mit einem Schwerpunkt auf dem Europarecht. Wer einmal das richtige Studentenleben genießen will, offen für den Kontakt mit den verschiedensten Kulturen ist, einen Einblick in rechtliche Aspekte betreffend die EU erhalten und dabei seine Englischkenntnisse aufbessern möchte, dem kann ich einen Aufenthalt in Leuven nur empfehlen. 

Vorbereitung

Die Vorbereitungen für meinen Aufenthalt verliefen angenehmer als gedacht. Nachdem man sich für drei Wunschdestinationen entschieden und diese entsprechend priorisiert hat, beschränkt sich der administrative Aufwand an der UZH auf das Ausfüllen verschiedener Formulare, was bei genauem Hinsehen nicht wirklich schwer ist. Man sollte aber auf jeden Fall die angebotenen Informationsveranstaltungen besuchen, da man dort allfällige Fragen direkt mit den Koordinatoren oder auch den Mitstudenten diskutieren kann. Komplikationen beschränkten sich in meinem Anmeldeverfahren auf ein kleines Missverständnis von Seiten der KU Leuven, die mir die Information gegeben hatte, dass ich für den Aufenthalt ein Visum benötigen würde. Ein Telefonat klärte jedoch alles und die zuständige Stelle der KU Leuven behandelte mich sehr freundlich.

Für persönliche Vorbereitung blieb mir wenig Zeit. Dementsprechend verfügte ich bei meiner Anreise über mittelprächtiges Wissen sowohl über Leuven als auch über Belgien. Ich habe das jedoch als wenig schlimm empfunden, da man hier genug Zeit dafür hat, sich in aller Ruhe über das Land, die Stadt, die Kultur und die Uni zu informieren.

Ankunft

Meine Ankunft war eine kleine Odyssee. Da ich relativ viel Gepäck mitbrachte, entschied ich mich für die Hinreise per Zug - kein einfaches Unterfangen wenn man mit Koffern und Taschen bepackt ist. Aufgrund einer Verspätung verpasste ich prompt den Anschlusszug nach Brüssel und da die Reise nur mit Reservierung möglich war, durfte ich für eine neue Reservierung nochmals bezahlen. Es empfiehlt sich daher - besonders wenn man wie ich viel Gepäck dabei hat - falls möglich mit dem Auto anzureisen. Falls man etwas leichter unterwegs ist, ist Fliegen die wohl einfachste und schnellste Lösung, da der Flughafen Brüssel lediglich ein 15 minütige Zugreise von Leuven entfernt ist. Man sollte sich jedoch im Vornherein über die Verbindungen in Brüssel informieren. Brüssel verfügt über  drei verschiedene Bahnhöfe, die aufgrund der Zweisprachigkeit Belgiens verschiedene Namen haben. Ebenfalls nicht zu verwechseln ist Leuven mit der Destination Louvain-la-Neuve, welche im wallonischen Gebiet Belgiens liegt. Mit ein bisschen vorab Information sollte die Hinreise jedoch problemlos klappen.

Da ich mein Zimmer bereits im Voraus gemietet hatte, konnte ich nach meiner Ankunft gleich einziehen und musste keine Zeit für die Wohnungssuche aufwenden. Meine erste Woche konnte ich somit in Ruhe dem Entdecken der Stadt, dem Einkaufen von Haushaltsgegenständen und der administrativen Anmeldeprozedur vor Ort widmen. Die KU Leuven ist sehr gut auf eine grosse Anzahl internationaler Studenten ausgerichtet. Dasbringt den Vorteil mit sich, dass die Abläufe einfach und klar, jedoch leider auch sehr zeitintensiv sind. Man sollte daher vor allem für die Anmeldung beim Einwohneramt bei der Stadt früh dran sein oder sich auf mehrstündiges Schlangenstehen und Warten einrichten. Falls man es sich einrichten kann, sollte man die von der KU Leuven angebotene Orientation-Week besuchen. Man lernt dabei nicht nur sehr viel nützliches über das Wie, Wo und Was in Leuven sondern erhält auch die Gelegenheit mit anderen Studenten sowie dem Fakultätsverein in Kontakt zu kommen. 

Es empfiehlt sich ausserdem, sich eine belgische SIM Karte zuzulegen. Ich wählte den Anbieter Mobile-Vikings (https://mobilevikings.be/en/) und war damit sowohl betreffend Leistung als auch Benutzerfreundlichkeit absolut zufrieden. 

Zimmersuche
Wohnen

Ich wohnte in einem Studio mit eigenem Bad und eigener kleiner Küche, worüber ich sehr froh war, da ich mich auch mal zurückziehen konnte. Die meisten Studenten wohnen jedoch in Studentenwohnheimen wo Bad und Küche in der Regel geteilt werden. Dies ist sicher eine gute Lösung, wenn man etwas kostengünstiger wohnen möchte und sich über den zusätzlichen Sozialkontakt freut. Man sollte jedoch darauf vorbereitet sein, dass nicht immer alles so sauber ist, wie man es sich möglicherweise gewohnt ist.

Grundsätzlich muss man seine Ansprüche an das Wohnen herunterschrauben. Das Gebäude in dem ich wohnte wurde vor 2 Jahren komplett renoviert und dennoch liessen sowohl die Isolation, die Belüftung als auch die Heizung merklich zu wünschen übrig - was nicht besonders angenehm ist, wenn draussen eisige Kälte herrscht. Ausserdem bekam ich unfreiwillig alle Geräusche meiner Nachbarn mit über und da die Belgier ja nur unter der Woche in Leuven verweilen und diese Zeit nicht unbedingt zum Studieren nützen, sollte man sich das Schlafen mit Ohrstöpsel besser zu früh als zu spät angewöhnen. Von der Lage her empfiehlt es sich, eine Wohnmöglichkeit innerhalb des Ringes zu suchen. Ich war mit der Lage meiner Wohnung sehr zufrieden, da sie sich noch innerhalb des Ringes befand, jedoch auch in unmittelbarer Nähe zu einem grossen Supermarkt und dem Sportcentrum lag. So konnte ich mir das beinahe obligatorische Velo sparen, was ich im Hinblick auf das belgische Herbst- und Winterwetter nicht unbedingt bereut hatte. 

Ich hatte mein Zimmer bereits vor meiner Anreise gebucht, da ich den den Eindruck hatte, dass es beinahe unmöglich sei kurz vor Semesterbeginn noch ein Zimmer zu finden. Das stimmt jedoch nicht. Es ist kein Problem ohne eine Bleibe anzureisen und sich dann via Housing Service der Uni ein Zimmer zu suchen. Ausserdem kann man auf Facebook bereits vor der Ankunft Mitglied in verschiedenen Gruppen (ESM Leuven, Pangae usw.) werden, die auch als Plattform für die Zimmersuche genutzt werden können. 

Man sollte sich jedoch im Vornherein darüber erkundigen in wie fern die Unterkunft möbliert und eingerichtet ist. Ich musste beispielsweise eine Matratze und Küchenutensilien kaufen und meine Ankunft dementsprechend planen. 

Universität

Die Universität verfügt über einen exzellenten Ruf - gerade betreffend Europarecht - und bietet eine sehr grosse Auswahl an Fächern. Ich habe mich für die Constitutional Law of the European Union, European Family Law, Regulation of Financial Services in Europe und Law of the World Trade Organisation entschieden. Ausserdem besuchte ich eine ausserfakultäre Vorlesung über die Geschichte von Belgien und Holland. Mir persönlich hat meine Wahl zugesagt, da ich Einblicke in verschiedene Gebiete des Europarechts aber auch in das internationale Handelsrecht erhielt und durch die Geschichtsvorlesung auf lockere Art viel über das Land erfuhr in dem ich lebte.

Die Vorlesungen finden in einem intimeren Rahmen als in Zürich statt, man muss aber keine Angst haben wenn man nicht zu der interaktiven Sorte von Student gehört, da einem die Professoren sehr selten unaufgefordert aufrufen. Die Atmosphäre an der Uni ist lockerer als in Zürich. Die Professoren sind in der Regel immer zu spät und bei technischen Defekten wird einfach etwas improvisiert. Ich fand dies nicht schlimm, jedoch erstaunte es mich in Anbetracht des Rufes der Uni doch etwas. Die Anzahl Studenten pro Vorlesung ist bedeutend kleiner als in Zürich, wodurch man immer einen Sitzplatz zur Verfügung hat. Dies gilt jedoch nicht für die Lernplätze in der Bibliothek. Wer nicht zuhause lernen kann oder will, muss somit zum Frühaufsteher geboren sein oder in der Prüfungsphase dazu mutieren. Plätze reservieren geht gar nicht und ist sehr ungern gesehen. 

Da sich der Prüfungsstoff auf das in der Vorlesung Behandelte beschränkt, empfiehlt es sich, die Vorlesungen auch wirklich zu besuchen und auch vorzubereiten. Das gesamte Europarecht ist sehr stark auf Case Law ausgerichtet und Kenntnis der zahlreichen Entscheid wird vorausgesetzt. Hat wenn man die Entscheide im Voraus nicht wenigstens überflogen, bleibt einem der Inhalt der Vorlesung of schleierhaft und man muss somit kurz vor den Prüfungen unnötig viel wertvolle Zeit für das Lesen und Verstehen der Entscheide aufwenden. Anwesenheit lohnt sich somit nicht nur, weil man ein besseres Verständnis für die Kernpunkte des umfangreichen Materials erhält sondern auch, weil einige Professoren ihre Vorlesungen noch immer im klassischen Sinn halten und über keine Power Point Präsentation - geschweige denn Pod-Casts verfügen. Ausserdem verbesserte der regelmässige Besuch der Vorlesungen meine Englischkenntnisse und ich konnte allfällige Fragen mit Mitstudenten besprechen.

Die Vorbereitung für die Prüfung war aufgrund des grossen Leseumfangs relativ zeitintensiv. Man kann sich jedoch auf faire Prüfungen einstellen, bei denen man auch mal die Zeit dazu hat, seine Antworten schön zu formulieren und zu strukturieren.

Leben/Freizeit

Leuven ist durch und durch Studentenstadt und dementsprechend ist das Freizeitangebot auf Studenten ausgerichtet. Im Zentrum - dem Grote Markt und dem Oude Markt - reihen sich die Bars aneinander und man kann nach Lust und Laune ausgehen. Die Belgier fahren jedoch allesamt am Wochenende nach Hause und die Stadt ist dementsprechend von Freitag bis Sonntag wie ausgestorben. Wer unter der Woche etwas zu viel gefeiert hat, kann sich dementsprechend am Wochenende erholen oder sich dem Studium widmen. Ich persönlich bin kein grosser Fan von übermässigen Trinkgelagen und hielt mich daher von den zahlreichen durch die verschiedenen Fakultätsvereine organisierten und auf das Trinken ausgerichteten Aktivitäten fern. Jedoch wurde mir nicht langweilig. Die KU Leuven verfügt über eine exzellente Sportanlage und ein riesiges Sportangebot, von dem ich rege und begeistert Gebrauch machen konnte. Ausserdem fand ich es ganz angenehm etwas mehr Zeit für mich selbst zu haben und hatte sehr guten Kontakt mit gleichgesinnten internationalen Studenten. Wer jedoch aktiver am richtigen Studentenleben teilnehmen möchte, kommt hier voll auf seine Kosten.  

Belgien hat mich persönlich als Land sehr positiv überrascht und es lohnt sich absolut die umliegenden Städte wie beispielsweise Brüssel, Brügge und Antwerpen zu besuchen. Wer offen und interessiert ist für die Kultur und Geschichte dieses Landes im Herzen Europas, dem wird sehr viel geboten und und auch das Kulinarische kommt bei Besuchen in Bierbrauereien oder bei Schokoladenherstellern nicht zu kurz. Ausserdem liegen Städte wie Paris, Amsterdam oder Aachen in unmittelbarer Nähe und können bequem mit dem Zug erreicht werden.

So positiv ich vom Land, so negativ war ich teilweise von seinen Einwohnern überrascht, da ich vor allem in Restaurants, Bars, Cafés oder Einkaufsläden oft sehr unfreundlich behandelt wurde. Auch scheinen viele der eher jungen Studenten kein Mass zu kennen, wenn es ums Trinken geht und ich hatte auf dem nächtlichen Heimweg die eine oder andere unangenehme Begegnung mit einer Gruppe betrunkener Studenten. Ich liess mir davon aber nicht die Laune verderben und da ich über sehr guten Kontakt mit anderen internationalen Studenten verfügte, machte mir der beinahe nicht vorhandene Kontakt mit belgischen Studenten auch nichts aus.