Erfahrungsberichte

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Wer

adrian_jacob[at]gmx.de

Typus/Richtung

Austausch - OUT

Jahr

13/14 WS

Universität

CN-
Shanghai - Fudan University

Studienfach

Volkswirtschaftslehre (3020)

Gesamteindruck

Ein Auslandssemester in Shanghai ist natürlich eine ganz andere Hausnummer als Ziele in den USA oder Europa. Jeder der sich für Shanghai oder ähnliche Destinationen entscheidet fährt ein relativ hohes Risiko, da der Kulturschock extrem ist und vieles, von Essen bis Zusammenleben grundsätzlich in Frage gestellt wird.

Ich hatte eine wunderbare Zeit, in der ich nicht einen Moment, an meiner Entscheidung nach Shanghai zu gehen, gezweifelt habe. Neben den enormen Möglichkeiten die sich einem persönlich in diversen Richtungen auftun, war es schlichtweg anders in einer Stadt zu leben, die einem, wie keine Zweite, das Gefühl vermittelt sich am Puls der Zeit zu befinden.

Vorbereitung

Es ist definitiv von Vorteil sich zu minntest ein wenig mit der Sprache im Voraus vertraut zu machen. Die alltäglichen Interaktionen werden dadurch nicht nur um einiges einfacher, sondern auch angenehmer. Anders als in unserer Hemisphäre, erwarten die Chinesen in Shanghai nicht von den zugezogenen Ausländern Chinesisch zu lernen, geschweige denn sich zu integrieren. Daher freut es die meisten um so mehr, wenn man, unabhängig vom Sprachvermögen, versucht es in jeder beliebigen Situationen einzubringen. 

Mein Tipp, an alle, die diese Erfahrung auf die Spitze treiben wollen, ist, für die absoluten Basics, den Shanghaier Dialekt zu lernen. Ihr werdet von den Reaktionen überrascht sein. 

Was das Visum angeht, scheinen sich die Bedingungen momentan im drei Monatstakt zu ändern, da sich gegenwärtig das gesamte Reglement in einer Übergangsphase befindet. Daher solltet ihr euch auf viele widersprüchliche Informationen von verschiedenen Quellen gefasst machen. 

Was ich bei vielen Freunden, wie auch bei mir selber, bei der Abreise beobachtet habe waren ewige Stunden lästiges Gepäckwiegen, um Übergewicht zu vermeiden. China ist im Vergleich zu der Schweiz verdammt günstig und falls ihr beim Kofferpacken unsicher sein solltet, nimmt besser zu wenig als zu viel mit. Unabhängig vom Essen könnt ihr euch alles in Shanghai ohnehin besorgen, was es in Zürich auch gibt. Es nimmt vielleicht machmal nur ein wenig mehr Zeit in Anspruch die entsprechenden Sachen zu finden.

Ankunft

Allein um sich eine Wohnung oder ein Zimmer zu suchen, wäre es hilfreich ein bis zwei Wochen vor Semesterbeginn in Shanghai zu landen. Das gibt einem die Möglichkeit sich im Voraus mit der Stadt und den Bewohnern vertraut zumachen. Nebenher kann man auch für sich selber abtasten, in welchen Teilen der Stadt man sich am besten aufgehoben fühlt, da Shanghai, wenn auch auf den ersten Blick vielleicht nur überdimensional und monoton wirken sollte, sehr viele verschiedene Gesichter aufbietet. Im Prinzip gilt, was für viele andere Städte auch hält, dass unterschiedliche Stadtteile unterschiedliche Bedürfnisse besser abdecken können.

Darüber hinaus würde ich euch empfehlen, nach der Ankunft in ein Hostel anstelle eines Hotel einzuchecken, unabhängig vom Kostenfaktor, ist die Atmosphäre wesentlich entspannter und man lernt dadurch erheblich schneller neue Leute kennen. Darunter werden sich auch viele befinden, die ebenfalls kurz vor Semesterbeginn auf der Suche nach einer Wohnung sind. 

Zimmersuche
Wohnen

Anders als die Studentenwohnheime für Chinesen, ist das Studentenwohnheim für Ausländer, wenn auch um einigest komfortabler, nicht wesentlich günstiger im Vergleich mit einer WG in der Nähe der Uni oder im Stadtzentrum.  Ich habe ebenfalls einige Kommilitonen kennen gelernt, die sich für einen monatlichen Festpreis in einem Hotel eingemietet haben. Die monatliche Miete war dann meist massgeblich vom Verhandlungsgeschick der Mieter abhängig. Was man ebenfalls bei diversen Agenten bei der Wohnungssuche braucht. Es kann hier bei durchaus hilfreich sein mehr als einen Agenten mit der Suche der gewünschten Wohnung zu beauftragen, da sich viele deutlich im Preis und Angebot unterscheiden. Oft lassen sich deren Büros unweit von den Wohnblocks finden. 

Was die Entscheidung, ob Nähe Campus oder Innenstadt betrifft, solltet ihr euch vorher im Klaren sein, wie ihr euren Aufenthalt gestalten wollt. Jene die sich mehr für das Studentenleben und weniger für das Stadtleben interessieren und vor allem morgens lieber noch eine Stunde länger schlafen wollen, sollten sich definitiv in der Nähe vom Campus umsehen. Allen anderen rate ich dazu, sich in der Innenstadt irgendwo entlang der Metro Linie 10 auf die Suche zu machen. Meiner Meinung nach ist ein Shanghai zu aufregend und die Zeit zu knapp um sich mit der drohenden Gefahr zu konfrontieren, aus Bequemlichkeitsgründen, nur am Wochenende in die Stadt zu gehen. Auch wenn mein Raster nicht wirklich repräsentativ sein sollte, so habe ich im Nachhinein nur Klagen von Freunden gehört, die sich im oder neben dem Campus niedergelassen haben. 

Universität

Aus meiner Perspektive hat sich besonders das theoretische Niveau der Unterrichtsfächer, in den auf Englisch unterrichteten Kursen im Bachelor, unter jenem, vergleichbarem Angebot, der Universität Zürich befunden. Auch hat mich oft die Auslegung von wissenschaftlichem Arbeiten meiner Kommilitonen in Gruppenarbeiten ins Staunen versetzt. Falls sich also Fussnoten ohne weitere Funktion in gemeinsamen Texten aus Gruppenarbeiten wiederfinden werden, solltet ihr euch nicht wundern, da Copy & Paste durchaus an vielen anderen Universitäten dieser Welt gängige Praxis ist. Fühlt euch also ermutigt, besonders Mitstudenten mit Sprachproblemen, im Voraus Unterstützung anzubieten, nicht nur um den Willen der Gruppendynamik sondern auch um Plagiatsvorwürfen vorzubeugen, da ein Grossteil der Professoren ebenfalls aus unterschiedlichen Teilen dieser Erde stammt. 

Was mir speziell an der Fudan gefallen hat, war der lebendige Unterricht. Auch wenn meine drei Kurse, Conflict Resolution and International Negotiations, Commercial Banking Management, Economics of Development, inhaltlich recht verschieden waren, legten die Professoren in allen Kursen einen grossen Wert auf die kritische Auseinandersetzung mit den Lehrinhalten. Unterstützt durch die multikulturellen und überschaubaren Klassenstrukturen war die aktive Beteiligung und gegenseitige Erfahrungsaustausch der Studenten untereinander zentrales Element aller Kurse. Am Beispiel vom Kurs, „Conflict Resolution and International Negotiations“, hatten wir in der ersten Midterm-Klausur spontan die Möglichkeit, sie in zweier Gruppen zu lösen. Die finale Klausur wiederum bestand aus der Anwendung der erlernten Techniken in einer Verhandlung zweier, gegnerischen Gruppen, im Kontext eines aktuellen Konfliktes.   

Im Kontrast zum überwiegend ermüdenden Frontalunterricht aus meiner Vergangenheit, boten die Essays, Vorträge und Gruppenarbeiten, neue Möglichkeiten, mir Wissen anzueignen und mich im Unterricht zu engagieren.

Leben/Freizeit

Shanghai hat ein unglaubliches Angebot an Freizeitmöglichkeiten. Von Ausstellungen und Galerien jeglicher Art, über Restaurants aus aller Welt, bis Clubs in tausend verschiedenen Richtungen. Dem einzigen Problem, dem Freizeitbegeisterte in Shanghai oft gegenüber stehen, ist die Frage: Was, wann, wo stattfindet?. Besonders bei den unzähligen Clubs entscheidet der Tag, der Zeitpunkt oder das Event ob es die Party deines Lebens oder eine Drei-Gäste-Veranstaltung sein wird. Auch wenn Webseiten wie Smart Shanghai oder ähnliches einen recht guten Überblick verschaffen können, ist eine der wichtigsten Empfehlungen von mir an all jene, die sich nicht in der Expat-Community verlieren wollen, sich mit den Eingeborenen anzufreunden und sich von ihnen an die Ort mitnehmen zulassen, die keine Adresse auf Englisch im Internet haben.