Erfahrungsberichte

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Wer

lholderegger[at]hotmail.com

Typus/Richtung

Austausch - OUT

Jahr

13/14 WS

Universität

CN-
Shanghai - Fudan University - School of Management

Studienfach

Betriebswirtschaftslehre (3010)

Gesamteindruck

 Das Austauschsemester an der Fudan University, Shanghai war für mich eine exklusive Chance, welche mich intellektuell und persönlich weitergebracht hat. Die Kurse an der School of Management beinhalteten viele Case Analysen und waren dementsprechend stark praxisorientiert Das Arbeiten und Diskutieren in multikulturellen Gruppen festigte meine Teamfähigkeit. Die vermittelten Inhalte an der Universität kombiniert mit dem Standort Shanghai als Wirtschsaftsmetropole ermöglichten es mir, tiefe Einblicke in die chinesische Wirtschaftswelt zu erlangen. Persönlich konnte ich meinen Erfahrungshorizont durch das Leben in einer mir vorher unbekannten Kultur beträchtlich erweitern.

Vorbereitung

Ich musste relativ lange abwarten, bis ich die definitive Zusage der School of Management bekam und mit dem Anmeldeprozess und der Kursauswahl beginnen konnte. Danach ging alles sehr schnell. Die verlangten Formulare mussten per Email und per Post nach Shanghai geschickt werden. Die meisten Unterlagen waren jedoch schon griffbereit, da sie auch zur Bewerbung für ein Auslandsemester von der Universität Zürich verlangt wurden.

Ein halbes Jahr vor meiner Abreise, habe ich mit einem Mandarin Anfängerkurs an der Migros Klubschule begonnen. Die Basiskenntnisse in Mandarin vereinfachten mir das Einleben in Shanghai sehr, denn die Bevölkerung in Shanghai spricht kaum Englisch. 

Ankunft

Ungefähr 10 Tage vor Studienbeginn bin ich in Shanghai angekommen. Für die ersten paar Nächte habe ich im „The Phoenix Hostel“ (nahe Peoples Square) übernachtet, welches ich sehr empfehlen kann. Am zweiten Tag habe ich mir eine chinesische Simkarte und ein Prepaid Abo bei China Mobile gekauft und danach gleich das App „WeChat“ heruntergeladen. WeChat ist in China allgegenwärtig und stellt ein Pendant zum westlichen „Whatsapp“ dar. In China läuft ein grosser Teil der mobilen Kommunikation über WeChat. Bei der Wohnungssuche stellte WeChat das wichtigste Kommunikationsmittel zu den Agenten dar. 

Zimmersuche
Wohnen

Zuerst stellte sich für mich die Frage, ob ich auf den Universitäts Campus ziehen oder selber eine WG im Stadtzentrum suchen soll. Ich habe mich für Letzteres entschieden und war im Nachhinein sehr froh darüber. Die meisten IMBA Austausch- Studierende haben sich eine WG im Zentrum gesucht und sich für ein Leben im pulsierenden Herzen der Stadt entschieden. Die Universität ist ein wenig ausserhalb lokalisiert. Zu berücksichtigen gilt, sich eine Unterkunft nahe der Metro Linie 10 zu suchen, da diese Linie die Haltestelle der Fudan University bedient. Ich habe im Compound an der Renmin lu 777 gewohnt und würde sofort wieder dieselbe Wahl treffen. Der Compound liegt direkt (1 Minute zu Fuss) an der Station „Yuyan Garden“, Metro Linie 10. Die Monatsmiete für mein Zimmer in einer fünfer WG, ohne Nebenkosten, betrug 2700 RMB (ca. 415 Fr.). Die Wohnung befand sich jedoch in einem renovationsbedürftigem Zustand. Preislich unterschied sich mein WG-Zimmer aber nicht gross von einem Zimmer auf dem Universitäts-Campus. Auf Wohnungssuche geht man am besten über Smartshanghai.com oder über Facebookgruppen. Generell hatte ich den Eindruck, dass das Preis-Leistungsverhältnis an dieser Lage besser war als mitten am People Square oder in Xintandi. Das grosse Bevölkerungswachstum liess die Wohnungspreise stark in die Höhe schnellen.

Die Wohnungssuche stellte sich als eine grosse Herausforderung heraus. Teilweise habe ich bis zu vier Wohnungen pro Tag besichtigt. Wenn einem ein Apartment gefällt, sollte der Vertrag schnell abgeschlossen werden. In Shanghai ist eine mündliche Zusage nicht viel wert, solange kein Geld geflossen ist. Es gilt zu wissen, dass über die Wohnungsmiete und andere Bedingungen verhandelt werden kann. Man sollte versuchen, sich nicht für länger zu verpflichten, als man in der Wohnung bleiben möchte. In unserer Wohnung konnte ich genau einen Monat vorher auf einen beliebigen Tag kündigen und musste auch keinen Nachmieter suchen. 

Universität

Das Einschreibeverfahren und der Visumsantragsprozess an der Universität hat sich für uns Austauschstudierende als kleiner Hürdenlauf herausgestellt. Viele Formalitäten mussten ausgefüllt und beglaubigt werden. Der Informationsfluss zwischen dem International Office und den Austausschstudierenden via Email funktionierte teilweise nicht. So wurden wir zum Teil falsch oder zu spät über bevorstehende Termine und Prozesse informiert, was einiges verkomplizierte und zeitaufwändig war. Dies waren aber die einzigen Unannehmlichkeiten.

 Leider gab es an der Fudan University kein Angebot um Chinesisch zu lernen. Nach längerem Suchen habe ich mich für die Sprachschule „Tea, Coffee, Mandarin“ entschieden. Zu zweit haben wir Privatunterricht genommen und insofern stark profitiert, weil wir den Unterrichtsstoff mitbestimmen konnten (Essen bestellen, Orientierung, Einkaufen etc.). Das Gelernte konnte ich demzufolge im Alltag anwenden und es half mir, der chinesischen Kultur näher zu kommen. Die täglichen Smalltalks mit den Taxifahrern und Verkäufern waren eine echte Bereicherung für mich.

 Bezüglich Unterrichtsmethoden unterschieden sich die IMBA Kurse an der Fudan University stark von den Fächern die ich bis jetzt an der Universität Zürich besucht hatte. Die Lehre an der Universität Zürich ist im Vergleich zur Fudan University stärker Theorie basiert. Das IMBA Programm der Fudan University legte grossen Wert auf Praxisbezug. Wir behandelten die unterschiedlichsten Cases über westliche und chinesische Unternehmen. Zudem wurde ein grosser Teil des Unterrichts interaktiv gestaltet. Diese Unterrichtsform eignete sich dank den relativ kleinen Klassen gut. Während des Semesters besuchte ich die Fächer „Marketing Research“, „Project Management“, „Multinational Financial Management“, „Competition Strategies in the Networked Economy“ und „Business Models Comparison between Multinational and Local Enterprises“.

Die Notengebung setzte sich häufig aus in Gruppen erarbeiteten Präsentationen und Case Analysen zusammen. Zum Abschluss des Kurses wurde mehrheitlich die Einreichung einer individuellen Arbeit verlangt, welche 30 % - 60 % zur Endnote zählte. Dafür gab es nur in einem von fünf Fächern eine Abschlussprüfung. Generell konnte ich stark vom Arbeiten in multikulturellen Gruppen profitieren sowie neue Einblicke in die chinesische Wirtschaftswelt gewinnen.

Leider wurden von der Fudan University fast keine Anlässe für IMBA Austauschstudierende organisiert. Ein Netzwerk musste man sich deshalb selber schaffen. Mitte des Semesters wurde aber eine Firmenbesichtigungstour nach Ningbo angeboten. Die Besuche von verschiedenen Produktionsstätten sowie die anschliessenden Gespräche mit der Geschäftsleitung waren höchst interessant. 

Leben/Freizeit

Von meiner WG an der Renmin lu hatte ich Ausblick auf die Skyline Shanghais. Auf der anderen Seite war unser 16 stöckiger Wohnkommplex in mitten eines alten Wohnquartieres angesiedelt. Ein Spaziergang durch die kleinen Gässchen erinnert noch stark an das ursprüngliche China. Aber die unzähligen Baustellen zeigen, wie stark die Stadt im Wandel ist.                                                

Auch wenn Shanghai eine riesige Stadt ist, findet man sich schnell zurecht. Das moderne Metronetz wird fortlaufend ausgebaut und bedient alle wichtigen Stadtgebiete. Nach 22 Uhr fährt die Metro häufig nicht mehr, aber dafür gibt es in der Regel unzählige Taxis, die einem schnell und preisgünstig an das gewünschte Ziel bringen. Ich hätte nie gedacht, dass sich die Fortbewegung in Shanghai so einfach gestalten würde. Grosse Vorsicht ist beim Überqueren der Strassen zu walten, da keine Vortrittsregeln für Fussgänger gelten.  

Das einzig Negative an meinem Aufenthalt in Shanghai stellte für mich die schlechte Luftqualität dar. Im Dezember 2013 stiegen die Smogwerte auf sehr bedenkliche Werte an. Von September bis November war die Luftqualität zum Glück viel besser. 

Ansonsten war dieser Aufenthalt eine einmalige Erfahrung. Im Nachhinein würde ich mich für Vieles nochmals genau gleich entscheiden. Ein Aufenthalt in China ermöglicht einem Einblicke in eine fremde Kultur, wie es einem als normaler Tourist verborgen bleibt. Im Vergleich zu einer Destination in der westlichen Welt, würde ich einen Aufenthalt in Shanghai als eine grössere Herausforderung beschreiben. China ist ein Land, in welchem vieles völlig anders abläuft als man es sich gewöhnt ist. Für mich hat sich diese Herausforderung aber durchaus gelohnt. Ich habe viel über eine mir vorher fremde Kultur gelernt und meinen Erfahrungshorizont dementsprechend stark erweitern können. Zukünftigen Austausstudierenden rate ich ohne Vorurteile – mit einer grossen Bereitschaft Neues entdecken zu wollen – nach China zu reisen. So eröffnet es einem die wunderschönsten Einblicke und Chancen. Shanghai – eine sehr lohnenswerte Destination.