Erfahrungsberichte

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Wer

thomas.lehmann[at]uzh.ch

Typus/Richtung

Austausch - OUT

Jahr

13/14 WS

Universität

CL-
Santiago - Universidad Adolfo Ibáñez

Studienfach

Volkswirtschaftslehre (3020)

Gesamteindruck

Ein Austauschsemester in Chile kann ich wärmstens empfehlen. Es lohnt sich auf jeden Fall den zusätzlichen Aufwand auf sich zu nehmen und über den Tellerrand des Erasmus-Abkommens hinauszuschauen. Jedoch möchte ich vorwegnehmen, dass Chile keineswegs so exotisch ist, wie es sich viele Schweizer vielleicht vorstellen. Von allen Länder Südamerikas ist es mit Abstand am stärksten von Europa und speziell von den Staaten beeinflusst. Insbesondere in den wohlhabenderen Vierteln Santiagos fühlt man sich wie in einer beliebigen europäischen Grossstadt. Andererseits haben die Chilenen aber auch ihre eigene Kultur und Lebensweise entwickelt, so dass ein längerer Aufenthalt im Land sehr bereichernd sein kann. Der Einfluss Amerikas hat auch seien Vorteile: Sämtliche meiner Professoren promovierten an angesehenen amerikanischen Universitäten, das Niveau der Lehre ist demzufolge respektabel und in Santiago muss man sicherlich nie auf den gewohnten Komfort verzichten. Sämtliche folgenden spezifischen Angaben beziehen sich auf das Programm „Magister en Economia y Politicas Publicas“ (Campus Peñalolen in Santiago), andere Programme werden in Viña del Mar (2h von Santiago) gelehrt. Wenn du in deinem Studiengang wählen kannst, empfehle ich nach Viña zu gehen.

Vorbereitung

Da es sich um ein Abkommen der Universität Zürich handelt, muss der Bewerber dem standardisierten Bewerbungsprozess folgen. Die notwendigen Schritte sind auf der Website des International Offices nachzulesen und es wäre überflüssig diese hier aufzulisten. Gerne möchte ich allerdings anmerken, dass es sich auf jeden Fall lohnen wird, etwas mehr Mühe auf sich zu nehmen und ein sehr gutes Bewerbungsdossier zu erstellen.
Sobald du nominiert bist, musst du dich bei der UAI nochmals bewerben. Normalerweise handelt es sich hierbei um eine Formsache, da nominierte Kandidaten selten zurückgewiesen werden. Bei mir machte das IO der UAI aber Probleme, da ich kein Diplom über meine (inexistenten) Spanisch-Kenntnisse verfügte. (Für das Bachelorprogramm braucht es angeblich kein Diplom, für gewisse Masterprogramme allerdings schon. Als ich vor dem Bewerbungsprozess nachfragte, hiess es allerdings, dass man an der UAI im allgemeinen kein Diplom bräuchte.) Das IO der UAI möchte, dass die Kommunikation bis zur Nominierung über das IO der UZH läuft. Im Allgemeinen ist es empehlenswert, zweimal nachzufragen.

Es wird beispielsweise ein Studentenvisum verlangt, welches nur in der Botschaft des Heimatlandes beantragt werden kann. Dazu benötigst du:
- Antragsbrief mit kurzer Begründung;
- Bestätigungsschreiben der akademischen Institution, in welcher der Antragsteller studieren will;
- Fotokopie des gültigen Reisepasses;
- Fotokopie der Aufenthaltsbewilligung für die Schweiz (nur bei Ausländern);
- Buchung von Hin-und Rückflug;
- Arztzeugnis nicht älter als einen Monat;
- Auszug aus dem Strafregister nicht älter als einen Monat;
- Ein farbiges Passfoto;
- Ausgefülltes und unterschriebenes Antragsformular.
Das Visum kostet 100 CHF, zusätzlich müssen die Kosten für die Fahrt nach Bern, das Arztzeugniss (ca 150) und den Strafregisterauszug (ca25.-) beachtet werden. In Santiago müsst ihr zur Ausländerpolizei und mindestens zweimal auf Registro Civil um das Visum zu „aktivieren“, was mehrere Stunden anstehen bedeutet. Dafür dürft ihr bis zu sechs Monaten im Land bleiben und könnt eine chilenische Studentenkarte beantragen, mit der ihr den öffentlichen Verkehr vergünstigt benutzen könnt. Meine Legi kam allerdings erst zu Ende des Semesters und andere Austauschstudenten berichten von mindestens einem Monat Wartezeit. An der Uni fragte mich niemand nach dem Visum und mir sind keine Vorteile bekannt, ein solches zu beantragen. Um die maximale Aufenthaltsdauer (90 Tage) als Tourist zu verlängern, empfiehlt sich ein Wochenendtrip ins malerische Mendoza in Argentinien (5h) Andere Austauchstudenten hatten kein Visum, ich empfehle allerdings dringend die rechtliche Situation vogaengig abzuklaheren.

Weiter empfehle ich, mindestens einen Monat vor Studienbeginn nach Santiago zu reisen um sich einerseits mit der Stadt bekannt zu machen und sich an das Chilenische „Spanisch“ zu gewöhnen. Selbst Spanier und Mexikaner sagten mir, dass sie einige Wochen benötigten, bis sie sich gut verständigen konnten. Ich selbst brauchte gut zwei Monate ;-)

Ich würde die Anrechenbarkeit von Kursen vorher und auf Vorrat abklären, da diese erst zu Semesterbeginn definitiv feststehen. Das Abmelden und wechseln von Kursen war in meinem Fall kein Problem.

Ankunft

Direktflüge nach Santiago werden von Zürich zurzeit nicht angeboten. Mögliche Zwischenstopps sind Paris, Madrid, Atlanta, Buenos Aires, etc.).Ich flog mit Delta über Atlanta und bezahlte ca. 1300 CHF. Vom Flughafen kann man ein Sammeltaxi (ca 12CHF) ins Center nehmen oder den öffentlichen Verkehr benutzen.

Zimmersuche
Wohnen

Ich empfehle, zuerst einige Tage in einem Hostel / AirBNB zu wohnen und sich genügend Zeit für die Zimmersuche zu nehmen. Santiago ist gross (7 Millionen Einwohner), und die einzelnen Barrios sehr verschieden. Wo du lebst wird stark dazu beitragen, was du während deinem Austauschsemester erlebst. Die Sache ist allerdings kompliziert. Der Campus befindet sich ein wenig ausserhalb der Stadt in Peñalolen. Dort wohnen willst du nicht. Deine Mitstudenten werden fast ausschliesslich in den wohlhabenden Quartieren / Suburbs der Stadt mit deren Eltern leben und mit dem Auto zur Uni fahren. Vom Center braucht du ca. 1.5 Stunden mit der Metro und einem speziellen Uni-Bus, der die Studenten an der letzten Metrostation einsammelt. Wenn du nicht bloss schlafen und lernen willst, empfehle ich, den langen Anfahrtsweg auf sich zu nehmen und in Providencia oder Centro zu wohnen. Insbesondere die Barrios Bellavista, Brazil und Lastaria sind sehr lebendig. Ich wohnte in einer WG in Bellavista und konnte dank meines Motorrades den Anfahrtsweg auf ca. 30 Minuten verkürzen. Auf www.compartodepto.cl findest du Wohnungen und WG-Zimmer. Rechne mit ca. 400 CHF für ein gutes WG-Zimmer, es geht aber sicher auch günstiger. 

Universität

In dem Masterstudiengang waren wir jeweils zwischen 6 und 22 Studenten pro Vorlesung. Vorlesungen an der UAI sind mit Seminaren an der UZH vergleichbar. Das Verhältnis zwischen Professoren und Studis ist sehr kollegial. Der Unterricht ist hervorragend, sehr offen gestaltet und Diskussionen werden aktiv gefördert. Es werden sehr praxisorientiert jeweils die neusten und bedeutendsten Papers jedes Faches diskutiert, wobei der Fokus zum Teil etwas stark auf Chile gelegt wird. Allgemein gilt die UAI als Kaderschmiede und der MEPP richtet sich auf den öffentlichen Sektor aus. Der MEPP ist ein volkswirtschaftliche Vertiefung für Businessstudenten. Daher sollten dir die theoretisch / mathematischen Fächer als UZH VWLer nicht all zu schwer fallen. Allerdings werden zum Teil aber auch Vorkenntnisse in Fächern wie Soziologie vorausgesetzt. Suche das Gespräch mit den Professoren und lies die Syllabi gut, um ein Bild von Anforderungen und Inhalt der Vorlesungen zu bekommen. Die Kurse sind fast alle sehr Lese- und Schreib-intensiv. Für fast jede Klasse muss man ein oder zwei Paper (zum Glück oft auf Englisch) lesen und übers Semester mindestens ein Paper schreiben. Das Niveau in VWL ist eher etwas tiefer als an der UZH, der Arbeitsaufwand während des Semester aber entschieden höher. Wenn du gut Spanisch sprichst, kannst du vom interaktiven Unterrichtsstil der hervorragenden Professoren sicher profitieren. Wenn nicht, kann man die Papers auf Englisch lesen und je nach Professor an der Prüfung auch auf Englisch antworten bzw. die Arbeiten auf Englisch schreiben. Erwarte aber nicht extra Zeit an der Prüfung wie es an der UZH üblich ist.

Leben/Freizeit

Die Chilenen sind sehr herzlich und zuvorkommend. Das Nachtleben in Santiago ist erstklassig, das kulturelle Angebot für eine Metropole eher bescheiden. Obwohl man alles was das Herz begehrt in Santiago machen kann, empfehle ich wärmstens die Stadt auch zu verlassen. Santiago ist nicht Chile! Übers Wochenende kann man beispielsweise ins einzigartige Valparaiso fahren, ans Meer nach Viña oder Horcon oder nach Mendoza in Argentinien gehen. Für Naturliebhaber ist der Cajon del Maipo zu erwähnen. Wer vor oder nach dem Semester noch Zeit hat, sollte unbedingt auch den Süden (Pategonien) oder den Norden (Atacama) kennen lernen.